Ein Mann der leisen Töne und klaren Ansichten

Bundesweite Aufmerksamkeit erregte Erfurts Bischof Ulrich Neymeyr, als er die Dombeleuchtung ausschaltete und den AfD-Demos auf dem Domplatz die Kulisse stahl. Zum Geburtstag pilgert er durch Thüringen.

Geburtstag | Erfurt - 12.08.2017

Bischof Ulrich Neymeyr ist kein Mann lauter Töne, aber klarer Ansichten. Für die AfD ist er ein rotes Tuch. Als die Partei unter Leitung ihres Thüringer Landeschefs Björn Höcke im Herbst 2015 bei abendlichen Demonstrationen auf dem Domplatz begann, gegen Flüchtlinge und den Islam zu hetzen, blieb die sonst angestrahlte Kulisse des Doms plötzlich dunkel. Ein stiller, aber weithin beachteter Protest, der konsequent bei jeder AfD-Demo fortgesetzt wurde. An diesem Samstag feiert Neymeyr, der seit November 2014 das Bistum Erfurt leitet, seinen 60. Geburtstag.

Die Art und Weise, wie er das Jubiläum begeht, ist bezeichnend: Seit vergangenem Mittwoch pilgert Neymeyr mit allen, die Lust haben ihn zu begleiten, täglich 30 Kilometer. Ziel ist am Samstag der Hülfensberg, der bedeutendste Wallfahrtsort des katholisch geprägten Eichsfeldes im Nordwesten Thüringens. "Ich habe schon so viel von den Fußwallfahrten hier gehört und bin die Strecke immer nur im Auto gefahren – jetzt wollte ich wissen, wie es zu Fuß ist", erzählt er. Und wie bekommt ihm das stramme Tagespensum? "Bislang merke ich davon noch genauso wenig wie vom Alter", sagt Neymeyr mit seinem Lachen, das stets leicht schüchtern wirkt und mit dem er sich etwas Jungenhaftes bewahrt hat.

Überraschungskandidat mit Sympathiefaktor

Nach Joachim Wanke ist Neymeyr der zweite Bischof des 1994 neu gegründeten Bistums Erfurt mit seinen derzeit rund 149.500 Gläubigen. Der gebürtige Wormser, der von 2003 bis 2014 als Weihbischof im Bistum Mainz wirkte, galt bei seiner Ernennung als "Überraschungskandidat mit Sympathiefaktor". Jenseits von Hessen kannten ihn zwar wenige, Kenner bescheinigten ihm aber eine hohe theologische Kompetenz und große pastorale Erfahrung. Nach gut zweieinhalb Jahren fühlt Neymeyr sich jetzt nach eigenem Bekunden "gut angekommen" und heimisch in Thüringen.

Ulrich Neymeyr im Erfurter Dom.
Bischof Ulrich Neymeyr bei seiner Amtseinführung im Erfurter Dom.
 Bistum Erfurt/Pool

Die von seinem Vorgänger bereits 2012 eingeleitete Strukturreform im Bistum setzt er konsequent um: Von den seinerzeit 72 Pfarreien sollen bis 2020/21 noch 33 übrig bleiben. Mit der Hervorhebung von "Kirchorten" drückte Neymeyr dabei der Umstrukturierung einen eigenen Stempel auf. Es sei mehr als eine sprachliche "Umetikettierung" der bisherigen Filialgemeinden, die zu einer Pfarrei gehören. "Ich hoffe, dass die Kirchorte eine Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit entwickeln, auch wenn dort kein Pfarrer mehr wohnt", erläutert der Bischof.

Die Thüringer AfD, die schneller als andere Parteiteile an der Rechtsaußen-Linie tänzelte, verlangte von Neymeyr früh eine Auseinandersetzung mit der Partei. Er besuchte eine AfD-Demo auf dem Domplatz und war entsetzt über fehlendes Mitgefühl für Flüchtlinge: "Da war überhaupt nichts von Empathie oder gar Solidarität zu spüren, nur blanke Ablehnung." Er sprach mit katholischen AfD-Landtagsabgeordneten und bekam für die "Licht aus"-Aktion zahlreiche Mails und Briefe – meist ablehnend und beleidigend. Wer nicht anonym schrieb und sachlich blieb, dem antwortete er.

Sachliche Auseinandersetzung mit der AfD

Neymeyr wirbt für eine sachliche Auseinandersetzung mit der AfD. Als "wichtige Orientierungshilfe zur Meinungsbildung" empfiehlt er dazu die im Auftrag der ostdeutschen katholischen Büros erstellte Studie der Universität Münster, die AfD-Positionen auf ihre Kompatibilität mit der katholischen Soziallehre prüfte und massive Differenzen feststellte. Mit Blick auf die Bundestagswahl mahnt Neymeyr: "Ich bitte Sie sehr, sich nicht von Stimmungen verführen zu lassen."

Das Verhältnis zu dem thüringischen Ministerpräsidenten aus der Links-Partei, Bodo Ramelow, ist unkompliziert, auch wenn Neymeyr in der Sache – etwa bei der Finanzierung freier Schulen – mit der rot-rot-grünen Landesregierung mitunter ringen muss. In der Ökumene läuft es ebenfalls gut: Mit seiner "Amtsschwester", Landesbischöfin Ilse Junkermann, zieht Neymeyr häufig an einem Strang. Nicht zuletzt im öffentlichen Streit um ein Erfurter Moscheebau-Projekt. In einer gemeinsamen Erklärung mahnten beide: "Wer die Religionsfreiheit infrage stellt, sollte sich fragen, ob er auf dem Boden unseres Grundgesetzes steht."

Von Karin Wollschläger (KNA)

RSS-Feeds  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017