Ein Prophet mit Weitblick

Viele Jahre lang galt er als Feigling – doch inzwischen ist Franz Jägerstätters christlicher Widerstand gegen den Nationalsozialismus weithin anerkannt. Vor 75 Jahren wurde der Selige hingerichtet.

NS-Zeit | Berlin - 09.08.2018

Lange Zeit sah man ihn nicht als Widerstandskämpfer, sondern als Feigling, der Familie und Vaterland verraten habe. Doch diese Zeiten sind vorbei. Inzwischen ist das Zeugnis Franz Jägerstätters als Gegner des Nationalsozialismus anerkannt und in Kirche und Politik vielfach zu Ehren gekommen. Heute vor 75 Jahren, am 9. August 1943, wurde der österreichische Katholik von den Nationalsozialisten mit dem Fallbeil hingerichtet, weil er aus religiösen Gründen den Dienst in der Wehrmacht verweigert hatte.

Vorgezeichnet ist der Weg in den Widerstand nicht, als Jägerstätter am 20. Mai 1907 als Franz Huber im St. Radegund unweit von Adolf Hitlers Geburtsort Braunau am Inn geboren wird. Als uneheliches Kind bitterarmer Eltern wächst er zunächst bei seiner Großmutter mütterlicherseits und ab 1914 – nachdem sein Vater im Ersten Weltkrieg gefallen ist – auf dem Hof seiner Großeltern väterlicherseits auf. Drei Jahre später heiratet seine Mutter den Bauern Heinrich Jägerstätter, der Franz adoptiert und dessen Namen der Junge annimmt.

Seine Frau als "geistliche Lebensbegleiterin"

Als sein kinderloser Stiefvater 1933 stirbt, erbt Jägerstätter, der in den Jahren zuvor als Bergarbeiter in der Steiermark gearbeitet hat, dessen Bauernhof. Sein weiterer Lebensweg als Landwirt scheint vorgezeichnet. Doch die Heirat mit Franziska Schwaninger gibt seinem Leben ab 1936 eine neue Richtung. Seine Frau, mit der er drei Töchter bekommt, wird für ihn zur "geistlichen Lebensbegleiterin". Angeregt durch ihre Frömmigkeit besucht er fortan regelmäßig die Heilige Messe, liest täglich in der Bibel und wird in seinem Heimatort Küster. Seine Frau, die erst 2013 im Alter von 100 Jahren stirbt, sagt später über diese Zeit: "Wir haben einer dem anderen weiter geholfen im Glauben."

Linktipp: Erinnerung an die Blutzeugen

Bereits 1952 gab es die Idee einer Gedenkkirche. Seit 1963 ist das Berliner Gotteshaus "Maria Regina Martyrum" der zentrale Gedenkort der deutschen Katholiken für die christlichen Opfer des NS-Staats. (Artikel von Januar 2015)

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Dem Nationalsozialismus steht Jägerstätter von Anfang an kritisch gegenüber. Im Januar 1938, kurz vor dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich, sieht er im Traum einen Zug, in den immer mehr Menschen einsteigen, bevor er eine Stimme sagen hört: "Dieser Zug fährt in die Hölle." Jahre später, als er schon inhaftiert ist, deutet er diesen Traum als Warnung vor dem Hitler-Regime. Bei der Volkabstimmung über den "Anschluss" im April 1938 stimmt Jägerstätter als einziger in St. Radegund mit "Nein". Seine Ablehnung des NS-Regimes zeigt sich in der Folge unter anderem darin, dass er sich immer mehr aus dem öffentlichen Leben seiner Gemeinde zurückzieht.

Im Juni 1940, neun Monate nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, wird Jägerstätter erstmals zur Wehrmacht einberufen. Auf Intervention des Bürgermeisters von St. Radegund kann er jedoch bereits nach wenigen Tagen auf seinen Hof zurückkehren. Im Oktober desselben Jahres folgt die nächste Einberufung. Diesmal dauert es bis April 1941, ehe er als "unabkömmlich" eingestuft wird und die Armee erneut verlassen kann. Nach dieser Rückkehr fasst Jägerstätter den Beschluss, einer weiteren Einberufung nicht mehr Folge zu leisten. Im Krieg mitzukämpfen und Menschen zu töten, damit das NS-Regime die ganze Welt beherrschen kann, sieht er als Sünde an. Seine Frau bestärkt ihn in seiner Haltung; Verwandte, Freunde und sogar der Linzer Bischof Josef Fließer versuchen dagegen, ihn angesichts der Gefährlichkeit seines Entschlusses umzustimmen – vergeblich.

Jägerstätter verweigert den Wehrdienst aus religiösen Gründen

Als Jägerstätter schließlich am 23. Februar 1943 die erneute Einberufung zur Wehrmacht erhält, erklärt er wenige Tage später bei seiner Kompanie in Enns, "dass er auf Grund seiner religiösen Einstellung den Wehrdienst mit der Waffe ablehne, dass er gegen sein religiöses Gewissen handeln würde, wenn er für den nationalsozialistischen Staat kämpfen würde". Er könne, so Jägerstätter weiter, nicht gleichzeitig Nationalsozialist und Katholik sein. In den Augen des Regimes ist diese Haltung "wehrkraftzersetzend".

Jägerstätter wird verhaftet und zunächst in ein Gefängnis nach Linz gebracht, wo er gefoltert wird; zwei Monate später verlegen ihn die Nationalsozialisten er in das Untersuchungsgefängnis der Wehrmacht in Berlin. Hier erfährt er durch einen Gefängnisseelsorger von dem österreichischen Pallottinerpater Franz Reinisch, der ebenfalls den Wehrdienst verweigert hatte und dafür ein Jahr zuvor hingerichtet worden war. Für Jägerstätter ist Reinischs Schicksal eine Ermutigung: "Das habe ich doch immer gesagt, ich kann doch nicht auf dem falschen Weg sein, wenn aber sogar ein Priester sich so entschieden hat und dafür in den Tod gegangen ist, dann darf ich das auch tun."

Franz Jägerstätters Witwe Franziska (r.) übergab bei der Seligsprechung im Jahr 2007 an den damaligen Linzer Bischof Ludwig Schwarz eine Reliquie ihres Mannes.
 dpa

Am 6. Juli, drei Monate nach seiner Verhaftung, wird Jägerstätter vom Reichskriegsgericht in Berlin wegen "Zersetzung der Wehrkraft" zum Tode verurteilt; auf seine Bereitschaft, Sanitätsdienst zu leisten, geht das Gericht nicht ein. Am 9. August wird er nach Brandenburg an der Havel gebracht und dort um 16 Uhr hingerichtet. Der Gefängnisseelsorger Albert Jochmann, der Jägerstätter auf seinem letzten Weg begleitet, sagt später über ihn: "Er hat als Heiliger gelebt und ist als Heiliger gestorben."

Bis sich diese Sichtweise durchsetzte, war es jedoch noch ein weiter Weg. Zunächst wurde Jägerstätter nach 1945 in Österreich nicht einmal als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus anerkannt; seine Witwe bekam erst 1950 eine Witwenrente nach dem Kriegsopferfürsorgegesetz. Jägerstätters Name wurde zudem erst nach heftigen Auseinandersetzungen unter die Toten des Zweiten Weltkriegs auf dem Kriegerdenkmal seiner Heimatgemeinde Sankt Radegund aufgenommen.

"Ein gläubiger Mensch, dem Gott wirklich Mitte und Zentrum des Lebens war"

Und auch die Kirche tat sich im Umgang mit Jägerstätter lange Zeit schwer. Bischof Fließer, den Jägerstätter vor seiner Gewissensentscheidung zur Wehrdienstverweigerung um Rat gefragt hatte, sagte 1946 mit Blick auf dessen Schicksal: "Ich halte jene idealen katholischen Jungen und Theologen und Priester und Väter für die größeren Helden, die in heroischer Pflichterfüllung gekämpft haben und gefallen sind." Fließers Einschätzung wurde noch lange Zeit von vielen Menschen geteilt.

Erst allmählich änderte sich die Sicht auf Jägerstätter – doch inzwischen ist seine aus dem christlichen Glauben erwachsene Haltung gegen den Nationalsozialismus in Kirche und Gesellschaft weithin anerkannt. 1997 wurde das kirchliche Seligsprechungsverfahren für ihn eröffnet, und zehn Jahre später, am 26. Oktober 2007, erhob ihn die Kirche im Linzer Mariendom in Gegenwart seiner Frau zur Ehre der Altäre. Der Linzer Bischof Ludwig Schwarz würdigte Jägerstätter aus Anlass der Seligsprechung als "Prophet mit einem Weitblick und Durchblick, wie ihn damals die wenigsten seiner Zeitgenossen hatten". Jägerstätter sei ein "Vorbild in der Treue zum Gewissensanspruch, Anwalt der Gewaltlosigkeit und des Friedens, Warner vor Ideologien, er ist ein gläubiger Mensch, dem Gott wirklich Mitte und Zentrum des Lebens war".

Von Steffen Zimmermann

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