"Es ist ein Skandal für den Leib Christi"

Donald Trumps Reform der Einwanderung sorgt für Proteste in den USA. Auch einen texanischen Bischof bringen Mauerbau und Massenabschiebungen in Rage. In einem Hirtenbrief macht er seinem Ärger Luft.

USA | Bonn - 22.07.2017

"Ich bin Seelsorger einer Diözese, zerschnitten von Mauern und Kontrollpunkten die Menschen von ihren Angehörigen trennen." Bischof Mark Joseph Seitz nennt die Dinge beim Namen. In seinem jüngsten Hirtenbrief macht er seinem Ärger über die Situation in seiner Diözese El Paso in Westtexas wortgewaltig Luft – und erhält dafür große Aufmerksamkeit. Seine Bischofsstadt ist ein Brennpunkt der Einwanderungskrise der USA, die sich unter Präsident Donald Trump weiter massiv verschärft. In Seitz' Stadt El Paso steht die Mauer bereits, die sich Trump für die gesamte Grenze zu Mexiko wünscht.

"Als ihr Hirte kann ich diesen Stein des Anstoßes, dieses System, das so viel Leid im Volk Gottes hervorruft, nicht ignorieren", erklärt Seitz den Gläubigen sein Anliegen. Bereits auf den ersten Zeilen seines langen Briefes kritisiert er eine "fehlgeleitete Politik", Deportationen und politische Rhetorik, die "Angst in unseren Pfarreien und Nachbarschaften" hervorrufe. "Unser kaputtes Einwanderungssystem ist eine Wunde in dieser Grenzgemeinde. Es ist ein Skandal für den Leib Christi in El Paso."

"Gott hat uns reich gesegnet"

Die Großstadt in der Chihuahua-Wüste zählt bei steigender Tendenz derzeit etwa 650.000 Einwohner – fast drei Viertel von ihnen sind Hispanics. Die Einwohner lateinamerikanischer Abstammung sorgen für einen hohen Katholikenanteil von fast 80 Prozent. Vor allem aber tragen sie die Erfahrungen der illegalen Einwanderer in die Gemeinden. Doch Seitz bemüht sich, auch die anderen Seite seines Bistums zu beleuchten: "Gott hat unsere Grenzgemeinde reich gesegnet", sagt er. Und deshalb weise er auch Behauptungen zurück, die Stadt sei ein "Ort von Chaos, Gewalt und Körperverletzungen".

Stattdessen betont der Bischof in seinem Schreiben den großen Wert der Immigration. "Unsere Grenze bringt Kulturen, Völker und Länder zueinander", sagt er. Die Gemeinschaft hätte eine "einzigartige Berufung, die christliche Tugend der Gastfreundschaft zu üben". Im Gegenzug leisteten die Einwanderer einen wertvollen Beitrag für die angestammte Gesellschaft: "Migranten sind prophetisch in ihrem gelebten Zeugnis der Werte, die in der heutigen Kultur immer weiter an den Rand gedrängt werden: Glaube, Wertschätzung des Lebens und der Familie."

Familien treffen sich an der Grenze zwischen den USA (oben) und Mexiko (unten).
Familien treffen sich an der Grenze zwischen den USA (oben) und Mexiko (unten) bei El Paso.
 picture alliance / AP Photo / Ivan Pierre Aguirre

Trump bringt dieser positiven Rolle der Migranten in der Gesellschaft keine Wertschätzung entgegen. Stattdessen forciert seine Regierung derzeit eine aggressive Abschiebungspolitik. Demnach sollen auch illegale Einwanderer ohne Vorstrafen massenhaft das Land verlassen, egal ob dadurch Familien auseinander gerissen werden. Diese verschärfte Gangart bringt Bischof Seitz in Rage. Gesetze müssten immer dem Menschen dienen und dessen Wohlergehen sichern, erklärt er. Der Bischof kommt zu einem eindeutigen Urteil: "Mauern zu bauen, eine Truppe zur massenhaften Abschiebung aufzustellen und die Grenze zu militarisieren sind keine langfristigen Lösungen für die Herausforderungen der Migration." Eine Reform der Gesetzeslage müsse legale und sichere Einwanderung ermöglichen, Familien schützen und Fluchtursachen in den Blick nehmen, ohne dabei die Augen vor Bedrohungen wie etwa dem Terrorismus zu verschließen, sagt Seitz. "Wir werden nie ein Utopia in unserer zerbrochenen Welt errichten. Nur vergängliche Güter zu schützen ist nicht unser Ziel."

Unser kaputtes Einwanderungssystem ist eine Wunde in dieser Grenzgemeinde.

Bischof Mark Joseph Seitz über die Lage in El Paso

Bischof will keine Zollbeamten in kirchlichen Einrichtungen

Bischof Seitz beklagt die Realität nicht nur, er will sie auch ändern. Und dazu wendet er sich schließlich auch direkt an die unterschiedlichen Gruppen von Gläubigen in seiner Diözese. So warnt er die Verantwortlichen in Polizei und Zoll: Der Bischof habe Gemeinden und Schulleiter angewiesen, Vollzugsbeamte "respektvoll" abzuweisen, wenn sie versuchen auf kirchlichem Gelände ohne richterlichen Beschluss Abschiebungen zu vollstrecken. Gleichzeitig ruft der Oberhirte Priester und Gläubige auf, nicht müde zu werden, sich für Bedrängte Mitchristen einzusetzen und ihnen zu helfen, wo es nötig ist. Die vielleicht wichtigste Botschaft aber sendet der Bischof an die Migranten selbst: "Als Ihr Bischof gelobe ich meine Verpflichtung, in dieser Zeit voll Sorge und Angst an Ihrer Seite zu stehen. Ich verspreche, Ihnen zuzuhören, mit Ihnen zu feiern, das Brot mit Ihnen zu Brechen, mit Ihnen zu beten und zu weinen."

Von Kilian Martin

Der Hirtenbrief in voller Länge

Die Diözese El Paso hat zur Präsentation des Hirtenbriefs eine eigene Projektseite angelegt. Dort kann das Schreiben in englischer oder spanischer Sprache nachgelesen werden.

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