"Maria führt mich zu Christus"

Er trägt den Namen der Gottesmutter als zweiten Vornamen: Eichstätts Bischof Gregor Maria Hanke. Im Interview mit katholisch.de spricht er über seine persönliche Marienfrömmigkeit und 100 Jahre Fatima.

Heilige | Eichstätt - 20.03.2017

Frage: Herr Bischof, Sie tragen den Namen der Gottesmutter als zweiten Vornamen. Welche Rolle spielt Maria in Ihrem Leben?

Hanke: Maria spielt seit meiner Geburt eine wichtige Rolle für mich - immerhin bin ich im Marianischen Jahr 1954 geboren worden. Aus diesem Grund haben meine Eltern meinen Taufnamen Franz mit dem zweiten Vornamen Maria kombiniert. In meiner Familie wurde eine starke marianische Spiritualität gelebt - besonders von meiner Mutter. Sie hat mich schon als Kind auf Wallfahrten mitgenommen. Und auch wenn ich deren tieferen Sinn damals natürlich noch nicht verstanden habe, war ich immer fasziniert. Meist gab es für mich auch ein kleines Geschenk: Zum Beispiel erinnere ich mich, wie mir meine Mutter bei einer Wallfahrt Ende der 1950er Jahre an einem Devotionalienstand eine Mutter-Gottes-Statue in einer Schneekugel geschenkt hat. Doch jenseits solch eher humorvoller Kindheitserinnerungen: Der Rosenkranz und die Marienfeste - all das war immer fester Bestandteil unseres familiären Lebens.

Frage: Wie ist das heute? Was gibt Ihnen die Gottesmutter in Ihrem Alltag als Bischof mit auf den Weg?

Hanke: Maria ist heute für mich ein Sinnbild für die Kirche. Wenn ich mit Maria spreche, wenn ich zu ihr bete, dann ist das immer auch ein Gespräch mit der Kirche und der Gegenwart. Maria ist für mich der Inbegriff dafür, dass die Kirche Bodenhaftung haben muss und dass sie in der Gegenwart steht. Maria ist die Frau aus dem Volke, so heißt es ja in einem Lied, die das Arbeitsleben, das harte Leben der Menschen aus eigener Erfahrung kennengelernt hat. Deswegen muss Maria auf die Kirche verweisen und die Kirche auf Maria.

Frage: Wenn man auf Deutschland und die Kirche hierzulande blickt, hat man - anders als in Ihren Schilderungen - teilweise das Gefühl, dass eine lebendige Marienfrömmigkeit eher belächelt oder gar spöttisch kommentiert wird. Wie nehmen Sie das wahr?

Hanke: In unserem Bistum habe ich diesen Eindruck nicht. Ich stelle gerade an unseren Marienwallfahrtsorten fest, dass dort eine sehr ernste Marienfrömmigkeit gepflegt wird - und zwar eine Marienfrömmigkeit, die auf Christus hinweist. Mir ist schon als Kind vermittelt worden: Wo Maria ist, ist Christus. Maria ist der menschliche Weg hin zu Christus. Es ist nicht der Weg der theologischen Reflexion, nicht der Weg der Mystik, sondern es ist der Weg des schlichten menschlichen Vertrauens. Ich begebe mich an die Hand einer Frau, die vieles von dem Leben zu teilen weiß, das ich lebe. Und ich weiß, Maria führt mich zu Christus hin. Das ist - ganz einfach auf den Punkt gebracht - die marianische Spiritualität, die ich schon als Kind erfahren habe.

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Frage: Dann frage ich mit Blick auf Deutschland noch einmal anders: Glauben Sie, dass es angesichts der Situation der Kirche hierzulande notwendig ist, die Gottesmutter wieder stärker ins Zentrum zu rücken?

Hanke: Ja, so gefragt halte ich das für sehr wichtig - gerade mit Blick auf die charismatische Dimension der Kirche. Wir reden heute oft von Strukturen und Plänen. Das sind jedoch Debatten, die stark auf die amtliche Verfasstheit der Kirche verweisen. Die Gottesmutter dagegen macht uns auf die charismatisch-prophetische Dimension der Kirche aufmerksam. Maria hat uns Christus gebracht, und dieses Christus-Bringen ist ja eigentlich das Geschenk der vielfältigen Charismen, der Lebendigkeit, die wir in der Kirche haben und die wir brauchen. Von daher glaube ich, dass eine gesunde marianische Spiritualität wichtig ist für eine lebendige und offene Kirche. Nur in einer wirklich offenen Kirche wird das charismatische Element Raum finden. Das kann man aber nicht von oben verordnen, dieses Element muss vielmehr aus einer spirituellen Haltung heraus erwachsen.

Frage: Täuscht die Vermutung, dass es an genau dieser Haltung hierzulande mangelt? Immerhin haben Sie selbst einmal einen Mangel an Gebetspraxis und Glaubensfreude in Deutschland beklagt...

Hanke: Mein Eindruck ist leider schon, dass uns eine lebendige Christusbeziehung zu oft dadurch versauert wird, dass wir den Glauben als schwere Last empfinden. Um es mit einem Bild zu beschreiben: Viele Menschen begreifen den Glauben nicht als Motor, sondern als PKW-Anhänger, den sie durch ihr Leben ziehen. Doch genau das macht den Glauben für viele Menschen beschwerlich - und irgendwann hängen sie den Anhänger dann ab, um vermeintlich schneller durchs Leben zu kommen. Dieses negative Bild kann man nur durchbrechen, wenn man darauf vertraut, dass der Glaube tatsächlich ein Motor ist, der das Leben beschwingt und im eigentlichen Sinne bewegt.

Frage: Wie kann die Gottesmutter dabei helfen, den Glauben als Motor für das eigene Leben zu begreifen?

Hanke: Mir persönlich hat es immer sehr geholfen, den biblischen Weg Mariens zu betrachten. Sie musste erst lernen, was das von ihr empfangene Kind für eine eigentliche Bedeutung hatte. Die Botschaft, die sie bei der Empfängnis gehört hat, hat sie zwar aufgenommen, aber sie musste diese Botschaft erst entwickeln. Bei Maria können wir - sogar noch bis hin zur Hochzeit von Kana und dann unter das Kreuz - einen Prozess der Glaubensentwicklung erleben. Das macht mir persönlich Mut, dass auch mein Weg des Glaubens auf Entwicklung angelegt ist. Es geht nicht darum, eine Last zu tragen - Christus will vielmehr, dass ich mich entfalte. Er gibt mir Gaben, er traut mir etwas zu, manchmal mutet er mir auch etwas zu. All das soll letztlich dazu beitragen, dass ich mein wahres Menschsein entfalten kann. Und von daher kommt auch diese Freude, dieses Wissen: Ich bin getragen, ich bin geborgen.

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Wer ist Maria? Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger".
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Frage: Gelingt Ihnen das immer in Ihrem Alltag, sich diese Freude zu bewahren?

Hanke: Nein. Auch ich habe Phasen, in denen ich mich runterziehen lasse von meinen alltäglichen Mühen. Manchmal ärgere ich mich auch, da sammelt sich dann durchaus Beichtmaterie an. Dann aber - insbesondere wenn ich eine Marienikone sehe oder in unserem Eichstätter Dom vor der wunderbar lächelnden Madonna stehe - denke ich mir wieder: Mensch, du bist doch getragen! Du bist unterwegs mit Christus, wie Maria mit Christus unterwegs war. Ich darf Vertrauen haben; er ist da, er trägt mich und er entwickelt mich.

Frage: Getragen fühlen kann man sich auch vom großen Schatz der Mariengebete. Welches ist ihr Lieblingsgebet?

Hanke: Da ich auch von der ostkirchlichen Tradition geprägt bin, mag ich den Hymnos Akathistos sehr. Dieses Marienlob ähnelt unserer Lauretanischen Litanei und bewegt mir immer wieder das Herz. Ebenso natürlich die Marianischen Antiphonen beim Brevier. Wenn ich im Bischofshaus das Stundengebet bete, dann singe ich zum Abschluss auch schon einmal die Marianische Antiphon - etwa bei der Komplet oder manchmal auch schon bei der Vesper.

Frage: Mit Blick auf die Verehrung der Gottesmutter spielt Fatima 2017 eine herausgehobene Rolle, immerhin feiert der Marienwallfahrtsort in Portugal in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum. Welche Bedeutung hat der Ort für Sie persönlich?

Hanke: Das Spannende an Fatima ist für mich, dass Gott sich überhaupt an diesem Ort geöffnet hat. Die drei Hirtenkinder sind Maria und damit auch Christus begegnet - und zwar nicht in irgendeiner großen Stadt oder an einer bedeutenden Universität, sondern fernab jeglicher Zivilisation. Das Gott sich durch Maria in Fatima so berührbar gemacht hat, das ist für mich das eigentlich Faszinierende. Es gibt letztlich keine Gott-ferne Gegend, keinen Gott-fernen Winkel auf unserer Erde. Gott kann überall berührt werden, er kann sich durch vielfältige Zeichen überall offenbaren. Auch in unserem Alltag gibt es immer wieder Begegnungen, die uns auf den Weg zu Christus bringen oder unsere Beziehung zu ihm vertiefen können. In solchen Momenten machen wir ähnliche Erfahrungen wie die Kinder von Fatima - für solche Geschenke in unserem Alltag können wir nur dankbar sein.

Von Steffen Zimmermann

Zur Person

Bischof Gregor Maria Hanke OSB (*1954) ist seit 2006 Bischof von Eichstätt. Zuvor war er von 1993 bis 2006 Abt der Benediktinerabtei Plankstetten. In der Deutschen Bischofskonferenz ist Hanke Mitglied der Kommissionen für Ehe und Familie sowie für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste.

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