Studie belegt Missbrauch an kirchlichem Internat

An einer Schule im Erzbistum Köln gab es wiederholt Fälle körperlicher und sexueller Gewalt. Das belegt eine neue Studie, gegen deren Veröffentlichung es Vorbehalte gab - jedoch nicht seitens der Kirche.

Erzbistum Köln | Köln - 13.09.2017

An dem 1997 aufgegeben Jungeninternat "Collegium Josephinum" des Erzbistums Köln in Bad Münstereifel gab es wiederholt Fälle körperlicher und sexueller Gewalt. Eine am Mittwoch in Köln vorgestellte Studie kommt zu dem Schluss, dass "eine vergleichsweise hohe Zahl an Fachkräften" mindestens seit den 1950er Jahren bis Ende der 1970er Jahre ihre Macht systematisch missbraucht haben. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki bekundete Scham und "große Trauer".

Er bat die Opfer erneut um Vergebung. "Solche Verbrechen dürfen in unseren Einrichtungen nie wieder begangen werden", sagte er. "Der Bericht zeigt, dass systemisches Versagen großes individuelles Leid bewirkt hat. Mangelnde Ausbildung und fehlende Kompetenz haben zu einer Situation des Wegsehens geführt, in der Kinder schutzlos Gewalt und Missbrauch ausgeliefert waren."

Nach den Angaben von Betroffenen waren sechs Priester und eine weitere Fachkraft sexuell übergriffig. Laut Studienautorin Claudia Bundschuh gab es zwar keine Vergewaltigung und keinen Geschlechtsverkehr, wohl aber den Versuch, Opfer zur Masturbation an sich selbst oder den Tätern zu bewegen. Vier der Priester wie acht weitere Fachkräfte seien körperlicher Misshandlungen beschuldigt worden; neben Ohrfeigen habe es Stockschläge, Tritte oder Züchtigungen mit nachhaltigen Verletzungen gegeben. Auch psychische Gewalt habe stattgefunden, indem Opfern Minderwertigkeitsgefühle vermittelt worden seien. Wie viele Jungen tatsächlich Opfer von Missbrauch und Gewalt wurden, lasse sich nicht ermitteln.

Kardinal Rainer Maria Woelki empfindet "große Trauer" ob des Missbrauchs am Collegium Josephinum Bad Münstereifel.
 KNA

Der Kardinal sagte, die Gewissheit, dass über viele Jahre jungen Menschen in Einrichtungen der Erzdiözese "schlimmes Leid" zugefügt worden sei, zumal von Priestern, gehöre zu den schwersten Erkenntnissen seines bischöflichen Dienstes. Solche Vergehen dürften nicht mehr vorkommen.

Dafür soll unter anderem die Priesterausbildung verändert werden: Ein Fokus müsse künftig auch "auf der sittlich moralischen Reife" der Kandidaten liegen, sagte Woelki. An den Erzbischöflichen Schulen seien schon vor längerer Zeit Maßnahmen ergriffen worden, um für das Thema zu sensibilisieren und "eine Kultur des Wegsehens" zu vermeiden.

Nach Angaben des Missbrauchsbeauftragten der Erzdiözese, Oliver Vogt, haben Opfer in Anerkennung des Leids je nach Schwere Zahlungen zwischen 5.000 und 15.000 Euro erhalten. Vier der beschuldigten Priester lebten noch. Strafrechtlich seien die Fälle aber verjährt. Um kirchenrechtlich gegen sie vorgehen zu können, benötige das Erzbistum über die vertraulichen Angaben in der Studie hinaus konkrete Vorwürfe von Opfern.

Bei zwei Geistlichen ist dies laut Vogt geschehen. Ihre Fälle seien zur Entscheidung an die Glaubenskongregation in Rom weitergeleitet worden. Beide Priester seien zudem mit einem öffentlichen Zelebrationsverbot belegt worden. Einer von ihnen sei nicht mehr im Dienst, der andere in den Ruhestand versetzt worden.

"Bericht von Betroffenen"

Laut Bundschuh ist es "kein Bericht über Betroffene", sondern ein "Bericht von den Betroffenen". Sie hätten auf die Inhalte und Ausgestaltung der Studie maßgeblich Einfluss genommen. 100 Ehemalige des Konvikts hätten ihre Erfahrungen schriftlich oder mündlich mitgeteilt. Ein Drittel habe dabei über positive Erfahrungen berichtet. Die Angaben dieser "tertiär Betroffenen" zeigten, dass es im Umgang der Fachkräfte mit den Kindern und Jugendlichen im Laufe der Jahrzehnte einen Wandel gegeben habe. Zur jüngst geäußerten öffentlichen Kritik von "tertiär Betroffenen" an der Studie meinte Bundschuh, dass diese nur von einzelnen komme und die Gruppe nicht homogen sei.

Eine Gruppe ehemaliger Schüler des Collegium Josephinums hatte am Dienstag darauf hingewiesen, dass sie besonders in den 80er- und 90er-Jahren "eine überwiegend gute, glückliche und bereichernde Zeit" in dem Konvikt erlebt hätten. "Wir sorgen uns, dass dem bereits durch die Missbräuche geschehenen Unrecht neues hinzugefügt wird, indem die Geschichte des Konvikts auf die Missbrauchsfälle reduziert wird", heißt in einer entsprechenden Pressemitteilung. Dadurch würden alle ehemaligen Schüler "in den Augen der Öffentlichkeit potenzielle Missbrauchsopfer." Auch frühere Erzieher und Lehrer gerieten unter den Generalverdacht, selbst Missbrauchstäter gewesen zu sein oder die Augen vor den Taten anderer verschlossen zu haben.

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Der Missbrauchsskandal erschütterte die katholische Kirche in ihren Grundfesten. Seit 2010 die ersten Fälle bekannt wurden, bemüht sich die Kirche um Aufarbeitung der Geschehnisse. Katholisch.de dokumentiert die wichtigsten Etappen.

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Die ehemaligen Schüler kritisierten außerdem, dass das Erzbistum eine geplante Informationsveranstaltung direkt im Anschluss an die öffentliche Präsentation abgesagt hatte. Zur Begründung hieß es seitens der Erzdiözese, es habe verhindert werden sollen, dass Betroffene und Gegner der Studie aufeinander treffen. Es habe die Gefahr bestanden, dass Missbrauchsopfer durch eine direkte Begegnung mit den "tertiär Betroffenen" erneut schwer belastet würden. Das Bistum berichetet über telefonische Rückmeldungen "in unangemessener Tonlage" und nicht spezifischen Drohungen.

Kritik an Reaktion des Bistums

Die Gruppe ehemaliger Schüler hält die Reaktion des Bistums für falsch. "Besser wäre es gewesen, für eine sichere Durchführung der Veranstaltung zu sorgen oder zumindest die gewählten Vertreter der Betroffenen zur Vorstellung der Ergebnisse einzuladen", so die Initiative, die gleichzeitig jegliche Art von Drohungen verurteilt. (gho/KNA/dpa)

13.092017, 14:15 Uhr: ergänzt um Zitate Kardinal Woelkis

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