Der harmlose "König Adventus"

Volker Resing über die Risiken von Familiengottesdiensten

Standpunkt | Bonn - 27.12.2016

An Heiligabend im Familiengottesdienst begegnete mir zum ersten Mal "König Adventus". Seine Geschichte wurde von Kindern vorgelesen. "Adventus" hat die Weihnachtsgeschichte "verloren" und sucht sie nun wieder. Als ein Bettlerehepaar an der Schlosstür steht, kapiert er noch nichts, und schickt die Hilfesuchenden weg. Erst später merkt der König dann, dass der junge Mann, die Frau und das Kind ja zu seiner Geschichte passen. Zum Finale gibt es dann ein Festmahl mit  "Weihnachts-Schafs-Käse-Kuchen" und alles wird gut. "Lukas 2" ist wieder vollständig.

Nun ist es wohlfeil sich über Infantilisierungen in der Kirche aufzuregen. Natürlich brauchen Kinder- und Familienmessen auch Formen und Formate, die nicht jedem passen. Dafür ist die Christmette was für Erwachsene - und wer will, kann ja auch zum Pontifikalhochamt in die Bischofsstadt fahren. Auch über Predigten rege ich mich schon lange nicht mehr auf (vielmehr lerne ich von ihnen). Ich kann mich auch mal über Krippenspiele mit lustigen Eselkuscheltieren freuen. Es gehört zur (schwindenden) Volkskirche dazu – auch mit sehr regionalen Besonderheiten -, dass katholische Gottesdienste in ihrer Einheitlichkeit vielfältig und bunt sein können.

Doch über "König Adventus" müssen wir reden. Es gibt nämlich ein merkwürdiges Missverhältnis in vielen Gottesdiensten. Während dann in der Predigt doch die "wachsende Unsicherheit" zur Sprache kommt, während in den Fürbitten Not und Elend der Welt in den Blick geraten, während natürlich in Ansprache und Gedanken Terrorgefahr und Krisengefühl im Raum stehen, wirkt bisweilen die ach so bekannte Weihnachtsgeschichte harmlos und verloren. Dass muss so nicht sein. 

Kinder kriegen alles mit. Wenn Eltern und Großeltern plötzlich ernste Dinge bereden, dann horchen selbst im Legospiel versunkene Jungs unterm Weihnachtsbaum auf zu bauen und fragen nach. "Was habt ihr gerade über Schießen und Tote geredet?" Oder: "Was bedeutet Aleppo?" Weihnachten ist ein Fest der Kinder. Das heißt aber eben nicht, dass Weihnachten harmlos sein muss. Weihnachten ist ein Fest der Freude, das heißt aber nicht, dass es lustig sein muss. Es gibt viele Arten Weihnachten zu feiern, Weihnachtsgottesdienste zu feiern, es geht da nicht um Pauschalkritik. Aber insgesamt scheint es mir: es braucht mehr Ernsthaftigkeit, auch wenn Kinder dabei sind. Ganz im Gegenteil lässt sich – zu Weihnachten! - von Kindern auch Tiefgründigkeit lernen. Infantil sind immer nur die Alten.

Von Volker Resing

Der Autor

Volker Resing ist Chefredakteur der Herder Korrespondenz.

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