Deutschen Widerstand nicht umdeuten!

Pater Mertes über Pegidas neue Lesart der Geschichte

Standpunkt | Bonn - 18.10.2016

Nicolaus Fest fühlt sich dem "antitotalitären Erbe" seines Großvaters Johannes Fest "außerordentlich verpflichtet" und tritt deswegen der AfD bei. Auf Pegida-Demonstrationen wird die Wirmer-Flagge mit dem christlichen Philippuskreuz geschwenkt. AfD-Mann Poggenburg feiert den "ehrlichen, wahren Patriotismus" von Stauffenberg, durch den allein man "willens und in der Lage" sei, "Tyrannei, Diktatur und andere Gefahren wider seinem Land entschlossen entgegenzutreten."

In rechtskonservativen bis rechtsextremen, auch in rechtslastigen christlichen Kreisen macht sich eine neue Lesart der Geschichte des Widerstandes breit. Der Kampf gegen die heutige "Kanzlerdiktatur" und gegen den "totalitären Mainstream" wird in die Tradition des Widerstandes von 1933-1945 gestellt: Das gute Deutschland von Stauffenberg bis Höcke steht gegen das böse Deutschland von Hitler bis Merkel auf. Diese Konstruktion ist anmaßend, übergriffig, ein Hohn auf alles, was aus dem Geist des Widerstandes beim Aufbau der Bundesrepublik geleistet wurde – aber sie funktioniert. Die Versuche der Wirmer-Familie, sich gegen die Instrumentalisierung  zu wehren (so auf der Berliner Gedenkfeier zum 20. Juli in diesem Jahr) prallen an der hermetischen Wahrnehmung des Milieus ebenso ab wie die Richtigstellungen von Wissenschaftlern, wie sie in dieser Woche in der "Zeit" nachzulesen sind. Wir stehen am Anfang der Entstehung eines neuen Mythos.

Manch ein Bedenkenträger wird seinen Kopf nachdenklich wiegen und finden, dass man sich mit Leuten, die so denken, in einen "Dialog" begeben sollte. Ich schlage dagegen einen anderen Dialog vor: Den mit den hinterlassenen Zeugnissen und Texten der Männer und Frauen des Widerstandes. Wer sie liest und dabei die Selbstbestätigungsinteressen hinter sich lässt, hat die Chance, von  falscher Helden-Verehrung geheilt zu werden und Einblick in ein tief humanes Ringen um das richtige Gewissensurteil zu gewinnen. Das kann herausfordernd sein, bremst beim selbstgewissen Schreien und Draufhauen, aber macht hellhörig für den Weg, den die Männer und Frauen des Widerstandes gingen. Wir verdanken ihm nach 1945 eine neues Deutschland  - und ein neues Europa.

Von Pater Klaus Mertes

Der Autor

Der Jesuit Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.

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