Heilige Sprache statt heiliger Zorn

Gudrun Sailer über Dreck und Anstand im Netz

Standpunkt | Bonn - 12.07.2018

redakteurin gudrun sailer

Der Umgangston im Netz wird immer rauer. Wer zu denen gehört, die sich regelmäßig auf – vielleicht sogar katholisch inspirierten – Portalen umtun, erlebt da sein verstörend blaues Wunder. Der Tod der befremdlichen Webseite kreuz.net vor ein paar Jahren brachte nur vorübergehend Erleichterung. Ich staune oft, mit welch inniger Lust an der Gehässigkeit Leute verbal dreinschlagen können und gleichzeitig vorgeben – nein: als sicher voraussetzen –, dass nur sie den einzig richtigen Kampf kämpfen, was ihnen das Recht zu praktisch jeder Niedrigkeit gibt.

Aber Wörter können töten. Wie kann es sein, dass Leute, die sich Christen nennen, das ignorieren? Denn ein ziviler Umgangston gehört zum überlieferten Gut der Christenheit. Gott hat jeden und jede mit Menschenwürde ausgestattet. Deshalb verdient jeder und jede Respekt. Die obdachlose Rumänin, der reaktionäre Höchstrichter, der Afrikaner im Boot. Sogar der andersdenkende Mit-Christ. Schmutzig macht den Menschen nicht das, was durch den Mund in ihn hineinkommt, sondern das, was aus seinem Mund herauskommt. Wenn wir behaupten, dem zu folgen, der uns auftrug, unsere Feinde zu lieben, und gleichzeitig jemandem per Tweet saftig eins überbraten, der für die Homo-Ehe eintritt oder für die alte Messe, dann wird das unsere Credit Points im Himmelreich nicht steigern.

Wir müssen mehr darauf achten, den Leuten in unserem eigenen Glaubensgarten so wohlwollend zu begegnen wie jenen vor dem Zaun. Wir können eine Entgleisung kritisieren, ohne auf den Entgleisten einzuprügeln. Wir sollten aufhören, dem anderen dauernd Hintergedanken zu unterstellen. Und nein, reden wir nicht von verbaler Notwehr. Reden wir von verbaler Abrüstung. Nicht von heiligem Zorn, sondern von heiliger Sprache. Jeder von uns ist mitverantwortlich dafür, dass der Meinungsaustausch im halböffentlichen Raum der sozialen Netzwerke zu einem zivilen, zu einem christlichen Umgangston zurückfindet. Besonders auf christlich inspirierten Portalen.

Von Gudrun Sailer

Die Autorin

Gudrun Sailer ist Redakteurin bei "Vatican News".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

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