Soziale Bindemittel

Hans-Joachim Höhn über gesellschaftlichen Zusammenhalt

Standpunkt | Bonn - 19.05.2017

Was darf der liberale Rechtsstaat von seinen Bürgerinnen und Bürgern erwarten? Genügt es, wenn sie die Verfassung respektieren und sich im Alltag gesetzeskonform verhalten, ihre Steuern zahlen und vor roten Ampeln anhalten?

Wer mit solchen Fragen an die Öffentlichkeit geht, wird kaum öffentliche Aufmerksamkeit finden. Ihnen fehlt das sprachliche Erregungspotenzial. Strategisch klüger wäre es, dieselben Fragen mit einem Reizwort zu versehen. Aber wer diesen Versuch unternimmt und in diesen Tagen über eine "Leitkultur" diskutieren will, löst bestenfalls heftige allergische Reaktionen aus. Wer über Leitkultur reden will, darf dieses Wort nicht verwenden. An diese Maxime hat sich auch die von den Kirchen unterstützte "Initiative kulturelle Integration" gehalten. In ihren 15 Thesen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt gibt sie sich nicht damit zufrieden, dass allein Recht und Gesetz diesen Zusammenhalt sichern können. Wer aber vermutet, dass nun die Rede auf folkloristische Zutaten oder auf moralische Heimatkunde als soziale "Bindemittel" kommt, wird enttäuscht.

Der Blick wird in eine andere Richtung gelenkt. Es geht nicht um einen Moralkanon, der Rechtspflichten ergänzt, sondern um ein Ethos, das in der rechtsstaatlichen Gewähr von Grund- und Menschenrechten ein hohes Gut sieht. Soll dieses Gut gewahrt bleiben, muss auch dieses Ethos wachgehalten werden. Was seinem Erhalt dient, darf man getrost zum Bestandteil einer deutschen "Leitkultur" rechnen. Dies hat nichts mit verkapptem Chauvinismus oder Deutschtümelei zu tun. Denn unabhängig vom Ort dieser Debatte ist es unstrittig, dass keine liberale Demokratie auf Dauer Bestand haben kann, wenn sie nichts für den Erhalt eines Ethos tut, dem sie sich verdankt.

Die Achtung von Recht und Gesetz verhindert, dass eine Gesellschaft auseinanderfällt. Aber sie reicht nicht aus für sozialen Zusammenhalt. Wenn in einer Gesellschaft die Ressourcen von Toleranz und Solidarität erschöpft sind, bleibt von ihrer Integrationskraft nicht viel übrig. Dass davon nur Migranten, Geflüchtete und Asylbewerber betroffen sind, ist ein Trugschluss. Es trifft am Ende alle, die sich selbst nicht helfen können. Sie mögen sämtliche Sozialleistungen erhalten, auf die sie einen Rechtsanspruch haben. Aber das reicht nicht, um die Erfahrung sozialer Zugehörigkeit zu machen. Zur Solidarkultur eines Landes gehören mehr als Recht und Gesetz. Warum soll man darüber nicht öffentlich nachdenken?

Von Hans-Joachim Höhn

Der Autor

Dr. Hans-Joachim Höhn ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Köln.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017