Standpunkt

Aufarbeitung: Viele Lippenbekenntnisse haben längst Herpes bekommen

Aktualisiert am 17.10.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Bischöfe tun sich laut Werner Kleine schwer bei der Missbrauchsaufarbeitung. Wer von Lernprozessen spreche, aber keine Taten folgen lasse, mache sich unglaubwürdig, kommentiert er. Denn Tat gehe vor Wort – hier sei die Botschaft Gottes eindeutig.

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Es wird kalt in den Kirchen. Gerade auch wegen der immer offenbarer werdenden Schwierigkeiten von Bischöfen, den massenhaften Missbrauch auch nur annähernd aufzuklären und Verantwortung zu übernehmen, gerät das Weiheamt selbst zunehmend in eine Krise. Rücktrittsforderungen werden nicht zuletzt mit der Begründung zurückgewiesen, man sei doch schließlich von Christus selbst berufen und auf den jeweiligen Platz gestellt worden. Dass das unter anderem das gleiche geistlich verbrämte Argument ist, mit dem durch Kleriker begangenen Missbrauch der Weg geebnet wurde, scheint den sich selbst berufen Wähnenden wohl nicht aufzufallen.

Die Glaubenden aber erkennen zunehmend, dass viele Lippenbekenntnisse längst Herpes bekommen haben und stehen auf. Wer zuviel davon redet, in einem Lernprozess zu sein, aber durch seine Taten bekundet, nichts gelernt zu haben, ist nicht einfach paradox, sondern schlicht unglaubwürdig. Das Wort Gottes ist hier eindeutig eindeutig: Tat geht vor Wort – oder anders gesagt: "Der Glaube für sich allein ist tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat" (Jak 2,17).

Tatsächlich waren wohl schon die Jünger Jesu damit überfordert, nicht nur zu reden, sondern zu handeln. Angesichts der erschöpften Menschen, die ihm am See Genesareth gefolgt waren, fordert er seine Jünger auf: "Gebt ihr ihnen zu essen!" (Mk 6,37 parr). Ein klarer Auftrag, dem nur wieder Fragen folgen, was zu tun sein. Die einfache Aufforderung, den Menschen zu geben, was sie brauchen, wird strategisch diskutiert: Sollen wir etwas kaufen und es den Menschen geben? Der einfache, direkte Weg scheint nicht möglich zu sein: Gebt, was ihr habt!

Hinzu kommt, dass die Herrlichkeit Gottes gerade im Schwachen aufscheint. Es gibt nämlich keine Gotteskrise, wie manch einer behauptet. Gott ist da – gerade in den Schwachen (vgl. Mt 25,35-46). Tatsächlich handelt es sich wohl eher um eine Glaubwürdigkeitskrise. Entscheidend ist dann nämlich nicht, wie oft man "Herr, Herr!" gerufen hat, sondern wer den Willen des Vaters tut (vgl. Mt 7,21) … Die Weisung Jesu aber gilt auch heute noch: Handelt! Jetzt! Gebt, was ihr habt! Haltet nichts zurück. Verschafft den Gefallenen Recht! Wisst ihr nicht, dass Christus gerade in den Geringen ist?

Von Werner Kleine

Der Autor

Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.