Standpunkt

Das neue Umsatzsteuerrecht könnte die Kirche empfindlich treffen

Aktualisiert am 20.10.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Der Würstchenverkauf beim Pfarrfest könnte deutlich umständlicher und teurer werden, denn bald treten Änderungen im Umsatzsteuerrecht in Kraft. Davon könnte das kirchliche Leben empfindlich getroffen werden, befürchtet Max Cappabianca.

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Landauf landab laufen die kirchlichen Verwaltungen heiß, um die Änderungen im Umsatzsteuerrecht umzusetzen, die am 1.1.2023 in Kraft treten werden. Ab diesem Zeitpunkt müssen nämlich kirchliche Einrichtungen auf alle Einnahmen künftig den Mehrwertsteuersatz von neunzehn, beziehungsweise im ermäßigten Fall von sieben Prozent erheben und dann ans Finanzamt weiterreichen, wenn es sich nicht um hoheitliche Aufgaben wie zum Beispiel Seelsorge im engen Sinne handelt.

Das Thema ist bisher kaum öffentlich bewusst, und betrifft nicht nur die Kirchen, sondern auch andere Körperschaften öffentlichen Rechts wie Kommunen und ihre Einrichtungen wie Schulen und Universitäten und deren Aktivitäten. Was die neue Gesetzeslage konkret bedeutet, ist für die meisten Beteiligten immer noch unklar. Manche befürchten, dass es bald einen Steuerberater braucht, um den Wurstverkauf beim Pfarrfest oder den Kuchenbasar für die Taizéfahrt zu organisieren. Wenn man sich die Regelungen anschaut, sind diese Befürchtungen gar nicht so weit hergeholt. Denn jeder Einzelfall muss analysiert werden. Auch für Kleinigkeiten wird eine detaillierte Buchhaltung notwendig werden.

Das Anliegen der EU-Richtlinie, auf die dieses bürokratische Monster zurückgeht, ist grundsätzlich gut: Es sollen Wettbewerbsverzerrungen vermieden werden. Es dürfe keine Steuerprivilegien für Angebote der Kirche geben, die auch ein privater Dienstleister übernehmen könnte.

Trotzdem könnte das kirchliche Leben empfindlich getroffen werden. Wie konnte es geschehen, dass die Politik nicht in der Lage war, großzügigere Ausnahmeregelungen – nicht nur für die Kirche, sondern für alle zivilgesellschaftlichen Akteure – durchzusetzen? Eine genauere Analyse der Dinge, auf die demnächst Steuern gezahlt werden müssen, hätten meines Erachtens offenbart, dass es in den wenigsten Fällen um Wettbewerbsverzerrungen geht, sondern um Aktivitäten, an denen die Zivilgesellschaft ein genuines Interesse haben sollte: Feste und Feiern, gemeinschaftsfördernde Fahrten, kulturelle Angebote…

Es gibt Ausnahmeregelungen. Aber ein Laie wird unmöglich den Durchblick behalten können. Bei immer größer werdenden Pfarreien wird zum Beispiel monatlich die Umsatzsteuer vorangemeldet werden müssen. Das wird sowohl die Ehrenamtlichen wie auch die immer mehr zentralisierten Finanzverwaltungen der Kirchen überfordern. Ehrenamtliches Engagement wird nicht subsidiär gefördert, sondern erstickt.

Die neuen Vorschriften haben ein bürokratisches Ungeheuer hervorgebracht, und Kirche und Politik haben es verschlafen, dem rechtzeitig entgegenzuwirken. Weder der Wirtschaft noch der Gesellschaft ist damit gedient.

Von Pater Max Cappabianca

Der Autor

Der Dominikaner Max Cappabianca ist Leiter der Katholischen Studierendengemeinde Hl. Edith Stein in Berlin.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.