Deutscher Reformdialog sei angemessene Reaktion auf Missbrauch

Hünermann schreibt Papst – und verteidigt Synodalen Weg gegen Kritik

Aktualisiert am 27.10.2022  –  Lesedauer: 

Tübingen ‐ Aus dem Vatikan kommen vor allem kritische Stimmen zum Synodalen Weg – bis hin zu Papst Franziskus selbst. Der Dogmatiker Peter Hünermann schreibt nun dem Pontifex persönlich und verteidigt den deutschen Reformdialog.

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Der emeritierte Dogmatiker Peter Hünermann verteidigt den Synodalen Weg in einem Offenen Brief an Papst Franziskus. In dem Brief, der in der aktuellen Ausgabe der Herder-Korrespondenz erschienen ist, betont der Theologe, dass der Reformdialog in der Kirche in Deutschland eine Konsequenz aus der Analyse von Missbrauchsfällen durch die MHG-Studie ist. "Es handelt sich hier um eine strukturelle Sünde, in deren Rahmen eine Fülle persönlicher Sünden begangen worden sind", so Hünermann. Angesichts der "strukturellen, institutionellen Sünde" des Missbrauchs in der Kirche sei ein öffentliches Schuldeingeständnis der Bischöfe notwendig. Ein Eingeständnis bliebe aber ein Lippenbekenntnis, "wenn es nicht von einem in der Reue wurzelnden Aufbruch in eine erneuerte Zukunft begleitet ist, der seinen konkreten Ausdruck im Entwurf und in Maßnahmen veränderter Praxis hat", so Hünermann. Das sei der Ursprung des Synodalen Wegs. Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) hätte sich einer "schweren Verfehlung" schuldig gemacht, wenn sie nicht nach der Veröffentlichung der MHG-Studie sofort den Missbrauch eingestanden, zur Umkehr aufgerufen und ernsthafte Erneuerung sowie entschiedene Veränderung ihrer Amtsausübung angekündigt hätte.

Zweifellos spiegelten die Frage- und Problemstellungen, die Vorgehensweise, sowie die bereits erzielten Ergebnisse die deutsche Situation. Dies lasse sich bei strukturellen Sünden gar nicht vermeiden, erläutert der Dogmatiker. Hünermann verweist auf den von Papst Franziskus angestoßenen Prozess hin zu mehr Synodalität in der Kirche: "Kann der Schritt zur Anerkennung und Konkretisierung der Synodalität hin vollzogen werden unter Absehung von der Missbrauchskrise, ihrem Eingeständnis und der Inangriffnahme ihrer Lösung?" Der Theologe sieht in der im Juli zunächst ohne Urheber veröffentlichten Erklärung des vatikanischen Staatssekretariats diese Absicht. Die Erklärung hatte den deutschen Bischöfen eingeschärft, dass der Synodale Weg keine neuen Leitungsstrukturen einrichten dürfe und Bischöfe und Gläubige nicht auf "neue Ausrichtungen der Lehre und der Moral" verpflichten dürfe.

Für Hünermann steht fest, dass eine Trennung von Synodalität und Missbrauchsaufarbeitung nicht möglich sei. Wenn der von Papst Franziskus gewollte synodale Prozess das Ziel einer "Entfaltung und Vertiefung des Wesens der Kirche" habe, dann könne von ihrem gegenwärtigen Zustand nicht abgesehen werden: "Die Entfernung vom eigenen Wesen durch die Missbrauchsaffäre, die wir vor Gott und dem Volk Gottes bekennen müssen, und die Umkehr bilden den Ausgangspunkt des Weges in die Synodalität", hält der Theologe fest. Der Weg in die vertiefte Synodalität der Kirche könne nicht an den Missbrauchsfällen vorbei eingeschlagen werden. Hünermann sieht in der nächsten Phase des weltweiten synodalen Prozesses auch in der Weltkirche die Chance, "die Missbrauchsproblematik als den faktischen Ausgangspunkt für die angestrebte synodale Vertiefung" zu betonen: "Was auf den ersten Blick manchem Bischof als Erschwernis für die Gewinnung der vertieften Synodalität erscheinen mag, wird sich faktisch als Gewinn für eine solide und langhaltige Lösung erweisen." (fxn)