Standpunkt

Missbrauch in der Familie – der gefährliche blinde Fleck

Aktualisiert am 23.11.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Wenn es um Missbrauch geht, steht die katholische Kirche nachvollziehbarerweise stark im Fokus, kommentiert Claudia Auffenberg. Darüber dürfe aber nicht vergessen werden, dass es in Sachen Missbrauch einen blinden Fleck gebe: das eigene Umfeld.

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Es ist ja nun wahrlich nicht so, als hätten wir in den letzten Wochen und Monaten nicht über sexuellen Missbrauch an Kindern gesprochen. Gerade bei uns in der Kirche gab es kaum noch ein anderes Thema. Dennoch haben das Bundesfamilienministerium und die Unabhängige Beauftragte für Fragen sexuellen Missbrauchs vor ein paar Tagen eine Kampagne gestartet. Denn obwohl so viel darüber geredet wird, gibt es diesen blinden Fleck: das eigene Umfeld.

Laut Mitteilung des Ministeriums wissen 90 Prozent der Bundesbürger*innen, dass Missbrauch vor allem im engsten Umfeld, sprich in der Familie stattfindet. Aber 85 Prozent halten es für ausgeschlossen, dass ihre eigene Familie ein Tatort sein könnte, dass zur eigenen Familie ein Täter gehören könnte. Und das genau ist das Problem. Dafür will die Kampagne sensibilisieren. Gut so!

In der Kirche wird der Hinweis, dass Kinder in der eigenen Familie am meisten gefährdet sind, zwar immer mal erwähnt, aber oft nur beiläufig. Aus gutem Grund: Schließlich soll nicht der Eindruck entstehen, man wolle von sich selbst ablenken oder das eigene Versagen kleinreden – im Sinne von: Anderswo ist es noch schlimmer! Allerdings ist dadurch in der öffentlichen Wahrnehmung womöglich ein schräges Bild entstanden, dass nämlich Kinder vor allem in der Kirche gefährdet sind. Doch so einfach darf es sich auch die Gesellschaft nicht machen. Auch sie darf ihr eigenes Versagen nicht kleinreden.

In der ZDF-Mediathek kann man zurzeit noch die erschütternde Dokumentation "Die Kinder von Lügde" sehen. Der Fall ist ein katastrophales Beispiel für das, was die Kampagne nun ändern will: Weil es nicht vorstellbar war, dass der nette Andreas V. vom Campingplatz, dieser Freund der Kinder, ein übler Missbrauchstäter war, hat es kaum einer gesehen – auch als es längst deutliche Hinweise gab. "Schieb den Gedanken nicht weg" heißt der Slogan der Kampagne. Kinder sind gefährdet. Überall. Das ist die bittere Wahrheit. Und sie ist zum Heulen!

Von Claudia Auffenberg

Die Autorin

Claudia Auffenberg ist Chefredakteurin des Paderborner Bistumsmagazins "Der Dom".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.