Standpunkt

Auch die Kirche sollte sich stärker für die Demokratie engagieren

Aktualisiert am 09.12.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Nach der jüngsten Razzia gegen "Reichsbürger" sollte klar sein, dass Freiheit und Rechtsstaatlichkeit stets erarbeitet oder verteidigt werden müssen, kommentiert Christoph Strack. Er wünscht sich dabei auch mehr Engagement der Kirche.

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Es ist ein schrilles Alarmzeichen. Beim Vorgehen der Sicherheitsbehörden gegen "Reichsbürger" zeigen sich gewachsene Strukturen mit Verbindungen in den parlamentarischen Bereich und die Bundeswehr, in die "gutbürgerliche" Gesellschaft, die in Teilen verqueren Ideen nachrennt und der Demokratie den Kampf ansagt. "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch", schrieb einst Bertholt Brecht. Heute hört man den Vers anders als zu Wochenbeginn.

Nein, bitte jetzt nicht von obskuren Akteuren und verblödetem Adel sprechen. "Das sind jetzt keine Nazi-Schläger mit Glatzen und Springerstiefeln. Aber ideologisch sind sie nicht anders", meinte ein israelischer TV-Kommentator. Gewiss geht es in den kommenden Wochen um politische Fragen, auch um die strukturelle Verderbtheit der AfD. Aber eigentlich ist es eine gesellschaftliche Frage, die letztlich auch die Kirchen tangiert.

Allen sollte klar sein, dass Freiheit und Rechtsstaatlichkeit nicht einfach gottgegeben sind, sondern stets erarbeitet oder verteidigt werden müssen. Nicht wenige Christinnen und Christen haben im 20. Jahrhundert dafür ihr Leben gelassen. Wenn heutzutage reaktionäre KatholikInnen von "Meinungsdiktatur" schwafeln, ist das sündhaft. Und wenn eine katholische Fürstin die DDR-Diktatur verniedlicht, ist das empörend. Es gibt nicht nur weiße und schwarze Schafe, sondern auch merkwürdig braune Schafe in Gottes großer Herde.

Auf katholischer Seite hört man derzeit in anderem Kontext immer mal die Parole "Die Kirche ist keine Demokratie". Darin schwingt das Bewusstsein für die Heilsgestalt von Kirche mit. Aber man vernimmt auch eine Distanz zu demokratischem Denken und Ringen, zum Sinn des guten Arguments, des Streitens um Wahrheit. Und man ist irritiert.

Klar, wenn Bischöfe sich mit Abgeordneten aus ihrem Sprengel treffen, gibt es die üblichen Reden und die Anerkennung, die sich gehört. Aber es braucht mehr als Formeln. Demokratie bedeutet Mittun, Füreinander-Einstehen und Streiten. Die kirchliche Seite sollte weit deutlicher dazu ermuntern. Jeder und jede, die sich in einer demokratischen Partei engagieren oder für ein Amt kandidieren, verdient Unterstützung. Und jedes Zeichen gegen neue Nazis – und dazu gehört nicht nur in Ostdeutschland heute Mut – hat Unterstützung verdient. Da dürfen gerne auch Kirchenglocken während Demos läuten. Eine besseres politisches System werden wir alle nicht bekommen. Es lohnt sich, dafür einzustehen.

Von Christoph Strack

Der Autor

Christoph Strack ist Leiter des Bereichs Religionen der Deutschen Welle.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.