Standpunkt

In einer synodalen Kirche muss jeder seinen Ort finden können

Aktualisiert am 23.01.2023  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Debatte über den künftigen Kurs der Kirche ist in vollem Gange. Laut Michael Böhnke kann dieser nur darin liegen, dem Weg der Gläubigen zu vertrauen. Individuelle und lehramtliche Selbstbestimmung sollen miteinander bestehen können.

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Die Diskussion über den künftigen Kurs der Kirche ist in vollem Gange. Die Wellen schlagen hoch. "Nichts als die Wahrheit!" und "Nichts ohne das gläubige Volk!", darum wird nach dem Tod des Emeritus im Vatikan mit offenem Visier gestritten.

Franziskus hat in seiner Predigt zu den Exequien von Benedikt den "Mitarbeiter der Wahrheit" dem Gebet und der Fürsprache des auf dem Petersplatz versammelten gläubigen Volkes anvertraut. "Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist" (Lk 23,46) zitiert er zu Beginn der Homilie das Zeugnis des Gekreuzigten, um mit den Worten "Vater, in deine Hände übergeben wir seinen Geist" zu schließen. Die Wende vom Ich zum Wir, von Christus zu den Christen, leitet Franziskus mit einer Interpretation des Schlusssatzes der Pastoralregel von Gregor dem Großen ein: "Dies ist das Bewusstsein des Hirten, dass er nicht allein tragen kann, was er in Wirklichkeit nie allein tragen könnte, und deshalb weiß er sich dem Gebet und der Fürsorge des Volkes zu überlassen, das ihm anvertraut wurde. Das gläubige Volk Gottes versammelt sich, es begleitet das Leben dessen, der sein Hirte war und vertraut es dem Herrn an."

Vom Ich zum Wir – das ist die Wende von einer klerikalen zu einer synodalen Kirche, in welcher die Mitarbeit an der Wahrheit im Vertrauen auf den Heiligen Geist nicht ohne das gläubige Volk geht. Es geht um mehr als die Verpflichtung der Wahrheit gegenüber, um mehr als Weisung und Gehorsam. Es geht um die Verpflichtung des Klerus, den Gläubigen zu vertrauen, ihrem Weg, der sich von der trostvollen Verheißung der Treue Gottes getragen weiß.

Die Kirche sucht ihre Form. Sie findet sie nicht anders als im Vertrauen auf den Weg der Gläubigen. Es müssen synodal – das heißt gemeinsam (!) –  Wege beschritten werden, auf denen individuelle und lehramtliche Selbstbestimmung in Fragen des Glaubens und der Lebensführung miteinander bestehen können. Niemand sollte zurückgelassen, niemand ausgeschlossen werden. Jeder, der auf Gott vertraut, muss seinen Ort in einer synodalen Kirche finden können. Katholizität und Pluralität sind keine Gegensätze.

Von Michael Böhnke

Der Autor

Michael Böhnke ist Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.