Geteilte Freude ist doppelte Freude

Das beste Stück vom Kuchen: Teilen will gelernt sein

Veröffentlicht am 12.06.2023 um 00:01 Uhr – Von Schwester Maria Gabriela Zinkl – Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ Wer bekommt das beste Stück von der Torte? Teilen ist gar nicht so einfach, schreibt Schwester Gabriela Zinkl – und kann manchmal ganz schön kompliziert oder auch schmerzhaft sein. Umso schöner, wenn man so jemandem helfen kann.

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Partystimmung liegt in der Luft, alle sind um den Tisch versammelt. Und da steht er auch schon, der süße Traum zur Feier des Tages: der Geburtstagskuchen, von dem jeder und jede ein Stück bekommen soll und bestimmt auch bekommen möchte. Doch egal ob Käse-Sahne-Torte, Zitronenschnitten, Rüblitorte oder Omas Apfelkuchen, es stellt sich immer wieder die gleiche Frage, die jedes Geburtstagskind und alle Beschenkten spätestens dann ins Schwitzen bringt, wenn die Kerzen auf der Torte erst ausgeblasen sind: Wie schneide ich die Torte am besten an? Wie teile ich den Kuchen gerecht auf, sodass jede und jeder ein Stück bekommt? Die Frage beschäftigt seit Urzeiten nicht nur Geburtstagskinder und Kuchenbäcker wie -bäckerinnen, genauso zerbrechen sich darüber Mathematiker, Volkswirtschaftlerinnen, Theologen, Soziologinnen und viele andere mehr den Kopf. So wie es aussieht, ist das Kuchenteilen eine echte Grundfrage der Menschheit, von Anfang an, durch alle Generationen und Jahrhunderte bis heute.

Das Aufteilen der Käse-Sahne-Torte ist erst der Anfang und womöglich noch das reine Vergnügen. Wesentlich schwieriger wird das gerechte Aufteilen bei einem Grundstück oder bei einem Erbfall. Schon an der Frage nach dem gerechten Aufteilen von Hausarbeit in der Familie, von Mietkosten in einer WG scheiden sich die Geister, wenn die Beteiligten unterschiedliche Ansichten über ihre Anteile haben, von gerechter Verteilung der Löhne und Gehälter in einem Betrieb, in einem Land und in der ganzen Welt gar nicht erst zu sprechen. Irgendwann steht jeder vor dem Problem der gerechten Verteilung, im Kleinen wie im Großen. Manche müssen sich ungewollt den Partner oder die Partnerin mit jemand anderem teilen. Wenn Eltern getrennt oder geschieden sind, wird das gerechte Auf- oder Zuteilen von Kindern und Besuchszeiten oft zu einer Zerreißprobe für alle Beteiligten.

Teilen muss man mühsam erlernen

Dagegen ist das Verteilen von Gummibärchen aus der großen Tüte richtig harmlos. Und doch ist es die perfekte Einstiegsübung ins gerechte Verteilen, sagen uns die Erzieherinnen im Kindergarten und zahlreiche Ratgeberbücher für Eltern. Wir alle haben einmal klein damit angefangen, Gummibärchen oder Schokolade auszuteilen, mit anderen zu verteilen, etwas davon zu verschenken, ohne dass wir ein Gegenstück bekommen haben. Erwachsene, die nicht teilen können, fallen negativ auf; nur unter ihresgleichen sind sie die Helden, weil sie sich regelmäßig das größte Stück vom Kuchen nehmen, in jeder Hinsicht. Das Teilen ist eine soziale Fähigkeit, die jeder Mensch mühsam erlernen muss. Da die Vorstellung, jemandem etwas abzugeben, unserem angeborenen Überlebens-Instinkt widerspricht, ist das nicht so einfach. Es dauert, bis Kinder merken, dass sie nicht zu kurz kommen, wenn sie teilen, und dass es sogar von Vorteil sein kann.

Wir Großen wissen, dass es mehr Spaß macht, zu zweit ein Eis zu essen als allein oder miteinander eine Flasche Wein zu genießen. Ein Kind muss das erst lernen. Kleine Kinder haben noch eine andere Zeit-Wahrnehmung als Erwachsene. Dazu kommt außerdem, dass kleine Kinder sich selbst als den Mittelpunkt des Universums betrachten. Wenn sich auch Erwachsene so verhalten und etwas partout nicht teilen oder abgeben wollen, kommen sie einem nicht von ungefähr wie kleine Kinder vor, die das Teilen nicht gelernt haben. Es gibt nicht wenige Exemplare dieser Art, von denen einen sind sie dafür geliebt, von anderen gehasst, all die Donald Trumps dieser Welt, die das mit dem gerechten Kuchen-Teilen ganz anders sehen als der Rest der Welt. Dummerweise haben sie in ihren Kreisen genau damit Erfolg.

Bild: ©katholisch.de / msp (Symbolbild)

Wie geht Teilen? Auch die Bibel hat hier einen guten Tipp.

Egal ob man einen Geburtstagskuchen verteilt, Gummibärchen oder ein Grundstück aufteilen muss, so merkwürdig es klingt: Das Teil, also das einzelne Stückchen eines Ganzen, und das Teilen an sich stehen immer in Zusammenhang mit einem Pendant, einer Entsprechung, das kann ganz unterschiedlicher Natur sein. Zum Beispiel, dass man mit jemandem Freud und Leid teilt. Nicht nur Freud und Leid, sondern auch die Personen, die etwas miteinander teilen, stehen in enger Beziehung zueinander, das Teilen verbindet sie. Das drückt auch unsere Sprache auf besondere Weise aus: Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteiltes Leid ist halbes Leid. Der oft sehr formelhaft verwendete Gruß in einem Beileidsschreiben, "Herzliche Anteilnahme" meint etwas sehr Schönes: Da möchte jemand dem anderen wenigstens einen Teil des Schmerzes und Verlustes abnehmen; und die Mitteilung dies tun zu wollen, kommt von Herzen. So schön kann das Teilen sein, wenn es ernst genommen wird.

Und was sagt die Bibel?

Und der Geburtstagskuchen? – Der steht noch immer da und wartet darauf, angeschnitten, aufgeteilt und verteilt zu werden. In manchen Gegenden und Familien gibt es den witzigen Brauch, den Kuchen mit der stumpfen Seite des Messers anzuschneiden, worauf mich ein Bekannter vor Kurzem aufmerksam machte. Das macht das Teilen gleich nochmal schwerer. Doch da muss man durch. Nicht umsonst heißt es ja: Teilen will gelernt sein. Deshalb ist der heilige Martin als Vorbild fürs Mantel-Teilen mit dem Armen, der ihm über den Weg läuft, das beste Lernbeispiel im Kindergarten und ein alle Zeiten überdauernder Superheld. Dabei ist das Mantel-Teilung die absolute Herausforderung, das sollten gerade wir Erwachsene nicht vergessen, wenn es jemand Bedürftiges über den Weg läuft.

Während die Mathematik noch immer nach der optimalen Lösung sucht, etwas unter mehr als zwei Personen gerecht aufzuteilen, kennt die Bibel im Alten Testament einen simplen, aber fairen Trick: Man lässt die eine Person die Teilung vornehmen und dann die andere wählen, welchen Teil sie nehmen möchte. Das Verfahren wird beiden gerecht und es kann sich niemand beschweren. Abraham und Lot haben genau dieses Verfahren praktiziert, um Land unter sich aufzuteilen: Abraham zog die Grenze, Lot wählte zwischen dem Jordantal und Kanaan (Genesis 13,3-12). Das ist sicher nicht das schlechteste Prinzip, wenn der Geburtstagskuchen erst einmal angeschnitten ist. Überhaupt, Kuchen teilen ist immer etwas Schönes und bringt Freude. Das ist immer ein guter Anfang. Ist nicht jetzt der richtige Zeitpunkt, einen Kuchen zu backen und ihn mit anderen zu teilen?

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.

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