Nordnorwegens Farben der Nacht

Die Suche nach dem Licht in der Dunkelheit

Veröffentlicht am 22.01.2024 um 00:01 Uhr – Von Andrea Krogmann und Harald Oppitz (KNA) – Lesedauer: 
Spiritea

Alta ‐ Im Winter nach Norwegen reisen? Bei zweistelligen Minusgraden? Und die Sonne zeigt sich in den drei Stunden Helligkeit auch nicht überm Horizont. Doch eben diese Jahreszeit birgt eine bunte Magie. Ein Selbstversuch.

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Norwegen ist ein beliebtes Reiseland: viel Natur, viel Platz. Blauer Himmel, weiße Wolkenfetzen, hohe Berge, tiefe Seen. Riesige Kreuzfahrtschiffe fluten inzwischen die Fjord genannten Meeresarme an der Westküste, was vielen Norwegern weniger behagt. Mit dem Wohnmobil sind auch viele Urlauber aus Deutschland unterwegs in das Land um den Polarkreis – im Sommer. Aber wieso sollte man im Winter in den hohen Norden, wenn Eis, Schnee, kaum passierbare Straßen und gerade einmal drei Stunden Dämmerung die Region um die Stadt Alta kurz vor dem Nordkap prägen?

Es ist ein ungewöhnliches Lichtspektakel, das immer mehr Touristen auch im Winter in den Norden lockt: das Nordlicht, auch Polarlicht genannt – oder wissenschaftlich Aurora borealis. Wenn nach Eruptionen auf der Sonne Partikel durch das Weltall geschleudert werden und mit rund 800 Stundenkilometern auf das Magnetfeld der Erde treffen, entstehen um die Polkappen die Lichter der Aurora Borealis. Dann strahlen, tanzen und flackern sie in intensivem Grün am Nachthimmel. Zuweilen verfärbt sich dieser Vorhang aus Licht auch in rote, violette und weiße Strahlen.

"Dieses Licht hat eine unglaubliche Magie", findet Fotograf Harald Oppitz: "Wäre da nur nicht immer das langwierige An- und Ausziehen der dicken Winterkleidung." Denn das Lichtspiel kommt und geht, wie es mag. Da hilft auch keine Nordlicht-App, wenn die dicke Skihose nicht schnell genug über den Wollpulli will. Und das richtige Einstellen der Kamera bei diesen eisigen Temperaturen wird zur noch größeren Herausforderung: "Mit Winterhandschuhen die Tasten zu bedienen – das ist wie mit Boxhandschuhen im Basketball einen Dreier zu werfen." Völlig geräuschlos zaubert die von den Einheimischen liebevoll "Lady Aurora" genannte chemische Reaktion in der Atmosphäre bunte Skulpturen, zappelnde Vorhänge, muntere Licht-Schlangen unter die Sterne. Kein Zivilisationslicht stört dabei den staunenden Betrachter auf seinem Nachtspaziergang in der natürlichen Tiefkühltruhe.

Kontrast zum Kriegsgebiet der Korrespondentin

"Das stille Spektakel ist ein drastischer, aber sehr willkommener Kontrast zu dem Krisengebiet, aus dem ich komme", erzählt Andrea Krogmann. Die letzten Wochen seit dem 7. Oktober war der Himmel über der Nahost-Korrespondentin allzu oft durch Raketen und Artilleriefeuer verseucht, begleitet vom dazu gehörenden angstmachenden Lärm. In der Finnmark knirscht als einziges Geräusch der Pulverschnee unter den Sohlen der Winterschuhe. Mehr Frieden als Nordlichter geht kaum in einer Zeit, in der ganze Teile der Welt auseinanderzubrechen drohen.

Doch nicht nur die vielen Nachtstunden glänzen mit Farbenpracht, auch in der kurzen Dämmerung scheint der Himmel alles geben zu wollen, was er an Farbvielfalt zu bieten hat. "Es gibt vielleicht wenig Licht hier im Norden, aber das hat es in sich", findet die Reporterin. Farben, von denen sie manche "noch nie so intensiv" gesehen hat. Die Sonne, die bekam sie jedoch nie zu sehen.

Bild: ©KNA/Harald Oppitz

Blick auf eine moderne Christusfigur aus Bronze, teil einer Installation des Künstlers Peter Brandes, im Innenraum der evangelisch-lutherischen Nordlichtkathedrale in Alta (Norwegen) am 15. Dezember 2023. Die Lichtstreifen über der Statue symbolisieren das Nordlicht.

In Alta, der größten Stadt der Provinz Finnmark, warten die Menschen vom 24. November bis zum 20. Januar auf den nächsten Sonnenaufgang. Die Lage am nördlichen Atlantik führt im Winter zu vielen klaren Nächten bei erträglichen Minustemperaturen. Auch deshalb gilt Alta als "Stadt des Nordlichts". Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier ein Observatorium zu seiner Erkundung gebaut.

Für die Nordnorweger selbst gehört das nächtliche Farbenspiel indes zum winterlichen Alltag – wie das Vorheizen ihrer Autos oder der Einkauf mit dem Schneemobil. "Fast schon lästig" sei das Nordlicht, das in diesen Tagen besonders aktiv ist, sagt ein Fischer im kleinen Hafen von Oksfjord in der benachbarten Gemeinde Loppa. Der Ausdruck in seinem Gesicht lässt auf eine Mischung von Humor und Stolz schließen, die dieser Aussage zugrunde liegen mögen.

"Wir sind es gewohnt"

"Das Nordlicht ist fast jede Nacht über uns im Winter, wir sind es so gewohnt, dass wir nur noch selten staunend hochschauen", gibt auch Evelyn Hykkerud zu. Angesteckt durch die Begeisterung der beiden Besucher mit ihren Kameras, zieht es aber auch sie und ihren Ehemann Abner hin und wieder aus dem gemütlich warmen Wohnzimmer in den nächtlichen Schnee. Abner kann es sich leisten, wählerisch zu sein: "Ich mag das Nordlicht sehr, wenn es wie Vorhänge im Wind aussieht, dann halte ich auch mit dem Auto auf dem Weg zur Arbeit an." Der ehemalige Farmer ist heute Greenkeeper auf einem der nördlichsten Golfplätze der Welt und hat im Sommer während der Mitternachtssonne seine stressigsten Arbeitstage. Jetzt im Winter stehen Reparaturarbeiten im Vordergrund. In den Süden ziehen? Das war für die beiden nie eine Option; auch ihre fünf Kinder sind in der Stadt geblieben, in der sich "Lady Aurora" in klaren Winternächten besonders oft zeigt.

Ihr Zauber war die Inspiration für ein modernes Herzstück von Alta: die evangelisch-lutherische Nordlichtkathedrale, fertiggestellt 2013. Eine wellenförmige Spirale wie das tanzende Nordlicht, verkleidet mit Titan, in dem sich das Licht spiegeln kann. Auch im Inneren greift das Gotteshaus diese Assoziationen auf: Lange weiße Lichtleisten erinnern an einen Vorhang aus Nordlicht, zu dem auch der gekreuzigte Jesus aufzuschauen scheint. Die Orgelpfeifen ahmen in ihrer Anordnung die Polarlicht-Nacht nach. Allein die wohlig warme Temperatur in der Kathedrale hat nichts gemein mit den Momenten, die dem Betrachter des nächtlichen Himmelsschauspiels im Freien den staunend geöffneten Mund anfrieren lassen.

Von Andrea Krogmann und Harald Oppitz (KNA)

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