"Als Theologe eine Ausnahmeerscheinung"

Kardinal Karl Lehmann verkörperte geradezu den Idealtyp des deutschen Professoren-Bischofs. Lehmanns Schüler Ulrich Ruh blickt für katholisch.de auf dessen theologisches Wirken und Werk zurück.

Bistum Mainz | Freiburg - 12.03.2018

Karl Lehmann war als Theologe eine Ausnahmeerscheinung, und das in mehrfacher Hinsicht. Seine Amtszeit als Bischof war mehr als doppelt so lang wie die als akademischer Lehrer der Theologie. Dennoch ist er auch als Bischof in einem eminenten Sinn immer Theologe geblieben, wie bei jedem seiner vielen Vorträge sofort ins Auge springt, nicht zuletzt an den legendären Eröffnungsreferaten bei Vollversammlungen der Deutschen Bischofskonferenz.

Sein Name als Theologe wird nicht wie bei anderen Vertretern der Zunft mit dem Titel eines oder mehrerer herausragender Bücher verbunden bleiben. Charakteristisch war vielmehr durch die Jahrzehnte hindurch der Stil, in dem er Theologie getrieben hat. Und die akademischen Qualifikationsarbeiten des späteren Mainzer (1968–1971) und Freiburger (1971-1983) Dogmatikprofessors waren in anderen Disziplinen angesiedelt, nämlich in der Philosophie und in der neutestamentlichen Exegese. Die voluminöse philosophische Dissertation von 1962 handelt vom "Ursprung und Sinn der Seinsfrage im Denken Martin Heideggers" (an der römischen Gregoriana angefertigt); es folgte 1967 ebenfalls in Rom die theologische Dissertation zum Thema "Auferweckt am dritten Tag nach der Schrift - Exegetische und fundamentaltheologische Studien zu 1 Korinther 15, 3b-5".

Einmischung in aktuelle theologische Diskussionen

Kräftig in die aktuelle theologische Diskussion eingemischt hat sich der junge Dogmatiker Lehmann dann schon zu Beginn seiner Lehrtätigkeit mit Beiträgen, die in dem  gewichtigen Aufsatzband "Gegenwart des Glaubens" gesammelt sind. Er erschien bald nach dem Wechsel von der Mainzer an die Freiburger Katholisch-Theologische Fakultät und enthält beispielweise Aufsätze über die dogmatische Denkform als hermeneutisches Problem, über Kurzformeln des christlichen Glaubens, über das Problem der Interkommunion und über "Unauflöslichkeit der Ehe und Pastoral für wiederverheiratete Geschiedene". Schon die Aufzählung der Titel verweist auf Schwerpunkte, denen Karl Lehmann als Theologe lebenslang treu geblieben ist und belegt gleichzeitig die enorme Bandbreite seiner Interessen. Auch sie hat sich vom Anfang bis zum Ende durchgehalten.

Das Leben von Kardinal Karl Lehmann in Bildern

Da sind zum einen Grundfragen der theologischen Methodik im Spannungsfeld von exegetisch-historischer Forschung, verbindlichen lehramtlichen Normen, gegenwartsbezogener Auslegung des Glaubens im Kontakt mit der Philosophie, den Human-, Natur- und Geisteswissenschaften und innerkirchlichen Herausforderungen. Karl Lehmann hat immer die Interdisziplinarität hochgehalten, sowohl was die verschiedenen theologischen Fächer anbelangt wie im Blick auf nichttheologische Disziplinen. Das stellte er auch in einschlägigen Lehrveranstaltungen unter Beweis.

Er konnte in vielen Bereichen mitreden, weil er sich selber entsprechend gut auskannte: Wenn er von einem der regelmäßigen Streifzüge durch die Buchhandlungen zurückkam, sei es in Freiburg, Mainz oder bei Terminen in Rom, brachte er immer stapelweise neue Literatur aus unterschiedlichen Bereichen der Theologie wie aus anderen Wissenschaften mit. Und er hatte die entsprechenden Bücher dann auch bald gelesen. Dabei beschränkte er sich nicht auf deutschsprachige Titel, sondern erwies sich als theologisch erfrischend unprovinziell. Jeder Besucher seiner Freiburger Spezialvorlesung über die Theologie der Befreiung wird sich vermutlich an die vielen spanischen oder italienischen Werke erinnern, die er als Material für die Vorlesung an die Tafel schreiben ließ. Er goutierte es auch bei seinen Schülern, wenn sie ihren Blick auf wichtige nicht deutschsprachige Werke zum Thema ihrer entsprechenden Arbeiten ausweiteten und wurde ganz nervös, wenn man auf ein fremdsprachliches theologisches Buch gestoßen war, das er noch nicht kannte.

Architekt der Würzburger Synode

Karl Lehmann war ein öffentlicher Theologe, schon lange bevor der Begriff der "öffentlichen Theologie" von Seiten evangelischer Theologen in Deutschland geläufig wurde. Er betrieb seine Theologie immer und sehr bewusst im Raum der kirchlichen wie auch der allgemeinen Öffentlichkeit. Das war auch einer Gründe, warum ihm der Wechsel von der akademischen Lehre ins Bischofsamt verhältnismäßig leicht fiel. Er arbeitete sich theologisch an vielen kirchlichen Streitpunkten (von der Schwangerschaftskonfliktberatung bis zu den wiederverheirateten Geschiedenen, vom Amtsverständnis bis zum Prinzip Synodalität) ab, mit profundem Detailwissen und dem unbedingten Willen zur Differenzierung, auch wenn er damit manchem Fachvertreter oder Kirchenmann, der das Plakative oder polemisch Zugespitzte bevorzugte, auf die Nerven gegangen sein mochte.

Als Theologe war er einer der maßgeblichen Architekten der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1971–1975) und nahm in seinen regulären Vorlesungen immer wieder einmal zu Verlauf und Themen des Würzburger Treffens Stellung. Auf gesamtkirchlicher Ebene war Karl Lehmann im Rahmen seiner Mitgliedschaft in der Internationalen Theologenkommission unter anderem mit der damals aufblühenden, aber auch schon heftig umstrittenen Theologie der Befreiung befasst. Er fungierte als Herausgeber der entsprechenden Veröffentlichung (Internationale Theologenkommission: Theologie der Befreiung, Einsiedeln 1977) und steuerte zu dem Band einen unaufgeregten, klärenden Beitrag über methodologisch-hermeneutische Probleme der Befreiungstheologie bei.

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Karl Lehmanns Theologie war von einer selbstverständlichen, dabei aber keinesfalls unkritischen Kirchlichkeit. In seinen dogmatischen Hauptvorlesungen etwa zur Gnadenlehre, zur Schöpfungslehre, zur Gotteslehre oder zur Eschatologie stellte er den Glauben der Kirche in seinen biblischen Wurzeln, den Stationen seiner Deutungsgeschichte und im Horizont gegenwärtiger Fragestellungen dar, materialreich, genau und unprätentiös. Am Schluss standen jeweils zusammenfassende und weiterführende Thesen zu einem verantwortbaren heutigen Verständnis der jeweiligen Glaubenswahrheiten. Ein kleines Bändchen mit dem Titel "Neuer Mut zum Kirchesein" (Freiburg 1982) ließ er nicht umsonst in ein  Kapitel über das "Wagnis nüchterner Liebe zur Kirche" münden; diese Formulierung könnte über der für Karl Lehmann charakteristischen Art des Theologietreibens insgesamt stehen- nüchtern und ohne besondere Brillanz war übrigens durchweg auch die Sprache seiner Vorträge und Veröffentlichungen.

Sein Selbstverständnis als in seiner Kirche beheimateter katholischer Theologe schloss für Karl Lehmann die ökumenische Offenheit nicht aus, sondern ausdrücklich ein. In Freiburg hatte er einen Lehrstuhl für Dogmatik und Ökumenische Theologie inne; schon vorher gehörte er dem "Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen" an, der in Deutschland seit 1946 theologische  Pionierarbeit für das ökumenische Miteinander von Katholiken und Protestanten leistet. Der gewichtigste Beitrag, den Karl Lehmann in diesem Zusammenhang leistete, war  sicher seine unermüdliche, aufreibende Arbeit für das Projekt "Lehrverurteilungen – kirchentrennend?". Die Ergebnisse dieses Projekts bahnten den Weg zur 1999 unterzeichneten "Gemeinsamen Erklärung" über die Rechtfertigungslehre, dem bisher einzigen von der katholischen Kirche im Gespräch mit den reformatorischen Kirchen verbindlich rezipierten Dokument. In unzähligen Vorträgen (zuletzt im Kontext des Reformationsjubiläums 2017) warb Karl Lehmann auf seinem langen theologischen Weg für ein Verständnis von Ökumene, das Lehrdifferenzen geduldig und kompetent aufzuarbeiten versucht, gleichzeitig aber auch die vom Konzil eröffneten Spielräume auf katholischer Seite nutzt und nach Möglichkeit klug erweitert.

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Kardinal Karl Lehmann ist tot. Im Mai 2016 blickte er im Interview mit katholisch.de auf sein Leben zurück. Außerdem verriet er zum Ende seiner Amtszeit als Bischof von Mainz seine Buch-Pläne.
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Karl Lehmann war mit Leib und Seele akademischer Lehrer der Theologie, auch wenn er neben der Arbeit am Lehrstuhl immer auch viele andere kirchliche, öffentliche oder universitäre Verpflichtungen wahrzunehmen hatte und sein Zeitbudget für die Lehre dadurch durchweg knapp bemessen war. Er betreute unzählige Diplom- oder Staatsexamensarbeiten und verfasste genaue und ausführliche Gutachten dazu. Trotz enormen Andrangs zu seinen Sprechstunden nahm er sich für die einzelnen Studierenden und ihre Probleme  viel Zeit. In den mündlichen Prüfungen war er ein menschlich sensibler und angenehmer, aber in der Sache unerbittlicher Prüfer. In seinen Hauptseminaren behandelte er neben "klassischen" dogmatischen Themen auch aktuelle Fragen; so widmete sich ein Seminar schon kurz nach seiner Veröffentlichung dem "Gekreuzigten Gott" des Tübinger Systematikers Jürgen Moltmann.

In Mainz und dann vor allem in Freiburg hatte Karl Lehmann viele Doktoranden und auch einige Habilitanden. Das thematische Spektrum ihre Arbeiten war so breit wie sein eigenes. Aus den Schülern ist allerdings keine "Lehmann-Schule" geworden. Der spätere Bischof und Kardinal legte auch von sich aus keinen gesteigerten Wert auf die Herausbildung einer solchen Schule; das hätte auch nur schwer zu seiner Person und seinem theologischen Stil gepasst. Schon Lehmann selber pflegte kein Meister- Schüler- Verhältnis zu einem der ihn in seiner frühen Zeit prägenden Theologen, auch nicht zu Karl Rahner, mit dem er einige Jahre intensiv zusammenarbeitete. So bleibt er im Rückblick ein Solitär in der theologischen Landschaft, von dem sich gleichwohl viel lernen ließ und noch lässt: Sachlichkeit, Geistesgegenwart und die Fähigkeit zur Differenzierung, das alles begleitet von der Gabe, die eigene Person zurücknehmen zu können.

Von Ulrich Ruh

Der Autor

Ulrich Ruh war 1974–1979 Wissenschaftlicher Mitarbeiter von Karl Lehmann, der damals den Lehrstuhl für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Universität Freiburg innehatte. Ruh wurde mit einer Arbeit über Begriff und Problem der Säkularisierung promoviert. Von 1991 bis 2014 war er Chefredakteur der Monatsschrift "Herder Korrespondenz".

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