"Betet ohne Unterlass!"

Die Gebetsform der Anbetung ist vielen Katholiken nicht mehr bekannt. Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker möchte das in seinem Bistum ändern. Deshalb hat er eine Handreichung herausgegeben.

Spiritualität | Paderborn - 24.01.2017

Immer mehr junge Menschen entdecken eine alte Gebetsform für sich: Die Anbetung. Unter dem Label Nightfever laden junge Katholiken dazu ein, einige Zeit vor dem ausgesetzten eucharistischen Brot zu verbringen. Dieses Konzept hat Erfolg, denn seit im Nachklang des Weltjugendtages in Köln 2005 der erste Nightfever-Abend in Bonn veranstaltet wurde, hat sich die Glaubensinitiative auf über 70 Städte in Deutschland ausgebreitet. Sogar weltweit ist Nightfever bekannt.

Auch in Paderborn finden die Nightfever-Abende statt. Nun hat sich der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker vorgenommen, die Anbetung in allen Gemeinden und Gemeinschaften seiner Erzdiözese zu fördern. Daher hat die Liturgiekommission des Bistums jüngst eine Handreichung zur Gestaltung von Anbetungen herausgegeben. Sie trägt den Titel "Betet ohne Unterlass!" und ist 60 Seiten stark. Erzbischof Becker erhofft sich von einer größeren Verbreitung der Anbetung einen "Beitrag für einen geistlichen Neuaufbruch", wie er im Vorwort zur Broschüre schreibt.

Neue Initiativen mit Anbetung verbunden

Der Erzbischof geht davon aus, dass neue Initiativen "in der Kirche oftmals mit der eucharistischen Anbetung und dem Beichtsakrament verbunden sind." Solch einen Aufbruch des Glaubens wünscht er sich auch für seine Erzdiözese. Becker zieht Verbindungen zum Paderborner Zukunftsbild, dem Entwicklungsplan des Erzbistums. Diese Veränderungen, die das Bistum fit für die Zukunft machen sollen, versteht der Erzbischof als geistlichen Prozess. Und dieser benötige die Anbetung als Vergewisserung für den kommenden Weg.

Hans-Josef Becker ist Erzbischof des Erzbistums Paderborn.
Hans-Josef Becker ist Erzbischof des Erzbistums Paderborn.
 KNA

Man könnte meinen, die eucharistische Anbetung sei stark in Beckers Erzbistum verwurzelt, denn es gibt in Paderborn die Tradition, dass jede Gemeinde einmal im Jahr den Tag der Ewigen Anbetung feiert. Bistumsweit wird die Gebetsaktion jährlich am ersten Adventsonntag im Paderborner Dom eröffnet. Die Umsetzung in den Gemeinden ist jedoch sehr unterschiedlich: In einigen Pfarreien ist die Anbetung fest im Bewusstsein verankert und wird feierlich begangen. In anderen Gemeinden führt sie eher ein "Schattendasein", wie der Paderborner Erzbischof beklagt. Das möchte der Oberhirte nun ändern.

Die Gottesdienstexperten des Erzbistums präsentieren mit ihrer Schrift eine Sammlung mit zahlreichen Tipps, um eine Anbetung zu gestalten. So enthält die Handreichung einen Predigtvorschlag, einen möglichen Gottesdienstablauf und musikalische Hinweise für Anbetungen. Es gibt auch einen Erfahrungsbericht über Anbetungen mit jungen Menschen. Es wird klar, dass die Handreichung für Praktiker gedacht ist. "Die Broschüre richtet sich an alle, die in die Planung des Tages der Ewigen Anbetung involviert sind oder die darüber hinaus die eucharistische Anbetung fördern wollen", bekräftigt der Paderborner Generalvikar Alfons Hardt.

Messe wichtiger als Anbetung

Dabei stammt die Anbetung als liturgische Form bereits aus der Frömmigkeit des Hochmittelalters. Die Menschen jener Zeit wollten in der Messe die Kommunion nicht empfangen. Sie hatten Angst, zu sündigen, wenn sie ohne gebeichtet zu haben zur Kommunion gingen. Da sie den Leib Christi nicht verzehren konnten, wollten sie ihn sehen und verehren. Die Gläubigen erlebten die Aussetzung des Leibes Jesu als Nähe zu Christus. Während der Gegenreformation hatte die Anbetung ihre Blütezeit, denn sie wurde als Abgrenzung zum Protestantismus verstanden, der diese Form der Eucharistiefrömmigkeit ablehnte. Die eucharistische Anbetung wurde sehr stark von der Kirche gefördert. Dabei kam es aus heutiger Sicht auch zu Fehlentwicklungen.

Besonders in Deutschland waren die sogenannten "Aussetzungsmessen" beliebt, bei denen Eucharistie gefeiert wurde, während das Allerheiligste ausgestellt war. Heilige Messe und Anbetung haben zwar einen natürlichen Zusammenhang, da das eucharistische Brot in der Monstranz aus der Wandlung auf dem Altar stammt. Aber wie das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) betonte, hat die Eucharistiefeier eine größere Bedeutung als die Anbetung. Letztere wird von der Kirche weiterhin als wichtig erachtet, aber die Eucharistiefeier als Quelle und Höhepunkt der Liturgie beschrieben, weswegen die Feier der Messe einen Vorrang vor der Aussetzung des Allerheiligsten hat.

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Vor Gott sind alle gleich. Das zeigt sich an diesem Donnerstag recht früh. Es ist kurz nach acht Uhr, als Christoph Smarzoch still in der Kapelle des Kölner Maternushauses sitzt, den Blick auf den Altar gerichtet. Jeden Morgen kommt der Netzwerkadministrator hierher, um Jesus in der Gegenwart der Monstranz anzubeten, einem schmuckvollen Gehäuse mit einer Hostie, das auf dem Altar ausgestellt ist. An diesem Tag hat er Gesellschaft. (Artikel von März 2014)

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Im Erzbistum Paderborn gibt es Bestrebungen, der Anbetung eine neue Bedeutung zu geben. Oft findet nicht mehr - wie früher - eine wöchentliche Anbetung zu einer bestimmten Zeit statt, sondern die Verehrung der Eucharistie wird Bestandteil punktueller Events: So schlagen die Autoren der Handreichung vor, eine Andacht für Kinder zu gestalten, die spielerisch und kindgerecht an die Anbetung heranführt. Dabei wird keine lange Anbetungsstunde empfohlen, sondern lediglich eine nur einige Minuten lange Aussetzung des eucharistischen Brotes. Als Beispiel führt die Handreichung eine Gemeinde an, in deren Kirche eine große Jurte aufgebaut ist, in der Gebete und Aktivitäten für Kinder angeboten werden - wie auch die Anbetung.

Die Anbetung hat Potential

Einerseits kann die Anbetung dabei helfen, den christlichen Glauben zu vertiefen. Dies zeigt sich darin, dass sie, wie auch die Beichte, bei einigen Jugendlichen immer beliebter wird. Es handelt sich dabei oft um junge Menschen, die Orientierung und Heimat im Glauben suchen und sich den klassischen Formen der Spiritualität zuwenden. Im März 2016 sorgte die Initiative des Papstes weltweit für Aufsehen, 24 Stunden zu beten. Auch hier war die Anbetung ein wichtiger Bestandteil des Gebetsaufrufs von Franziskus. Fast alle Diözesen Deutschlands folgten der Bitte des Papstes und konnten in den jeweiligen Kathedralen viele Menschen zum Gebet versammeln.

Die Anbetung hat also das Potential, einen geistlichen Aufbruch voranzutreiben - jedenfalls für bestimmte Gruppen. Andererseits ist die Anbetung eine sehr anspruchsvolle Gebetsform, denn sie setzt den Glauben an die Präsenz Christi im gewandelten Brot voraus. Außerdem ist sie eine Gebetsform, die zunächst kein konkretes Ziel verfolgt und zweckfrei bleibt. Menschen der heutigen Leistungsgesellschaften könnten damit ein Problem haben. Trotzdem lohnt es sich, die Anbetung wiederzuentdecken: Sie ist eine Begegnung mit Christus.

Von Roland Müller

Linktipp

Das Erzbistum Paderborn hat eine Handreichung zur eucharistischen Anbetung mit dem Titel "Betet ohne Unterlass!" herausgegeben. Unter nachfolgendem Link gelangen Sie zum Online-Dokument.

Zur Handreichung

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