"Die Türkei hat eine Grenze überschritten"

Der Vorsitzende des Stephanuskreises der Unions-Bundestagsfraktion, der Kölner Abgeordnete Heribert Hirte, spricht im Interview mit katholisch.de über den Weihnachtsstreit in der Türkei und die Folgen.

Türkei | Bonn - 19.12.2016

Der Vorsitzende des Stephanuskreises der Unions-Bundestagsfraktion, der sich um Religionsfreiheit und verfolgte Christen kümmert, spricht im Interview mit katholisch.de über den Weihnachtsstreit in der Türkei und welche Konsequenzen folgen müssen.

Frage: Herr Hirte, der Streit um Weihnachten an der deutsch-türkischen Elite-Schule Istanbul Lisesi ist überraschend beigelegt worden. Hat die Türkei eingesehen, dass sie einen Schritt zu weit gegangen ist?

Hirte: Zunächst einmal ist diese Kehrtwende der Beweis, dass es vorher einen Streit gab. Das war ja anfangs von Seiten der türkischen Schulleitung abgestritten worden, die sagte, sie habe kein "Weihnachtsverbot" ausgesprochen. Zweitens scheint die Türkei in der Tat eingesehen zu haben, dass sie hier eine Grenze überschritten hat. Der öffentliche Aufschrei in Deutschland ist unterschätzt worden. Man hat wohl gehofft, dass diese interne Maßnahme unter dem Radar der Öffentlichkeit durchgehen würde. Und damit ist durch den Streit ein Punkt ganz deutlich geworden: Öffentlichkeit hilft, und zwar auch im Verhältnis zu Ländern wie der Türkei. Die deutsche Debatte über das Weihnachtsverbot war wahrscheinlich der Grund, warum die Türkei den Konflikt jetzt beilegen will.

Heribert Hirte, CDU-Bundestagsabgeordneter für Köln und Professor für Rechtswissenschaft an der Universität Hamburg, ist seit März 2014 Vorsitzender des Stephanuskreises. Das überkonfessionelle Gesprächsforum innerhalb der CDU/CSU-Bundestagsfraktion tritt für Toleranz und Religionsfreiheit ein und kümmert sich um verfolgte Christen in aller Welt.
 Tobias Koch

Frage: Ist damit alles wieder gut zwischen Deutschland und der Türkei?

Hirte: Nein, bei weitem nicht. Die Instrumentalisierung der Religion seitens der Mehrheitspartei AKP und seitens der Regierung ist nicht zu Ende. In Zeiten, in denen die Armut in der Türkei wächst, braucht Präsident Erdogan ein identitätsstiftendes Merkmal - und das ist  in diesem Fall sein Verständnis des Islam.

Frage: Wie steht es um die Religionsfreiheit in der Türkei?

Hirte: Religion - sofern sie von der Mehrheitsreligion abweicht - steht unter Druck. Das gilt nicht nur für die Christen, sondern auch für die unterschiedlichen Ausprägungen des Islam. Die Aleviten etwa machen je nach Zählung die Hälfte der türkischen Bevölkerung aus. Auch Atheisten, die es in der Türkei genauso gibt wie in Deutschland, haben ein Problem. Manches, was wir heute sehen, ist eine Gegenreaktion auf den strikt säkularen kemalistischen Ansatz, der die Türkei jahrzehntelang geprägt hat. Damals wollte das Regime Religion als bestimmenden Faktor ausblenden, was aus Sicht der städtisch geprägten Bevölkerung ja durchaus stimmig gewesen sein mag. Aber man hat nicht gemerkt, dass für viele Menschen Religion wichtig ist.

Linktipp: Istanbuler Weihnachtsstreit beigelegt

Wurde deutschen Lehrern in der Türkei verboten, im Unterricht über Weihnachten zu sprechen? Jedenfalls scheint es jetzt zu einer Aussprache an der Istanbuler Lisesi gekommen zu sein. Dass Präsident Erdogan selbst am "Weihnachtsverbot" beteiligt war, hält das Auswärtige Amt für unwahrscheinlich.

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Frage: Was muss jetzt die Konsequenz aus dem Streit sein?

Hirte: Ganz sicher ist: Wir müssen reden. Wir dürfen den Gesprächsfaden mit der Türkei nicht abreißen lassen. Und wir müssen hier in Westeuropa ein Verständnis dafür entwickeln, dass in der Türkei die Nerven blank liegen. Allein in den vergangenen Tagen gab es dort mehrere Attentate, viele unschuldige Menschen sind ums Leben gekommen. Das war in der deutschen Öffentlichkeit eher unterbelichtet. Um nicht falsch verstanden zu werden: Kein Attentat rechtfertigt es, die Religionsfreiheit einzuschränken. Aber wir müssen uns auch vor vorschnellen Schlüssen und überhitzten Diskussionen hier in Deutschland hüten. Für manche Kommentare, die ich in den vergangenen Tagen auf Facebook oder Twitter gelesen habe, fehlt mir doch das Verständnis. Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen, darf auch bei uns die Religionsfreiheit nicht verwehrt werden. Sie ist ein individuelles Menschenrecht, das hat mit den Staaten wie der Türkei nichts zu tun. Schlimm ist es, wenn Staaten die Religion ausnutzen. Es liegt jedenfalls im gegenseitigen Interesse, nicht noch zu einer weiteren Eskalation im Verhältnis zwischen der Türkei einerseits und Deutschland und der EU andererseits beizutragen.

Von Gabriele Höfling

Zur Person

Heribert Hirte ist Vorsitzender des Stephanuskreises der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Das überkonfessionelle Gesprächsforum tritt für Toleranz und Religionsfreiheit ein und kümmert sich um die Situation verfolgter Christen weltweit.

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