"Sie kamen mitten in der Nacht"

Fundamentalistische Hindus bedrohen das Leben indischer Christen. An der Unterdrückung der Minderheit beteiligen sich auch Behörden und Justiz. Es ist ein Skandal.

Christenverfolgung | Bhubaneswar/Aachen - 21.04.2017

"Sie kamen einfach mitten in der Nacht und haben meinen Mann mit Gewalt aus unserem Dorf gezerrt." Nilandii Nayak muss mittlerweile mehr als acht Jahre auf ihren Mann verzichten. Trotz ihres bunten Saris wirkt sie verhärmt und schwer gebeugt. "Es ist so schwer zu leben ohne Mann und Vater", berichtet sie mit Tränen in den Augen vom Schicksal ihrer Familie.

Nayak ist eine von sieben christlichen Frauen aus dem nordost-indischen Bundesstaat Odisha, deren Männer 2008 wegen des vermeintlichen Mordes an einem prominenten Hindu-Mönch in einem offenkundig manipulierten Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Vier der Frauen sind die an diesem Morgen ins katholische Seminar von Balliguda gekommen, um über die schwierige Situation der christlichen Minderheit in der Region Kandhamal zu berichten. "Wer uns hilft, bekommt selbst Probleme", schluchzt eine und verhüllt ihren Mund mit ihrem Schleier. "Ich kann keinem Hindu mehr trauen. Ich habe Angst, mit ihnen zusammenzuleben", sagt die andere.

Es ist ein Justiz-Skandal

Die Situation ist vergiftet. Doch zumindest, was die inhaftierten Männer angeht, gibt es einen Hoffnungsschimmer: Am Freitag startete das internationale Hilfswerk Missio in Aachen eine bundesweite Kampagne, um ihre sofortige Freilassung durchzusetzen. Die sieben Männer würden zu Unrecht beschuldigt, sagt Missio-Präsident Klaus Krämer. "Die Vorwürfe sind längst entkräftet, und maoistische Rebellen haben die Verantwortung für die Tat übernommen." Ein Justiz-Skandal.

Die Missio-Kampagne "#freeourhusbands" ("Lasst unsere Männer frei"), richtet sich an den indischen Premierminister Narendra Modi und den Ministerpräsidenten von Odisha, Naveen Patnaik. Auch die indische Bischofskonferenz hat eine Petition zur Freilassung gestartet.





Der Mord an dem Hindu-Geistlichen 2008 hatte mehrmonatige Gewalttaten gegen Christen in rund 400 Dörfern im Kandhamal ausgelöst. Rund 100 Christen wurden getötet, mehr als 50.000 mussten fliehen, mehrere tausend Wohnhäuser brannten nieder, etwa 300 kirchliche Gebäude wurden zerstört. Von den Beschuldigten sind nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen bisher nur wenige verurteilt worden, darunter zwei wegen Mordes. Rund 255 Strafverfahren sind immer noch anhängig. Bis heute konnten viele der Vertriebenen nicht in ihre Dörfer zurückkehren.

Die Ereignisse stehen nach Überzeugung der Kirche und von Menschenrechtsorganisationen stellvertretend für eine Aushöhlung der Religionsfreiheit in Indien. "Hindu-Fundamentalisten missbrauchen die Religion für eine nationalistische Politik, darunter leiden Christen, Muslime, Angehörige anderer Minderheiten und moderate Hindu gleichermaßen", so Krämer. Seit dem Wahlsieg von Modi von der hindu-nationalistischen Partei BJP 2014 verschärfen sich die Konflikte. "Es geht um die Seele Indiens", sagt Teesta Setalvad, eine der bekanntesten Bürgerrechtlerinnen des Landes. In der mit 1,3 Milliarden Einwohnern größten Demokratie der Welt, die im August 70. Geburtstag feiert, verändern sich die Koordinaten.

"Indien den Hindus"?

Ob Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums, Amnesty International, die Gesellschaft für bedrohte Völker oder die katholischen Hilfswerke Missio Aachen und Kirche in Not: Sie bescheinigen dem Land, das laut Verfassung von 1950 eine säkulare und plurale Demokratie ist, eine problematische Entwicklung. Mit besonderer Sorge verfolgen Menschenrechtler und Kirchen, wie die fanatische Hindu-Bewegung RSS, die eng mit der Regierungspartei BJP verknüpft ist, an Einfluss gewinnt. "Indien den Hindus", lautet die Parole.

Gewalt gegen Christen und Muslime hat seit Modis Machtantritt deutlich zugenommen. Menschenrechtsorganisationen haben mehr als 760 gewalttätige Übergriffe gegen religiöse Minderheiten zwischen Mai 2014 und September 2015 dokumentiert. Eine Hinduisierung des Bildungswesens zeichnet sich ab. Selbst kleine Anlässe wie etwa der Verzehr von Rindfleisch durch Muslime können zu Lynchmorden führen. Auch der Vorwurf der Missionierung bedrängt Christen und Muslime. Mehrere Bundesstaaten haben Antikonversionsgesetze erlassen - die aber nicht greifen, wenn es um Konversionen zum Hinduismus geht.

Von Christoph Arens (KNA)

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