Vaterunser: Die Versuchung ist nicht das Problem

Die Bitte "und führe uns nicht in Versuchung" kann Irritationen auslösen. Das Problem liegt aber nicht hier, sondern in der falschen Übersetzung einer anderen Stelle des Vaterunsers.

Gebete | Bonn - 12.12.2017

Jeder kann beten, um was er will. Janis Joplin sang: "Oh Lord won`t you buy me a Mercedes Benz." Jeder ist vollkommen frei, welche Worte er oder sie dabei wählt. Wenn es aber einen Text gibt, an dem herumzuschrauben absolut unmöglich ist, dann ist es das Vaterunser. Die ganze Bedeutung dieses Textes hängt daran, dass es sich um das Gebet handelt, "das Jesus selbst uns zu beten gelehrt hat". In Jesu Gebet aber geht es um die Essenz dessen, was er war und was er wollte. Hier geht Authentizität über alles. Der inzwischen vielstimmige Einspruch gegen die Entschärfung der Bitte "und führe uns nicht in Versuchung" ist nur zu berechtigt.

Über diese Bitte sind schon viele gestolpert. Sie kann tatsächlich eine ernste Irritation auslösen. Was wäre das für ein Gott, der uns da in Versuchung führt? Kann das der liebende Vater sein, zu dem wir wie ein Kind "Abba" sagen sollen?

Das Problem löst sich mit der zentralen vierten Bitte

Das Problem löst sich auf überraschende Weise, wenn wir die Forderung nach Authentizität und dem getreuen Wortlaut wirklich ernstnehmen und sie auch auf die zentrale vierte Bitte anwenden. Wenn wir sie richtig verstehen, liefert sie nämlich den Schlüssel auch zum Verständnis der vorletzten, auf den ersten Blick so irritierenden Bitte. Üblicherweise wird diese vierte Bitte "Unser tägliches Brot gib uns heute" so verstanden, dass es darum geht, immer genug zu essen zu haben. Eine gründliche philologische Untersuchung hat aber ergeben, dass diese Lesart, diplomatisch formuliert, "missverständlich" ist.

Das Brot, von dem Jesus hier spricht, ist so besonders, dass er dafür einen außergewöhnlichen Ausdruck prägt und zwar mit einem Adjektiv, das es im Griechischen, der Sprache der Evangelien, nirgendwo sonst gibt. Man kann zeigen, dass auch im verlorenen aramäischen Urtext ein solcher Neologismus gestanden haben muss. Das Adjektiv ist einzigartig, aber nicht sinnlos. Der Kirchenvater Hieronymus hat es in der Vulgata, der lateinischen Fassung der Bibel, mit "supersubstantialis" übersetzt. Ein "überwesentliches" Brot also. Wenn man ohne Zungenbrecher vom "himmlischen Brot" spricht, kommt man dem Ursprung nahe.

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Das Vaterunser ist das meistgesprochene Gebet der christlichen Welt.
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Die entscheidende Entdeckung dabei ist, dass es im Vaterunser einen Gedankenbogen gibt. Jede der Bitten antwortet auf die vorangegangene. Die dritte lautet: "Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden." Sie enthält die Frage aller Fragen: Was ist denn der Wille Gottes und wie kann ich ihn erkennen? Die Schriftgelehrten, mit denen Jesus in einem dauernden Grundsatzstreit lag, beantworteten sie mit dem Verweis auf die Tora. Dort kann nach ihrer Überzeugung nachgelesen werden, was der Wille Gottes ist. Jesus aber will mehr, als es die Schrift kann. Er hat vor ihr Respekt, aber in der Bergpredigt heißt es: "Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen." (Mt 5,20) Seine Alternative heißt: täglich himmlisches Brot essen. Wer jeden Tag um himmlisches Brot bittet, macht jeden Tag ein Update: "Gott, was willst du heute von mir?" Das ist radikale Präsenz.

Die Versuchung der Eifrigen und Frommen

Brot, der alte Sinnträger, auf den Jesus dann auch im Abendmahl zurückkommt, kann und soll maximale Gottesnähe erzeugen. Ein Beter, der sich täglich neu an Gott wendet, kann nun versucht sein, die Erfüllung seiner Bitte schon mitzudenken und die gefühlte Gottesnähe bis zur Gewissheit zu steigern, so sehr, das er zwischen seinem Willen und dem Gotteswillen nicht mehr unterscheidet. Die Kreuzfahrer, die auf ihre Fahnen "Deus lo vult" ("Gott will es") schrieben, waren dieser Versuchung erlegen. Immer ist es eine Versuchung derer, die eine maximale Gottesnähe suchen. Diese  Art Versuchung ähnelt den Versuchungsgeschichten, von denen die synoptischen Evangelien berichten, besonders erinnert sie an das Versprechen der Schlange: "Ihr werdet sein wie Gott." Die vierte Bitte um das himmlische Brot zielt in der Tat auf maximale Gottesnähe, aber sie enthält eben auch diese Versuchung. Es ist die Versuchung der Eifrigen und Frommen, und genau vor ihr kann und soll die vorletzte Bitte bewahren. So gedeutet, passt sie genau in die Gedankenführung des Gebets, das Jesus seinen eifrigen und frommen Jüngern vorspricht.

So wird es höchste Zeit für eine die Korrektur und zwar eine, die sich nicht am authentischen Text vergreift und die vorletzte Bitte weichspült, sondern eine, welche die falsch oder doch missverständlich übersetzte Bitte um das tägliche Brot authentisch macht und stattdessen vom himmlischen Brot spricht. Der Streit mit den Franzosen und die an sich nicht unsympathische aber doch abwegige Idee von Papst Franziskus hat sich an einem Scheinproblem entzündet, aber er hat auch eine Diskussion eröffnet. Das kann sein Gutes haben. Über das Vaterunser nachzudenken lohnt sich. Ausgerechnet der bekannteste Gebetstext der Welt hält Überraschungen bereit.

Von Eckhard Nordhofen

Zur Person

Eckhard Nordhofen ist ein deutscher Theologe und Philosoph. Er leitete bis 2001 die Zentralstelle Bildung der Deutschen Bischofskonferenz. Von 2001 bis 2010 war er Leiter des Dezernates Bildung und Kultur im Bistum Limburg. Bis 2014 lehrte er außerdem theologische Ästhetik und Bildtheorie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Im Februar erscheint im Herder Verlag sein Buch "Corpora. Die anarchische Kraft des Monotheismus". Darin beschäftigt sich der Autor auch ausführlich mit der Übersetzung des Vaterunsers.

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