Wenn Jesus einen Heiratsantrag macht

Eigentlich war es immer ihr Traum, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Doch es kam anders - und Veronika Ebnöther wurde zur geweihten Jungfrau im Jeans-Habit.

Serie: Mein Glaube | Bonn - 18.02.2017

Frage: Schwester Veronika, wann haben Sie sich entschieden, als geweihte Jungfrau zu leben?

Ebnöther: Mein Traum war es immer, zu heiraten und Kinder zu haben. Als ich 20 war, hatte ich dann ein Erlebnis in Zürich, das alles veränderte. Das war der Moment meiner Berufung. Ich war in der Krypta in der Liebfrauenkirche und stand ganz nah am Tabernakel. Ich habe mehr geschaut als gebetet und dann hatte ich das Gefühl, dass Jesus mich ruft. Er wollte, dass ich ganz bei ihm bin, ihm mein Leben weihe. Ich weiß, das klingt jetzt verrückt, aber ich wusste in diesem  Moment, ich will Jesus gehören und zwar ganz. Das war wie ein Heiratsantrag für mich. Und ich habe Ja gesagt.

Frage: Hatten Sie keine Zweifel an dieser Berufung?

Ebnöther:  Nein. Meine Entscheidung habe ich gut und lange geprüft. Ich habe mein ganzes Leben in Frage gestellt, aber nie meine Berufung. Die Menschen aus meinem Umfeld haben darauf zurückhaltend reagiert, für mich aber war es glasklar: Ich will Jesus lieben. 2002 wurde ich dann in Chur zur geweihten Jungfrau geweiht und legte damals vor Bischof Amédée Grab das Gelübde der Jungfräulichkeit ab. Das war die Hochzeit meines Lebens. Damals war ich gerade 28 Jahre alt geworden.

Veronika Ebnöther (43) legte 2002 in der Churer Kathedrale im Hochzeitskleid vor Bischof Amédée Grab das Gelübde der ewigen Jungfräulichkeit ab. Seitdem trägt sie als Symbol für ihr Versprechen einen goldenen Ring. Sie bezeichnet sich selbst als "Freelance-Schwester".
 Foto: Pit Bühler

Frage: Wie lebt man eine Beziehung mit Jesus konkret?

Ebnöther: Mein Bräutigam ist Jesus und ich bin die Braut. Wenn das klar ist, kann man alle anderen leiblichen Bedürfnisse besser auffangen, auch die Sehnsucht nach Nähe. Ich spüre, dass Jesus immer bei mir ist. Es ist wichtig, dieses geistliche Leben auch zu pflegen und nicht schleifen zu lassen. Die erste Anlaufstelle, wenn ich mal einsam bin oder eine große Sehnsucht nach Zärtlichkeit verspüre, ist immer das Gebet für mich. Und ab und zu stelle ich mir einfach vor, dass ich mit Jesus einen Spaziergang mache.

Frage: Sind Sie dann so etwas wie eine Mystikerin?

Ebnöther: Es gibt Leute, die sagen, ich sei eine moderne Mystikerin. Ich bezeichne mich selbst nicht so. Ich habe offenbar einen besonderen Zugang zu Jesus. Einer meiner Lieblingstexte in der Bibel ist das Hohelied. Dieser Text im Alten Testament ist auch mystisch zu verstehen. Wie offen und ungehemmt hier von der Schönheit, der Liebe und der Zärtlichkeit Gottes gesprochen wird, fasziniert mich.

Frage: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ebnöther: Zum Beispiel werden die Gefühle Gottes für den Menschen mit einem Kuss beschrieben. Es heißt da: "Mit Küssen seines Mundes bedeckte er mich." Im Hohelied steht der Kuss für das geistliche Vermählen mit Gott, ein miteinander Eins werden. Ich vergleiche das gerne mit dem Weben eines Stoffes. Es gibt den Längsfaden, das ist Gott und es gibt den Querfaden, das ist der Mensch. Die beiden werden miteinander verwoben und ergeben gemeinsam wieder etwas Neues, auch wenn jeder er selbst bleibt. Wenn man so mit Gott zusammen ist, dann gibt es keine Distanz und keine Sehnsucht mehr. Wir sind eins.

Frage: Aber genügt diese Vorstellung auch für das Leben im Alltag?  

Ebnöther: Ja, ich glaube, dass das enge Zusammensein mit Gott bei mir eine extreme Kraft  entwickelt. Und das spüren die Menschen. Ich glaube auch, dass dieses enge Zusammensein mit Gott mich jung hält. Außerdem lebe ich immer mit dem Blick nach vorne, auf eine positive und hoffnungsvolle Zukunft hin ausgerichtet. Oder anders ausgedrückt, auf den Himmel zu. So fällt es mir leichter, vieles hinter mir zurückzulassen. Ich mag diesen Spruch sehr: Wer loslässt, wird gehalten.

Schwester Veronika Ebnöther veröffentlicht ein monatlich erscheinendes Magazin "Frommberen" und einen Blog im Internet. Hier erzählt sie auf ganz persönliche Weise von der Schönheit, der Liebe und Zärtlichkeit Gottes.
 Foto: Pit Bühler

Frage: Wäre das Leben in einem Kloster nicht einfacher für Sie?  

Ebnöther: Das Leben in einem Kloster passt nicht zu mir. Ich habe es auch ausprobiert, um dann schnell zu merken, dass das nichts für mich ist. Im Kloster kann ich mich jederzeit zurückziehen, da wird abends die Pforte geschlossen. Das will ich aber nicht. Ich bin aber auch keine Einsiedlerin, sondern ich will 24 Stunden für die Menschen erreichbar sein. Ich lebe daher auch bewusst im Dorf in einer Wohnung, also mitten in der Welt. Ich bin auf der Straße unterwegs und falle mit meinem Jeans-Habit sowieso auf und werde immer wieder darauf angesprochen. Die Menschen können bei mir ihren Frust und ihre Freude abladen. Auf diese Weise kann ich ihnen mehr geben, als bei einem straff organisierten Tagesablauf im Kloster. Ich kann jederzeit Besuche oder einzelne Gespräche ausdehnen. Ich habe zum Beispiel auch keine Haustiere, weil ich frei für die Menschen sein möchte. Eine echte "Freelance-Schwester“ eben.

Frage: Wie verdienen Sie denn Ihren Lebensunterhalt als freischaffende Schwester?   

Ebnöther: Ich muss für Miete und Essen selbst aufkommen. Ich war zum Beispiel als Pfarreimitarbeiterin angestellt, habe auch schon in Pfarrhaushalten geputzt und betreibe jetzt einen Blog mit dem Titel "Frommbeeren" im Internet. Damit will ich Menschen auf erfrischende Art und Weise von Gott und meinem Glauben erzählen. Außerdem arbeite ich zwei Tage pro Woche als Gefängnisseelsorgerin.

Frage: Fühlen Sie sich manchmal alleine?    

Ebnöther: Ich habe mich für ein Leben als geweihte Jungfrau verpflichtet, täglich zu beten und ehelos zu leben. Dafür musste ich vieles loszulassen, Freundschaften, egoistische Wünsche und Lebensvorstellungen. Aber ich habe ein starkes soziales Netz an Freunden und Familie, das mich auffängt, ich fahre oft mit dem Mountainbike herum und spiele einmal wöchentlich in einer Gruppe Alphorn. Ich habe mein Leben komplett Gott geschenkt und trage als Symbol für dieses Versprechen einen Ehering. Als ich im Brautkleid damals mein Gelübde vor dem Bischof abgelegt habe, wusste ich, das ist für immer. Und ich habe diese Entscheidung bis heute nicht bereut.

Von Madeleine Spendier

Zur Person

Schwester Veronika Ebnöther (43) hat sich zu einem ehelosen Leben verpflichtet und lebt in einer modernen Zweizimmerwohnung in Bonaduz, einem Dorf mit rund 3000 Einwohnern in der Schweiz. Ebnöther bezeichnet sich selbst als "Freelance-Schwester". Sie ist Gefängnisseelsorgerin in zwei Bündner Justizvollzugsanstalten und Bloggerin.

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