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Das Magnificat

Zu Beginn ihrer Schwangerschaft besucht Maria ihre Verwandte Elisabeth, die zu ihr sagt: "Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?" Maria antwortet mit ihrem berühmten Loblied Magnificat. Die Kirche betet es jeden Abend im Stundengebet.

Unsere Gebete | Bonn - 20.12.2015

Ein Jubellied unter schwangeren Freundinnen - das Magnificat ist einer der weiblichsten und bekanntesten Evangelientexte. Im Stundengebet, in der Vesper am Abend, hat es seinen festen Platz in der Liturgie.

Das Magnificat (Lk 1,46b-55)

Meine Seele preist die Größe des Herrn, / und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. / Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. / Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. / Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig. / Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. / Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: / Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; / er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. / Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. / Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, / das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig. / Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück.

Nachdem der Engel Gottes ihr verkündet hat, dass sie Gottes Sohn gebären wird, trifft die Maria ihre Verwandte Elisabeth. Elisabeth, selber schwanger mit Johannes dem Täufer, erkennt Maria als Erste als "Mutter ihres Herren".

Der Text beginnt mit starken Worten: "Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter..." Da steht die schwangere Maria vor ihrer ebenfalls schwangeren Freundin und bricht in Freundenstürme aus! Maria, die unglaubliches erlebt hat, trifft Elisabeth, die einzige Frau, die sie verstehen kann. Und jetzt hat endlich die Freude ihren Platz, nicht mehr die Unsicherheit: "Wie soll das gehen?"

Die Kirche jubelt allabendlich mit Maria

Viele Bilder, Statuen und Kunstwerke zeigen diese Szene, die in der Tradition "Mariä Heimsuchung", Marias Besuch, genannt wird. Es ist eine intime Situation zweier Frauen. Auf machen Bilder sieht man, wie Elisabeth den gerundeten Bauch von Maria berührt. Auf manchen sieht man die ungeborenen Babys Jesus und Johannes. Und Johannes, der strenge Täufer, hüpft hier als Baby vor Begeisterung im Mutterbauch.

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Schwester Ursula Hertewich aus dem Dominikanerinnenkloster Arenberg betet das Magnificat, den Lobgesang Mariens. Danach erklärt sie, wann es feierlich gebetet wird und was es ihr bedeutet.
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Jeden Abend jubelt die Kirche zusammen mit Maria über das, was da geschehen ist und immer wieder geschieht: Gott wird Mensch. Aber nicht jeder Abend bietet Anlass zur überschäumender Freude. Oft ist gerade der Abend die Zeit, in der sich Zweifel melden, in der wir uns Sorgen machen.

Wie gut, dass Maria weitersingt: Sie erzählt ihre eigene Geschichte: An ihr der kleinen unbedeutenden Frau hat Gott Großes getan. Der Stolz ist unüberhörbar: "Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter!" Maria erkennt das, obwohl zu diesem Zeitpunkt ihre Zukunft unsicher ist. Sie weiß nicht, wie ihr Verlobter auf ihre Schwangerschaft reagieren wird. Maria hat sich in dieser unsicheren Situation für das Vertrauen entschieden. Und begründet das mit den Erfahrungen ihres Volkes: Gott hat sich in der ganzen Geschichte ihres Volkes als zuverlässig erwiesen.

Gott erhebt und beschenkt die Niedrigen, Kleinen

Maria besingt Gottes Taten: Gott zerstreut, stürzt und bestraft die Reichen, Mächtigen. Gott erhebt und beschenkt die Niedrigen, Kleinen.

An dieser Stelle erscheint Marias Lied wie ein modernes Revolutionslied. Die Verhältnisse werden radikal geändert. Die Menschenherrschaft mit all ihrer Gewalt hat ein Ende. Die Spaltung der Gesellschaft in Reiche, die immer reicher werden und Arme, die hungern, wird beendet. Maria besingt das Bild einer gerechten und geeinten Welt. Und doch ist es kein Kampflied. Maria besingt hier das Reich, das nicht von dieser Welt ist, das Reich Gottes, die neue Schöpfung, die mit Jesu Geburt anfängt. Oft wird Maria die "neue Eva" genannt. Eva steht für die Trennung von Gott aufgrund eigener Schuld, unter der alle Menschen seither leiden. Maria steht für die neue Gemeinschaft der mit Gott: Weil Gott sich uns ganz schenkt, können wir Gott ganz vertrauen, so, wie es Maria gerade tut.

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Wer ist Maria? Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger".
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Und das ist das Wichtigste im Lied: Gott erbarmt sich. Gott ist treu. Das wiederholt Maria, auf dieser Überzeugung basiert das ganze Lied. Auch hier steht Maria in einer langen Tradition biblischer Frauen - Sara, die Frau von Abraham, Hanna, die Mutter des Propheten Samuel, Tamar und Ruth im Stammbaum Jesu: Gott zeigt sein Erbarmen oft an Frauen, denen er unerwartet ein Kind als Zeichen eines Neuanfangs für Israel schenkt. Gott vertraut den Schwachen, Fremden, Zweifelnden, Ohnmächtigen die Zukunft der Menschen an. Aus ihnen, aus deren Sehnsucht, wächst neues Leben und Zukunft für alle Menschen.

An der Schwelle zum neuen Bund

Maria jubelt hier nicht für sich und nicht für ihr Volk. Maria steht an der Schwelle zum neuen Bund und jubelt über die Erlösung der ganzen Welt. Jeden Abend dürfen wir teilhaben an Marias unerschütterlichem Vertrauen in Gottes Verheißung. Jeden Abend erinnern wir uns an die Treue, die Gott uns zeigt - uns und allen Menschen vor und nach uns.

Dietrich Bonhöffer, der evangelische Theologe und Märtyrer nennt das Magnificat das "leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen worden ist. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, ..., sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht."

Linktipp: Eine heilsame Begegnung

Das Fest Mariä Heimsuchung (2. Juli) bezeichnet die Begegnung von Maria und Elisabeth, die Lukas in seinem Evangelium schildert. Maria ist ungeplant schwanger. Sie hatte es sicherlich nicht leicht: jung, ohne die Sicherheit einer Ehe und eines geregelten Lebens.

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Von Sr. Birgit Stollhoff CJ

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