Die dringend nötige Medienreform im Vatikan

Von Zeitung bis Fernsehen, von Radio bis Internet: Der Vatikan hatte bisher ein vielfältiges, aber teilweise veraltetes Medienangebot. Bernd Hagenkord von Radio Vatikan verrät, was sich ändern wird.

Medien | Vatikanstadt - 14.11.2017

Der Vatikan besaß bislang neun weitgehend eigenständige Medieneinrichtungen: Zeitung, Radio, Fernsehen, Verlag, Druckerei, Presseamt, Fotodienst, Internet-Büro und einen für Medienpastoral und –politik zuständigen Medienrat. Das Sekretariat für Kommunikation soll diese Bereiche nun auf Wunsch des Papstes in einem mehrjährigen Übergangsprozess zusammenführen. Einer der weiß, wie das funktionieren soll, ist der Jesuit Bernd Hagenkord. Er hat die deutschsprachige Redaktion von Radio Vatikan geleitet und soll auch künftig eine verantwortliche Position übernehmen.

Frage: Pater Hagenkord, der Vatikan organisiert seine Medienlandschaft komplett neu. Ist das nötig?

Hagenkord: Das ist dringend nötig. Es ist kein Geheimnis: Die Medienlandschaft hat sich ebenso wie die Nutzungsgewohnheiten der Menschen gewandelt. Digitales ist sehr viel wichtiger geworden. Und so zu tun, als habe sich nichts geändert, das ginge am Medienmarkt vorbei. Und zweitens: Dadurch, dass die einzelnen Bereiche bislang getrennt waren, haben wir doppelt, sogar dreifach nebeneinanderher gearbeitet - was ineffizient ist. Es war also dringend notwendig, die Arbeit zusammenzuführen, und vom Ganzen her neu zu denken.

Frage: Was ist das Konzept, die Leitlinie der Neuordnung?

Hagenkord: Erstens handelt sich um eine Neugründung, nicht um eine Reform des Bisherigen. Wir fügen nicht einfach etwas Bestehendes zusammen. Es ist gleichsam ein Neulernen von Kommunikation. Und das machen wir mit dem Personal und den Institutionen, die wir haben.  Zweitens: das klassische "user first". Wir fragen nach dem Verhalten und dem Medienkonsum der Menschen; wo sie Nachrichten schauen, hören, lesen. Und für diesen Markt wollen wir produzieren. Wir machen nicht einfach Radio, weil es hier einen Sender gibt und wir gerne Radio produzieren wollen. Dabei müssen und wollen wir drittens kulturell differenzieren, können kein uniformes Angebot unterbreiten. Denn das Medienverhalten und die Erwartungen der Konsumenten sind von Kultur zu Kultur, von Sprache zu Sprache unterschiedlich. Darin besteht das besonders Spannende des Projekts.

Frage: Wird es dann künftig überhaupt noch eine Zeitung des Vatikan geben, ein Fernsehen, ein Radio, oder werden sie als eigene Einheiten verschwinden?

Hagenkord: Das ist unterschiedlich. Die Zeitung, der "Osservatore Romano", ist ein eigenständiges Medium. Man kann das Blatt nicht einfach mit den Texten füllen, die wir für das Internet aufbereiten. Dort muss man besonders arbeiten. – Das bisherige CTV war kein klassisches Fernsehen; es hat Bilder produziert. Wir wollen auch künftig filmisch auftreten, aber stärker in den sozialen Medien, weniger auf dem großen Bildschirm. Wir wollen etwa über Youtube oder Facebook Filme anbieten, kurze informative, auch unterhaltsame Stücke rund um den Papst. Aber wir werden auch weiterhin als "Radio" präsent sein. Es wird auch künftig unser italienisches Vollprogramm auf UKW 105 geben. Sicher wird man ein Programm auf Französisch hören können. Und selbstverständlich wird es weiterhin eine Sendung auf Deutsch geben. Wo sie ausgestrahlt wird, muss sich aber noch zeigen.

Frage: Wie wird nun die künftige vatikanische Medienlandschaft aussehen, insbesondere die von Radio Vatikan?

Hagenkord: Innerhalb des Kommunikationssekretariats bauen wir derzeit eine "Plattform" auf – einen genauen Namen gibt es noch nicht. Dort bereiten die bisherigen Mitarbeiter von Radio Vatikan und von CTV unter einem gemeinsamen Logo Informationen aus dem Vatikan journalistisch in unterschiedlichen Formaten auf. Da gibt es die Internetseite, Newsletter, Audio, Angebote auf den Apps, bei Snapchat oder Instagram. Für jeden Kanal muss der Output anders aufbereitet werden, bei Facebook geht was anderes als im Newsletter.

Bernd Hagenkord im Porträt
Der Jesuit Bernd Hagenkord war Redaktionsleiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan und wird auch künftig eine führende Aufgabe im Medienangebot des Vatikan übernehmen.
 KNA

Frage: Wie sieht das Projekt konkret aus?

Hagenkord: Wir ziehen in ein Großraum-Büro, im vierten Stock des Palazzo von Radio Vatikan. Dort wollen wir mit sechs Sprachen beginnen: Italienisch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch und Deutsch. Aber es ist erklärter Wille, dass es nicht bei sechs Sprachen bleibt. Von Anfang an wollen wir dabei die Content-Erstellung und die Ausspielkanäle trennen. Die Plattform soll noch vor Ende des Jahres live geschaltet werden. Mit den vielen Sprachen und den unterschiedlichen Medien ist das technisch nicht einfach umzusetzen.

Frage: Wie läuft die Arbeit ab. Zum Beispiel: Der Papst hält eine Rede an die Schweizergarde. Gibt es dann eine italienische Meldung, die in die übrigen Sprachen übersetzt wird?

Hagenkord: Nein. Sechs Redakteure werden diese Rede einzeln bearbeiten und ihre eigene Meldungsfassung erstellen. Denn in Deutschland oder der Schweiz besteht ein anderes Sprachverständnis und Hörinteresse als etwa in Frankreich oder Spanien. Allerdings kann man sich mit Fotos austauschen. Oder man kann ein Interview mit einem Schweizergardisten machen. Da gehen dann ein französischer und ein deutscher Kollege hin. Und der jeweils andere hält die Kamera, damit man auch einen kurzen Film produzieren kann. Das kann man teilen.

Frage: Ist das neue Konzept personalverträglich?

Hagenkord: Entlassungen wird es nicht geben. Im Übrigen hängt sehr vieles von uns ab, inwieweit wir uns kreativ, flexibel und mit Freude in die neue Arbeit hineinfinden.

Frage: Und was ist mit den anderen Medienbereichen? Druckerei, Verlag, Fotoservice?

Hagenkord: Die vatikanische Verlagsanstalt LEV wird und muss es auch weiter als eine juristisch eigenständige Größe geben. Der Name steht noch nicht fest. Sie kümmert sich um Rechtefragen, als Verwalter und Inhaber des Verlags. - Auch einen Fotoservice wird es weiterhin geben, aber der wird in die Plattform integriert. Zur Zukunft der Druckerei weiß ich nichts.

Frage: Und der bisherige Medienrat, das Presseamt?

Hagenkord: Die Aufgaben des Medienrats werden aufgefangen durch die neue Direktion des Kommunikationssekretariats für Pastoral und Theologie. Sie entsteh gerade. Ich habe mitbekommen, dass in den Bischofskonferenzen großes Interesse besteht, dass eine solche medien-theologische Reflexion fortgesetzt wird. Dazu dürfte man sich auch mit dem Kulturrat in Verbindung setzen, der ebenfalls mit solchen Fragen bearbeitet. Das Presseamt behält auch künftig eine Zwitterstellung. Es gehört zum Mediensekretariat, ist aber weiter an das Staatssekretariat gebunden, was seine Informationen und Inhalte betrifft. Die bekommt der Vatikansprecher weiterhin direkt von dort.

Papst Benedikt XVI. bei einem Interview mit Radio Vatikan im Jahr 2006.
Der damalige Papst Benedikt XVI. bei einem Interview mit Radio Vatikan im Jahr 2006.
 dpa

Frage: Und da gab es ja auch ein Internet-Büro?

Hagenkord: Es wird künftig zwei große Internet-Auftritte geben. Das eine ist weiterhin vatican.va, praktisch das Amtsblatt des Vatikan, das die offiziellen Informationen anbietet. Daneben gibt es mit unserer neuen Plattform eine journalistische Aufbereitung der Vatikaninformationen, ohne dass wir damit eine vatikanische PR-Agentur wären.

Frage: Die vatikanischen Medienverantwortlichen haben schon vor Gründung des neuen Sekretariats auffallend auf die neuen Medien gesetzt, von Twitter bis Facebook - auch zu Lasten der alten Medien. Ist das angemessen?

Hagenkord: Wenn wir genau wüssten, was in drei Jahren ist, wären wir alle reich. Unsere neue Arbeit wird begleitet von einem starken Analyse-Tool. Anders als früher kontrollieren wir, was im Internet wo von wem geschaut wird. Es geht nicht allein um Klickzahlen – rührige Fotos, wie der Papst Kinder umarmt werden sehr oft geklickt und geliked. Wir messen den journalistischen Bereich samt den sperrigen und schwierigen Themen, auch wenn sie keine Klicks bringen. Wir kontrollieren also, was die Leute interessiert. Wenn wir voll auf Twitter setzten und in einem halben Jahr feststellten, es folgt uns keiner, dann ließen wir es bleiben.

Frage: Zu Ihren Leitlinien gehört das "Neulernen von Kommunikation", das nicht zuerst einen technologischen Schritt bedeutet, sondern eine Verringerung von Distanz, sagte unlängst ihr Präfekt Dario Vigano. Was heißt das?

Hagenkord: Wenn wir heute Kommunikation betreiben, müssen wir das mit den Menschen tun. Man kann nicht einfach etwas senden und hoffen, dass jemand zuhört. Die Verkaufszahlen von Zeitungen gehen in den Keller. Stattdessen halten sich die Leute dort auf, wo sie mitmachen, wo sie in eine Geschichte einbezogen werden. Da müssen wir ran, wenn wir meinen, dass das, was wir zu erzählen haben, wichtig ist. Wir müssen in den Foren Antworten geben auf Fragen, die kommen. Das müssen wir multimedial bedienen, nicht nur mit dem Newsletter, sondern auch auf Facebook oder Instagram. Wir müssen verschiedene Plattformen bespielen. Die Menschen hüpfen heute den ganzen Tag über Plattformen.

Frage: Bislang wurde Radio Vatikan von den Jesuiten geleitet. Jetzt ist das Mediensekretariat für diesen Bereich zuständig. Soeben hat Ihr Orden einen Vertrag mit dem Sekretariat geschlossen. Eine Kapitulation? Sind Sie traurig?

Hagenkord: Ich als begeisterter Jesuit freue mich über den Vertrag, weil er nach einer Zeit der Unsicherheit endlich Klarheit schafft. Radio Vatikan besteht nicht mehr als eigene juristische Größe, sondern ist in einer neuen Größe aufgegangen. Wir Jesuiten leiten den Sender nicht mehr, hatten keine Arbeitsverträge, wussten nicht, was unsere Rechte und unsere Pflichten sind, wer worüber entscheidet, der Orden oder das Sekretariat? Das ist zu meiner Freude jetzt alles geregelt worden: Arbeitszeiten, Bezahlung, Absprachevorgänge. Die Jesuiten nehmen bestimmte Stellen innerhalb des Sekretariats wahr - was früher mal Radio Vatikan war. Wir sind an den "divisione linguistiche" beteiligt, den Sprachabteilungen. Es gibt ein Verfahren, nach dem alles zwischen Orden und Sekretariat entschieden wird.

Von Johannes Schidelko

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