Eine Nonne widersteht der Reformation

Reformation - das ist evangelisch gegen katholisch, denken viele. In Nürnberg gab es eine große Frau der Reformation, die dem katholischen Glauben treu blieb und dennoch eine Reform der Kirche wollte.

Geschichte | Nürnberg - 21.03.2017

"Hier stehe ich und widerrufe nicht." Ein Satz, wie er wohl nicht gefallen ist. Trotzdem geschieht im Jahr 1525 in Nürnberg etwas Aufsehenerregendes: Die Stadt hat sich zur Reformation bekannt. Doch Caritas Pirckheimer, Äbtissin des Klarissenkonvents, will nicht weichen. Selbst reformatorische Geistesgrößen wie Philipp Melanchthon können sie nicht überzeugen. Die Nonne bietet der Reformation die Stirn. Dabei ist die gebürtige Eichstätterin selbst eine Frau der Veränderung. Am 21. März jährt sich ihr Geburtstag zum 550. Mal.

Die kleine Barbara wird in eine Nürnberger Juristenfamilie aus einem angesehenen Patriziergeschlecht hineingeboren. Ihr Vater steht in den Diensten des damaligen Erzbischofs von Eichstätt. Die erste Tochter bekommt mit ihrem Bruder Willibald früh Unterricht in Latein und erfährt so den Wissensstand der Zeit. 1483 wird Pirckheimer Novizin im Klarissenkonvent und erhält den Ordensnamen Caritas. Als gebildete Frau übernimmt sie später die Leitung der Mädchenschule des Ordens, bevor sie 1503 zur Äbtissin gewählt wird.

Von Humanisten geschätzt

Trotz der strengen Klausur des Klosters kommt Caritas Pirckheimer auch dank ihres Bruders Willibald, der inzwischen Ratsherr der Stadt ist, in Kontakt mit dem neuen Denken, das von den Humanisten geprägt ist. Sie wird zur angesehenen Gesprächspartnerin für Geistesgrößen ihrer Zeit. So preist etwa Erasmus von Rotterdam die Belesenheit der Ordensfrau. Der vom Kaiser zum "lorbeergekrönten Dichter" ausgerufene Conrad Celtis bezeichnet sie als "aller Frauen seltener Stern und Kron".

Pirckheimer setzt sich nicht nur für ein Miteinander von Glauben und Wissen ein, sondern auch für die Gleichberechtigung von Frauen, wie Siegfried Grillmeyer berichtet. Er leitet heute die katholische Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus, die am Ort des alten Klosters steht. Ein bedeutendes Zeichen zur damaligen Zeit, wie Grillmeyer betont. Und auch heute. Seine Einrichtung ist bisher die einzige ihrer Art in Deutschland, die nach einer Frau benannt ist.

Im Jahr 1525 dann ändert sich das Leben von Pirckheimer und ihrer Nonnen grundlegend. Nach einem Religionsgespräch bekennt sich Nürnberg zur Reformation. Am 19. März kommen die Ratsherrn ins Klarissenkloster, um die Folgen der Entscheidung mitzuteilen. Die bisher als Prediger dort tätigen Franziskaner müssen gehen. Caritas Pirckheimer soll für die neue Lehre gewonnen werden - und so ein Signal geben. Doch sie weigert sich. Melanchthon soll es richten.

Es kommt zu einem Gespräch zweier Gelehrten der damaligen Zeit. Pirckheimer habe dabei nicht nur die Argumentationslogik Luthers nachvollzogen, "sondern gegen die Vertreter der neuen Lehre verwendet", erklärt Grillmeyer. Ausgehend von der "Freiheit des Christenmenschen" kommt sie zu ihrer zentralen Erkenntnis: "Das Gewissen eines Menschen darf von niemandem gebeugt werden." Bei aller Auseinandersetzung um die Religion dürfe "die Liebe nicht verletzt" werden. Jegliche Gewaltanwendung sei abzulehnen. Gedanken, die bei Fragen der Ökumene und des interreligiösen Dialogs heute noch aktuell seien, betont der Akademieleiter.

"Über die eigene Religion kritisch nachdenken"

Caritas Pirckheimer erreicht letztlich, dass ihr Kloster nicht angetastet wird. Doch der Preis dafür ist hoch: Es darf keine Novizinnen mehr aufnehmen. Mit Melanchthon ist sich die Äbtissin in allem einig, bis auf die Bedeutung und damit die Unauflösbarkeit der Ordensgelübde. In Freundschaft habe der Vertraute Luthers das Nürnberger Klarissenkloster verlassen, schreibt Pirckheimer in ihren "Denkwürdigkeiten", die sie seit 1524 aufzeichnet.

Grillmeyer sagt, zumindest im Geiste sei Pirckhheimer selbst eine Reformatorin gewesen. Sie habe die Missstände ihrer Zeit gesehen und die Reformbedürftigkeit der Kirche verstanden. Noch heute sehe sich seine Akademie dem Vermächtnis ihrer Namensgeberin verpflichtet: "über die eigene Religion kritisch nachdenken und den eigenen Glauben in den gesellschaftlichen Diskurs der Stadt einbringen".

Von Christian Wölfel (KNA)

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