Es könnte ein Jahr der Befreiung werden

Die deutschen Bischöfe haben in ihren Predigten zum Jahreswechsel vielfach die traurigen Ereignisse des letzten Jahres thematisiert. Aber nicht Angst soll bestimmen, so der Tenor: Es gäbe Grund zur Hoffnung.

Silvester | Bonn - 01.01.2017

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat die Menschen dazu aufgerufen, sich besonders im Wahljahr für ein "gutes Miteinander in unserem Gemeinwesen einzusetzen". Gerade Christen könnten so zeigen, dass sie das Salz der Erde und Licht der Welt sein wollten, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. "Mutlose und müde Christen sind das Letzte, was diese Gesellschaft und unser Land im neuen Jahr brauchen können."

Das Gemeinwesen benötige Menschen, die sich in Freiheit für das Gute entschieden, so der Kardinal. Wer meine, "Politik könne auch das noch den Menschen abnehmen, irrt sich sehr". Zwar seien gut funktionierende Institutionen der Maßstab für ein gutes Gemeinwesen, "und auch dafür müssen wir im Wahljahr 2017 eintreten". Letztlich könnten aber die Strukturen und Institutionen keinen Ersatz bieten für die Notwendigkeit, "dass viele sich auf den Weg machen zu einem guten und gelingenden Leben". Als Richtschnur dafür nannte Marx die christlichen Tugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß.

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2016 war ein heiliges Jahr - jedenfalls wenn man das vom Papst ausgerufene Jubeljahr zum Maßstab nimmt. Doch auch abseits der Heiligen Pforten war jede Menge los. Katholisch.de blickt auf das Jahr zurück.

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Vor dem dunklen Hintergrund der Bilder blutiger Gewalt im vergangenen Jahr hätten Christen die Chance, die Weihnachtsbotschaft neu zu entdecken, betonte der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen im Fuldaer Dom. Dies sei eine begründete Hoffnung für das bevorstehende Jahr 2017: "Mitten auf dem Schauplatz der Welt ist die Krippe aufgestellt." Jesus Christus habe in seiner Bergpredigt als Ordnung für eine neue Welt die Absage an die Gewalt und das Stiften des Friedens benannt. Dies habe er nicht nur seinen Zuhörern verkündet, sondern es auch so gelebt, als er sich gefangen nehmen ließ, so der Bischof.

Bätzing: Gott darf nicht nur da erlaubt sein, wo er sich nützlich macht

Sich selbstbewusst gegen den Trend der Kirchenkrise und Gottvergessenheit zu stellen – dazu ludt der Limburger Bischof Georg Bätzing in seiner Predigt zum Jahresabschluss im Frankfurter Dom ein. Die Kirche sei ein geachteter Gesprächspartner, wenn sie im karitativen Bereich oder in der Erziehung und Bildung als "Bindeglied und Kitt der Gesellschaft" funktioniere. Wo sie aber auf Gott verweise und ihre Kernbotschaft verteidige, schauten viele verschämt an ihr vorbei. Gott dürfe nicht nur da erlaubt sein, wo er sich nützlich mache und die Kirche sei nicht nur dann gut, wenn sie sich sozial engagiere und funktioniere. "Wenn Gott wirklich existiert, wenn Jesus Faktum ist, dann soll der christliche Glaube bitte auch weiter Religion bleiben dürfen", sagte Bätzing.

Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger rief dazu auf, sich an den Grundwerten des demokratischen Rechtsstaates festzuhalten, der auch auf dem biblisch-christlichen Menschenbild gründe. Dann gebe es "keinen Anlass, uns von populistischen Strömungen in den Abgrund ziehen zu lassen", sagte er im Freiburger Münster. Wenn Emotionen und Parolen zusehends das politische Geschäft bestimmten, sei es nicht verwunderlich, dass sich Ängste breit machten. Als wichtigste Werte für das neue Jahr nannte Burger Nächstenliebe, Solidarität und Barmherzigkeit, mit denen man den Mitmenschen begegnen solle. Burger wünscht sich für 2017 außerdem "mehr Bereitschaft zur Versöhnung und Schritte hin zum Frieden".

Georg Bätzing (M), neuer Bischof von Limburg
Georg Bätzing (m) ist seit dem 18. September 2016 Bischof von Limburg. Zuvor war er Generalvikar in Trier.
 dpa

In Köln erinnerte Kardinal Rainer Maria Woelki an die Ereignisse der Silvesternacht vor einem Jahr, als es vor allem auf der Domplatte und um den Hauptbahnhof herum zu zahlreichen sexuellen Übergriffen gegen Frauen kam. Die Täter waren vornehmlich junge Männer aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum. Woelki bezeichnete die Geschehnisse als "Katastrophe". Vieles habe sich seither verändert. "Das Bewusstsein, wie verletzlich die Würde des Menschen, sein Leib und das Leben sind, das Bewusstsein, wie gewalttätig Sexismus ist und wie gefährdet Frauen mitten unter uns sind, ist auf erschreckende Weise geschärft."

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße forderte, konkrete Visionen für die unter Krieg und Terror leidenden Regionen zu entwickeln. Wenn militärischer Frieden erreicht sei, müsse die Staatengemeinschaft daran gehen, auch Armut, Elend und Unfreiheit zu besiegen. Sonst seien erneuter Terror und Krieg nur eine Frage der Zeit.

Schick: Kirche ist für die Menschen da

Vom Jahr 2017 erhoffe er sich Reformen "für unser religiöses und auch für unser soziales und gesellschaftliches Leben", sagte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick im Dom. Reform im kirchlichen Leben müsse immer deutlich machen: "Kirche ist für die Menschen da." Zugleich warnte er aber vor Traditionsvergessenheit und Neuerungssucht sowie Unentschlossenheit und Beliebigkeit.

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker mahnte mehr direkte Gespräche unter den Menschen an. Er bezeichnete eine weit verbreitete Sprachlosigkeit im zwischenmenschlichen Bereich als Grundübel der Gesellschaft. "Viele Menschen werden auch weiterhin unter Lasten stöhnen, die ihnen von anderen und vom Leben auferlegt werden", sagte er im Hohen Dom zu Paderborn. Dennoch könne das neue Jahr ein "Jahr der Befreiung" werden, "wenn wir aus der Versklavung an unser egoistisches Ich befreit werden".

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Katholische Großereignisse sucht man im neuen Jahr fast vergeblich. Und doch ist der kirchliche Kalender auch 2017 wieder sehr prall gefüllt. Katholisch.de blickt auf das neue Jahr voraus.

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Auf die Christenverfolgung in vielen Ländern der Erde ging der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann im Kiliansdom ein. Letztere dürfe man zwar nicht stillschweigend hinnehmen, aber auch nicht mit Hass beantworten: "Die Weihnachtsbotschaft lautet: 'Frieden auf Erden den Menschen guten Willens!'" Der Bischof wies außerdem auf das Jahr der Barmherzigkeit als etwas Positives im vergangenen Jahr hin. "Viel Segen ist von dieser Initiative ausgegangen", resümierte er.

Die deutsche Gesellschaft müsse sich fragen, warum es ihr nicht gelungen sei, radikalisierte Jugendliche zu integrieren, sagte der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle. Dabei gehe es nicht darum, die Verantwortung der Täter zu verharmlosen: Das Problem der Radikalisierung sei komplex und es verböten sich einfache Antworten. "Wir sehen uns konfrontiert mit einer seelischen Verwahrlosung, mit einer Obdachlosigkeit der Seele", sagte Trelle im Hildesheimer Dom. Er forderte die Christen dazu auf, im kommenden Jahr besonders jene Menschen im Blick zu haben, die "in Vereinsamung und mörderischem Egoismus zu versinken drohen".

Fürst: Dem Gefühl von Gottverlassenheit steht die Treue Gottes entgegen

Der Aachener Bischof Helmut Dieser warnte davor, in öffentlichen Diskussionen Gemütszustände über Tatsachen zu erheben. Es müsse analysiert und differenziert werden: Gefühlte Wahrheit funktioniere vor allem dadurch, "dass sie nicht richtig angeschaut wird, dass Halbwahres, Verkürztes, Abgefälschtes, Übertriebenes oder glattweg Gelogenes in Umlauf gebracht wird." Dazu zählten auch gezielt verbreitete Falschmeldungen in sozialen Netzwerken, die zum Ziel hätten, die Demokratie und ihre Errungenschaften in schlechtem Licht erscheinen zu lassen.

Viele Menschen würden wohl mit gemischten Gefühlen auf das vergangene Jahr schauen, sagte Gebhard Fürst, Bischof von Rottenburg-Stuttgart, in der Tettnanger Kirche St. Gallus. Oft sei der Segen Gottes nicht zu spüren gewesen. Doch der Erfahrung von Heillosigkeit und den Gefühlen von Gottverlassenheit stehe die Treue Gottes entgegen. "In seiner Menschwerdung zeigt uns Gott, dass er mitlebt, mitliebt und mitleidet", so Fürst.

Der bisherige Trierer Weihbischof Helmut Dieser wird Bischof von Aachen.
Der bisherige Trierer Weihbischof Helmut Dieser wurde am 23. September zum Bischof von Aachen ernannt.
 Bistum Trier

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode stellte das Gedenken an 500 Jahre Reformation in den Mittelpunkt seiner Silvesterpredigt. Er würdigte dabei den ökumenischen Charakter der Feierlichkeiten: "Zum ersten Mal erkennen wir zu einem solchen Jahrhundertereignis unsere gemeinsame Verantwortung für den christlichen Glauben."

"Wir brauchen keine Angst vor der Islamisierung haben", verkündete der Bischof von Münster, Felix Genn, in der Stadt- und Marktkirche St. Lamberti. Zur Begründung sagte er: "Wir glauben an das Wort Gottes, das in Jesus sogar in die Macht des Todes hineingegangen ist, sie überwunden und ewiges Leben ermöglicht hat. Vor wem sollten wir eigentlich Angst haben?" Der Bischof ermutigte, nicht mit Sorge in das neue Jahr zu schauen, sei doch das "Erbarmen der Liebe Gottes" stärker als die "Erbärmlichkeit des Bösen."

Oster: Wir hören von Jesus immer wieder: 'Fürchtet euch nicht'

Auf die Ängste vieler Menschen ging auch der Passauer Bischof Stefan Oster im Passauer Dom ein. Er stellte eine Diagnose der Unruhe, die in vielen stecke: Da helfe nicht die Sinnsuche in Wellness und Esoterik, sondern sich auf die Beziehung mit Gott einzulassen. Vertrauen auf Gott sei auch ein Weg aus der Angst, die viele angesichts der erschütternden Ereignisse in der Welt befalle. "Wir sind von Ängsten bedrängt", räumte der Bischof in der Predigt ein, "aber wir hören von Jesus immer wieder: 'Fürchtet Euch nicht'. Er sagt es an den entscheidenden Stellen."

Die Herausforderungen der Politik und die daraus resultierende Verantwortung als Christen waren ein Thema in der Predigt des Eichstätter Bischofs Gregor Maria Hanke. Aus dem bröckelnden Traditionschristentum, das stark getragen worden sei von Gewohnheiten und Brauchtum, gelte es eine Brücke in die Zukunft zu schlagen. "Ergreifen wir unsere Berufung, Zeugen Jesu Christi zu sein, die durch ihr Leben Christus zum Ereignis werden lassen und in die Communio mit Gott in der Kirche einladen", sagte Hanke im Eichstätter Dom.

Um ein gesegnetes neues Jahr bat der Speyrer Bischof Karl-Heinz Wiesemann im Dom zu Speyer. "Es gibt berechtigten Grund zur Sorge", stellte er fest. "2016 hat sich für mich das Wort Kontrollverlust in den Mittelpunkt geschoben." Das Weltgeschehen und das Leben jedes Einzelnen seien miteinander verbunden – und ließen sich wechselseitig beeinflussen und verändern. Wiesemann rief dazu auf, sich von der einschleichenden Angst nicht lähmen zu lassen, sondern mit Vertrauen auf Gott schwierige Situationen anzunehmen und die Zukunft selbst zu gestalten.

01.01.2017, 11:12 Uhr: Ergänzt um die Predigtzusammenfassung von Bischof Wiesemann. /jhe

Von Johanna Heckeley (mit Material von KNA)

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