Heavy Metal und Hip-Hop im Gottesdienst?

Derzeit zeigt in Schwäbisch Gmünd das Europäische Kirchenmusikfestival die große Bandbreite sakraler Musik. Aber wie weit darf Kirchenmusik gehen? Musikwissenschaftler Wolfgang Bretschneider sieht Möglichkeiten aber auch Grenzen.

Kirchenmusik | Bonn - 21.07.2017

"Ich bin Atheist. Aber nachdem ich hier gestern Abend die Matthäuspassion von Bach gehört habe, beginne ich zu ahnen, an welchen Gott die Christen glauben." Diese Worte stehen sinngemäß im Gästebuch der Leipziger Thomaskirche. Und es sind diese Worte, die Wolfgang Bretschneider immer wieder gerne zitiert. "Sie machen deutlich, welche Kraft in der Kirchenmusik liegt – gerade auch eine missionarische Kraft", so Bretschneider, der als einer der bedeutendsten Kirchenmusiker Deutschlands gilt.

Kirchenmusik, das ist laut Bretschneider mehr als nur "schmuckes Beiwerk" der Liturgie. "Die Musik ist konstitutionell für den Gottesdienst", betont der Musikwissenschaftler. Man könne auch sagen: ohne Musik keine Liturgie. Denn Kirchenmusik spreche den ganzen Menschen an. "Wir sollen ja nicht nur mit dem Kopf glauben, sondern auch mit dem Herzen", so Bretschneider. Die Musik sei dafür das geeignete Mittel, weil sie die Menschen am tiefsten erfasse und berühre. "Glaube ist immer eine Liebeserklärung an Gott – und die kommt nirgendwo besser zum Ausdruck als in der Kirchenmusik."

Während seit dem Mittelalter vor allem die Gregorianik und klassische Polyphonie vorherrschend waren, entwickelte sich im 20. Jahrhundert in der sakralen Musik eine Vielzahl von Stilen. Gerade in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) ist eine große musikalische Pluralität entstanden. "Kirchenmusik darf nicht starr sein, sie muss sich immer weiterentwickeln, sonst ist sie tot", betont Bretschneider. Prägend war nach dem Konzil etwa das Neue Geistliche Lied (NGL). Doch Bretschneider warnt auch davor, ausschließlich auf neue Lieder zu setzen: "In den 1960er- und 70er-Jahren haben Gemeinden versucht, nur noch NGL-Gottesdienste zu veranstalten", so der Musikwissenschaftler. "Der gewünschte Erfolg blieb allerdings aus, die Kirchenbänke füllten sich dadurch nicht nennenswert."

Die Mischung macht's

Für Bretschneider ist im Gottesdienst die richtige Mischung aus alten und neuen Liedern entscheidend. "Es ist ein Irrglaube, dass klassische Sakralmusik nichts für junge Menschen wäre." Er habe oft beobachtet, wie ergriffen gerade Jugendliche waren, wenn sie zum ersten Mal gregorianische Choräle gehört hätten. "Die Gesänge müssen natürlich mit Überzeugung, Spannung, Expressivität gesungen werden." Wenn das gelinge, dann würden die Menschen merken, welche Spiritualität in der Gregorianik stecke. "Sie staunen und sagen: 'So etwas habe ich ja noch nie gehört'." Kirchenmusik – ob alt oder neu – müsse die Menschen mitreißen können.

Der Kirchenmusiker Wolfgang Bretschneider ist Präsident des Allgemeinen Cäcilienverbandes für Deutschland.
Wolfgang Bretschneider ist Priester des Erzbistums Köln, Honorarprofessor für Kirchenmusik an der Universität Bonn, Präsident des Allgemeinen Cäcilien-Verbands für Deutschland und emeritierter Professor für Musikwissenschaft an den Musikhochschulen Düsseldorf und Köln.
 KNA

Wie vielfältig sie heute ist, stellt derzeit das Festival Europäische Kirchenmusik unter Beweis, das noch bis zum 6. August in Schwäbisch Gmünd stattfindet. Ob Gregorianik, Polyphonie, Klassik à la Mozart, NGL, die sogenannte "Worship-Bewegung" aus den USA, Gospel oder Improvisationsmusik – die Bandbreite ist groß. "Die vielen Besucher des Festivals staunen, was es in der Kirchenmusik alles gab und gibt", so Bretschneider, der in diesem Jahr selbst bereits in Schwäbisch Gmünd war. Dennoch sieht der Musikwissenschaftler zurzeit einen gewissen Stillstand in der Entwicklung sakraler Musik. "Im NGL wird zwar nach wie vor komponiert, doch seit etwa zehn Jahren beobachten wir, dass sich da nicht viel Neues ergibt." Wohin die Reise der Kirchenmusik in Zukunft geht, lasse sich deshalb nicht genau sagen. "Da hoffe ich auch ein wenig auf den Geist Gottes, dass er eine Gruppe von Frauen und Männern inspiriert, die dann etwas Neues erschaffen."

Ein Versuch, neue Wege zu gehen, gibt es derzeit zum Beispiel im Bistum Essen mit dem Einsatz sogenannter Pop-Kantoren. "Das ist ein Phänomen, das in der evangelischen Kirche aufgekommen ist", erklärt Bretschneider. "Kompetente Musiker sollen dabei Pop- und Rockmusik qualifiziert in die Kirchenmusik einbringen." Prinzipiell eine gute Idee, so der Musikwissenschaftler. Problematisch werde es allerdings, wenn es letztlich darauf hinauslaufe, die alte Kirchenmusik abzuschaffen. "Wenn wir auf einmal nur noch Pop und Rock nehmen, dann brächte das die Kirchenmusik in eine Schieflage." Auch hier geht es wieder um Balance.

In der Worship-Bewegung, die vornehmlich auf Soft-Pop, Akustik- und Rockmusik setzt, scheint auch die inhaltliche Balance nicht immer gegeben. "Da geht es häufig um Freude, Tanzen, Jubilieren", so Bretschneider. "Aber das ist nicht die ganze Wahrheit." Die Zerrissenheit der Welt, das Böse, Klage und Trauer: Auch diese Dinge müssten in der Kirchenmusik vorkommen. "Wenn das aus- oder überblendet wird, ist das weder für die Musik noch für die spirituelle Gesundheit des Menschen gut."

Gewisse Regeln

Auch wenn es viele Möglichkeiten in der Kirchenmusik gibt – vollkommen "frei" ist man laut Bretschneider nicht. "Grundsätzlich ist jedes Mittel, jedes Instrument für Kirchenmusik geeignet – in Gottesdiensten, für die Verkündigung, für die pastorale Arbeit", so Bretschneider. Aber von Anfang an habe die Kirche deutlich gemacht, dass sakrale Kompositionen sich immer von weltlicher Musik abgrenzen müssten. Wer soll die Musik singen, spielen, hören: Gemeinde, Chöre, Organisten, Schola, Jugendband? Um welche Inhalte geht es: Glaube, Liebe, Hoffnung, Respekt, Menschenwürde? An wen richtet sich die Musik: Glaubende, Liebende, Verletzte, Trauernde, letztlich an Gott? "Diese drei Fragen entscheiden, ob es sich um Kirchenmusik handelt", sagt Bretschneider. "Und für Gott brauche ich eine Musik, die sich von schlechtem Theater und billiger Tanzmusik abhebt."

Pop und Rock im Gottesdienst: Neue Wege der Kirchenmusik geht zum Beispiel die Essener Band "Praise & Worship".
 Markus Kremser

Die Qualität entscheidet, während das Genre laut Bretschneider prinzipiell offenbleibt. "Denkbar wären sogar Heavy Metal oder Hip-Hop", sagt der Musikwissenschaftler. "Aber das ist schwer für den Gottesdienst umzusetzen." Man müsse auch aufpassen, dass man niemanden damit verärgert – etwa ältere oder "ängstliche" Gläubige, so Bretschneider. Es könne nicht sein, dass Musik Menschen aus der Kirche treibt. In einem Jugendgottesdienst etwa könnten Rock und Rap sicherlich ihren Platz haben, in einer Messe für Senioren weniger. Der Anlass ist immer zu bedenken.

Säkulare Musik in der Kirche?

Bei liturgischen Feiern wie Beerdigungen und Hochzeiten ist laut Bretschneider durchaus auch "säkulare" Musik möglich. "Wenn Menschen mir gegenüber einen solchen Wunsch äußern, schaue ich mir das entsprechende Lied und seinen Text einmal genauer an." Oft stelle er dann fest, so Bretschneider, dass sich auch in vermeintlich säkularen Stücken eine religiöse Botschaft verbergen könne. "Und dann kann man solche Lieder auch in der Liturgie verwenden, wenn sie geistliche Dimensionen haben und dem bestimmten Anlass angemessen sind."

Den hohen Stellenwert von Kirchenmusik betonte kürzlich auch Papst Franziskus bei einem Kongress des Päpstlichen Kulturrates. Er forderte dabei zugleich eine "Erneuerung der Sakralmusik, vor allem in qualitativer Hinsicht". Ist die derzeitige Kirchenmusik der Meinung des Papstes nach auf dem Holzweg? "Ich verstehe das so, dass wir die vielen Möglichkeiten, die schon da sind, besser nutzen sollen", sagt Bretschneider.

Die Kirche in Deutschland sieht er mit dem neuen Gotteslob auf einem guten Weg. Das Potenzial sei aber noch nicht ausgeschöpft. "Jede Gemeinde hat ihr Stammrepertoire an Liedern", sagt Bretschneider. "Dadurch sind viele gute Stücke, die sich im Gotteslob finden, den Gläubigen aber noch unbekannt." Hier seien die Kirchenmusiker gefragt: Sie müssten die Gemeinde an die Hand nehmen, mit ihnen neue Lieder einüben, sie dafür begeistern. Dafür brauche es kompetente Musiker in den Pfarreien und andererseits bei den Gläubigen eine gewisse Grundoffenheit für Neues. "Wenn das passt, in den Gemeinden ein neuer Liedbestand hinzukommt und dieser mit dem alten gemischt wird, dann entsteht eine neue, spannende Liturgie", so Bretschneider. "Und wenn die Leute davon begeistert sind, sie anderen davon erzählen, dann besteht hier auch die Chance, dass wieder mehr Menschen in die Kirchen kommen."

Von Tobias Glenz

Linktipp: Menschen mit Musik begeistern

Mit zwölf Jahren spielte er seine erste Messe, weil der Organist einfach nicht erschienen war: Sebastian Freitag ist Kirchenmusiker aus Leidenschaft. Im Dienst des Erzbistums Paderborn hat er sein Hobby zum Beruf gemacht.

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