Kirchlicher Ungehorsam in Indiana
Den Batmans gelang die Flucht. Dem "Indianapolis Star" schilderten sie jetzt ihren langen Weg, der sie aus dem Bürgerkriegsland über den Libanon in den Mittleren Westen der USA führte, wo sie schließlich eine neue Heimat fanden. Heute führt die Familie wieder ein halbwegs normales Leben. Marwan arbeitet als Küchenchef in einem Restaurant, während Lona sich zu Hause um die Kinder kümmert.
Doch die Stimmung nach den Anschlägen von Paris und San Bernardino bereitet ihnen Sorge. Marwan war tief enttäuscht, als der republikanische Gouverneur von Indiana, Mike Pence, verkündete, er wolle niemanden mehr aus Syrien aufnehmen. "Mein Herz ist gebrochen, weil ich doch die Situation der Flüchtlinge kenne", sagte der Familienvater der Zeitung. "Diese Beschränkungen können für ein syrisches Kind den Tod bedeuten."
Flüchtlingshilfe als "wesentlicher Teil unserer Identität als Christen"
Der Erzbischof von Indianapolis, Joseph William Tobin, sieht das ähnlich. Vor einigen Tagen setzte er sich über den Wunsch des Gouverneurs hinweg und hieß eine Flüchtlingsfamilie wie die Batmans willkommen. "Das ist ein wesentlicher Teil unserer Identität als katholische Christen. Und wir werden diese lebensrettende Tradition fortführen", begründete der Erzbischof den Ungehorsam der Kirche in einer Erklärung auf der Internetseite seiner Erzdiözese. Er habe die bei einer persönlichen Unterredung mit Pence gehörten Argumente "im Gebet bedacht", könne diese aber nicht teilen.
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Ob Naturkatastrophen, Armut oder Terror: Täglich verlassen Menschen ihre Heimat, um anderswo ein neues, ein besseres Leben zu beginnen. Die Flüchtlinge kommen auch nach Deutschland. Das bedeutet eine große Herausforderung für Politik, Gesellschaft und Kirche.Pence ist einer von 31 republikanischen Gouverneuren, die aus Sorge um die Sicherheit ihrer Bürger den Zugang für syrische Flüchtlinge kategorisch versperrt haben. Eine Entscheidung, die katholische Kirchenführer in den USA, aber auch viele andere Religionsgemeinschaften als unfair bezeichneten.
"Das sind extrem verletzliche Familien, Frauen und Kinder, die um ihr Leben fliehen. Wir können und dürfen sie nicht für die Handlungen von Terroristen verantwortlich machen", erklärte Eusebio Elizondo, Vorsitzender des Migrationskomitees der katholischen US-Bischofskonferenz. Es sei falsch, "alle Flüchtlinge zu Sündenböcken zu machen".
Erzbischof Tobin zog praktische Konsequenzen: Für den Fall, dass Gouverneur Pence den Flüchtlingen Lebensmittelkarten und Krankenversicherung verweigern sollte, stehe die Hilfsorganisation "Catholic Charities" bereit, um einzuspringen. Auch die Bischöfe von Chicago, New York, Missouri, New Hampshire, Rhode Island und New Mexico zeigten Zivilcourage, indem sie sich in Zeitungsartikeln für die Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien starkmachten.
Mehrere andere christliche Gruppen schlugen einen ähnlichen Kurs ein. Die konservativen "Southern Baptists" in Atlanta leisteten einer Familie entgegen staatlicher Vorgaben Hilfe, und eine Presbyterianer-Kirche widersetzte sich der Politik des Gouverneurs von Ohio, als sie in der Stadt Wooster Flüchtlinge ansiedelte. In Houston hießen die "Refugee Services of Texas" - ein Zusammenschluss von Organisationen verschiedener protestantischer Kirchen - sechs Syrer willkommen.
Für eine Politik der "offenen Tür"
Auf politischer Ebene setzte sich eine Gruppe von Kirchenführern - darunter der emeritierte Erzbischof von Washington, Kardinal Theodore McCarrick, vergangene Woche im US-Kongress für eine Politik der "offenen Tür" ein. Die US-Regierung steht im Wort, im laufenden Haushaltsjahr bis zu 20.000 Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Die Republikaner stellen sich jedoch quer. "Es gibt überhaupt keinen Grund, die Umsiedlung syrischer Flüchtlinge einzustellen", erklärte McCarrick. Die Ängste seien unbegründet. Niemand habe "ein sichereres Umsiedlungsverfahren als die USA".
Das Beispiel der Batmans stützt die Argumentation des Kardinals. Die sechsköpfige Familie gelangte mit Hilfe der Vereinten Nationen zur US-Botschaft in Beirut. Zwischen dem Beginn der Flucht im Dezember 2011 in Homs und der Ankunft in Indianapolis vergingen rund drei Jahre.