Tradition bis Revolution: Für wen spricht das ZdK?

Die liberale Bewegung "Wir sind Kirche" und das konservative Gegenstück "Forum deutscher Katholiken" im ZdK? Katholisch.de hat bei beiden Gruppen nachgefragt, was sie davon halten.

Kirche | - 10.10.2017

Ob links oder rechts, progressiv oder konservativ: Hubert Gindert kann mit diesen Worten nichts anfangen. Solche Etikettierungen "vernebelten nur den Sachverhalt", sagt er katholisch.de. Und er ergänzt: "Uns geht es um Wahrheit und Übereinstimmung mit dem Glauben der katholischen Kirche." Mit "uns" meint er das "Forum Deutscher Katholiken", nach eigenen Angaben ein lockerer Zusammenschluss "papst- und kirchentreuer Katholiken", der im Jahr 2000 gegründet worden ist.

Mit seinen Aussagen reagiert der 83-jährige Gindert, Mitbegründer und Sprecher des Forums, auf ein Interview in der Münsteraner Kirchenzeitung "Kirche+Leben" vom Wochenende. Darin hatte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, gesagt, er wünsche sich, "dass wir 'Wir sind Kirche' und gleichzeitig die eher konservative Bewegung 'Freude am Glauben' ins ZdK aufnehmen könnten". "Freude am Glauben" heißt der jährlich stattfindende Kongress des Forums.

Gespräche scheiterten an den Reisekosten

Die Gespräche mit dem Forum seien nicht zuletzt daran gescheitert, dass "wir bei der anderen Seite eine gewisse Unwilligkeit merken, mit uns ins Gespräch zu kommen", so Sternberg. Dabei sei das ZdK nichts "Linkes, Revolutionäres oder Kirchenfremdes" und keine Ausrichtung im Katholizismus, sondern repräsentiere ihn in seiner ganzen Breite. Das Zentralkomitee ist das höchste katholische Laiengremium in Deutschland, das aus Vertretern der Diözesanräte, Verbände sowie weiterer katholischer Institutionen besteht.

Gindert weist dagegen darauf hin, dass er oder andere Mitglieder des Forums in jüngster Zeit nicht gefragt worden seien, ob sie Mitglieder des ZdK werden wollten. Es habe in der Vergangenheit lediglich eine allgemeine Gesprächseinladung nach Bonn gegeben. Die habe man zunächst unter der Bedingung angenommen, dass die Kosten dafür übernommen würden. Das Zdk hätte eine solche Kostenübernahme jedoch abgelehnt, so Gindert. "Deswegen fand das Gespräch nicht statt."

Professor Hubert Gindert, Initiator des "Forums Deutscher Katholiken", spricht bei dem von dem Verein ausgerichteten Kongress "Freude am Glauben" in Fulda.
 KNA

Den letzten Punkt bestätigt das ZdK auf Nachfrage. Die Reisekosten würden nur nach einem komplizierten Schlüssel für Delegierte oder freie Mitarbeiter des Zentralkomitees übernommen, so deren Sprecher Theodor Bolzenius. Er sagt jedoch auch, dass der Anlass der Einladung durchaus ein konkreter gewesen sei; "nämlich die Überzeugung, dass es im ZdK Raum für die Beteiligung aller Katholiken gibt – auch für Mitglieder des Forums". Es habe auch keinerlei Vorbedingungen für das Gespräch gegeben. "Und das Angebot steht weiter, das Forum muss den Faden nur aufnehmen."

Doch dem Dialog mit dem ZdK stehen aus Sicht des Forums noch größere Hindernisse als ein Kostenstreit entgegen. "Nach unserer Meinung weicht das ZdK in wesentlichen Fragen vom Glauben der Kirche ab", sagt Gindert. Im Zweifelsfall entscheide darüber der Katechismus der Katholischen Kirche. Und er nennt Beispiele: etwa das Festhalten des ZdK an der Schwangerenkonfliktberatung "Donum vitae", die "mit der Erteilung des Beratungsscheins ungeborene Kinder der 'gesetzwidrigen, aber straffreien' Abtreibung ausliefert". Aber auch durch die Zustimmung zur "Genderideologie" sowie mit den Forderungen nach dem Frauendiakonat und Frauenpriestertum widerspreche das ZdK dem katholischen Glauben.

"Genderideologie"? Gleichstellung von Mann und Frau!

Der ZdK-Sprecher will das nicht so stehen lassen. Ja, man habe sich mit Blick auf "Donum Vitae" für eine Befriedung der gegenwärtigen Situation ausgesprochen, sagt Bolzenius. Aktuell wird die Beratungsorganisation, die 1999 unter anderem von Mitgliedern des ZdK gegründet worden ist, von der Kirche nicht anerkannt. Der Grund sind die ausgestellten Beratungsscheine, die einen mit der kirchlichen Lehre unvereinbaren Schwangerschaftsabbruch ermöglichen.

Auf den Vorwurf, man würde der "Genderideologie" zustimmen, antwortet Bolzenius eher verwundert. Mit dem Begriff könne er nicht viel anfangen. Wenn der jedoch die Gleichstellung von Mann und Frau bezeichnen solle, dann sei man auch dafür, sagt er. "Wir sind zudem für eine Stärkung der Rolle der Frau in der Kirche." Letztlich plädiere das Komitee auch für den Frauendiakonat. "Das Frauenpriestertum ist entgegen der Behauptungen jedoch keine unserer Forderungen. Wir haben nie darüber beraten."

Nach unserer Meinung weicht das ZdK in wesentlichen Fragen vom Glauben der Kirche ab.

Hubert Gindert

Dennoch: Gindert, der in den 1990er Jahren selbst Mitglied im ZdK war, kann sich eine Rückkehr in selbiges "in keiner Weise vorstellen". Die Haltung des ZdK könne – biblisch ausgedrückt – "mit Anpassung an den Zeitgeist" charakterisiert werden, sagt er. Und dass es daher auch verständlich sei, wenn sich das ZdK mit dem sogenannten Kirchenvolksbegehren "Wir sind Kirche" arrangieren könne. Deren Ziel sei jedoch "eine andere Kirche".

Sternberg hatte in dem Interview mit "Kirche+Leben" gesagt, dass viele frühere Forderungen des Kirchenvolksbegehrens heute Praxis seien. Der ZdK-Präsident sprach von einer völlig unproblematischen Zusammenarbeit zwischen der Leitung von "Wir sind Kirche" und dem Zentralkomitee. Auch hielt er es nicht für ausgeschlossen, dass sie irgendwann Mitglied im ZdK würden.

"Wir sind Kirche" haben gleiche Ziele wie das ZdK

Das Kirchenvolksbegehren unterschrieben 1995 in Deutschland mehr als 1,8 Millionen Frauen und Männer. Die fünf zentralen Forderungen: Aufbau einer geschwisterlichen Kirche, volle Gleichberechtigung der Frauen, die Aufhebung des Pflichtzölibats, eine positive Bewertung der Sexualität und die "Frohbotschaft statt Drohbotschaft". Anfang 1996 entstand aus dem ursprünglichen Begehren eine Bewegung mit dem Namen "Wir sind Kirche".

Christian Weisner war Mitinitiator des Begehrens und ist heute einer der Sprecher von "Wir sind Kirche". Er bestätigt katholisch.de die gute Zusammenarbeit mit dem ZdK. Das sei auch deshalb der Fall, weil "die Ziele und Forderungen des Kirchenvolksbegehrens in vielen Punkten deckungsgleich" mit denen des ZdK seien; etwa in der Frage des Frauendiakonats oder des Zölibats, aber auch die Kritik an den pastoralen Strukturreformen vieler Bischöfe sowie bezüglich der Transparenz und Mitbestimmung kirchlicher Finanzen. Wie eng die Positionen tatsächlich zusammenlägen, "zeigte sich erst vor wenigen Tagen in der gleichlautenden Forderung nach einer kirchlichen Segnung für homosexuelle Paare, die von den Bischöfen immer noch abgelehnt wird", so "Wir sind Kirche". Man sehe also, dass die meisten der eigenen Ziele und Forderungen von vielen Mitgliedern des Zentralkomitees mitgetragen würden und so bereits jetzt in den einzelnen Gremien und der Vollversammlung durchaus präsent seien.

Christian Weisner vom Bundesteam der Kirchen-Reformgruppe "Wir sind Kirche" spricht.
Christian Weisner vom Bundesteam der Kirchen-Reformgruppe "Wir sind Kirche".
 Armin Weigel/dpa

Ob sich "Wir sind Kirche" aber derzeit auch für eine feste Mitgliedschaft im ZdK erwärmen kann, bleibt eher fraglich. Diese Frage stelle sich im Augenblick nicht, sagt Weisner. Stattdessen spricht er von Forderungen, die über die des ZdK hinausgehen. Er nennt die Frauenordination, einen noch stärkeren Ausbau des konfessions- und religionsübergreifenden Religionsunterrichts oder auch die Forderung "nach wirklich substantiellen Fortschritten in der Ökumene". Vor allem widerspricht "Wir sind Kirche" aber Sternbergs Wahrnehmung, dass es den "Laien-Amtskirchen-Gegensatz" nicht mehr gebe. "Auch deshalb braucht es unseres Erachtens weiterhin kritisch-loyale Stimmen innerhalb der römisch-katholischen Kirche, auch unabhängig vom Zentralkomitee." Man sehe sich eher als eine Bewegung, "die nicht dem klassischen Organisationsmuster der im ZdK vertretenen Räte, Verbände und Organisationen entspricht".

Auf der anderen Seite könnte aber auch eine zu monothematische Ausrichtung von "Wir sind Kirche" einer Eingliederung ins ZdK im Wege stehen. ZdK-Sprecher Bolzenius erklärt, dass man sich als Mitglied im Zentralkomitee nicht auf einzelne Themen beschränken könne. Eine Mitgliedschaft bedeute, neben den innerkirchlichen Themen auch die gesellschaftlich relevanten Fragen im Blick zu haben und die entsprechenden Entscheidungen des ZdK mitzutragen.

Gindert: ZdK repräsentiert nicht Katholiken in Deutschland

"Wir sind Kirche" will mit dem ZdK ungeachtet dessen weiterhin "gut und produktiv" zusammenarbeiten. Seit 1995 habe man nicht nur bei Katholikentagen, sondern etwa auch bei den Familiensynoden in Rom 2014 und 2015 auf konkreten Arbeitsebenen sehr wirkungsvoll die kritischen und virulenten Themen aufgegriffen und vorangebracht.

Das Forum Deutscher Katholiken bleibt dagegen auf Distanz. Gindert glaubt nämlich nicht, dass eine Mitgliedschaft im ZdK "die Erfolgschancen verbessert, das kirchliche Leben in Deutschland mitzugestalten". Das Zentralkomitee "ist deswegen kein Kooperationspartner für uns". Es repräsentiert in seinen Augen nicht die Katholiken in Deutschland und stehe auch nicht für Neuevangelisierung oder einen Neuaufbruch im Glauben. Stattdessen haben Gindert und sein Forum eine eigene Agenda. So wolle man laut Selbstbeschreibung "durch Kongresse und durch die Sammlung und Aktivierung katholischer Vereinigungen und Einzelpersönlichkeiten" zur Neuevangelisierung beitragen.

Von Björn Odendahl

Linktipp: Sternberg will Liberale und Konservative im ZdK

"Wir sind Kirche" und das "Forum Deutscher Katholiken" unter einem Dach? ZdK-Präsident Thomas Sternberg kann sich das durchaus vorstellen. Warum es bisher nicht dazu gekommen ist, hat er nun berichtet. (Artikel von Oktober 2017)

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