Stille und Einsamkeit

Der heilige Bruno hatte genug von kirchlichen Missständen, als er eine Gemeinschaft gründete, die sich ganz dem Gebet verschreiben wollte. Bis heute leben die Mönche völlig abgeschieden.

Karthäuser | Bonn - 06.01.2015

Völlig abgeschieden von der Welt, ohne Radio oder Fernsehen leben die Mönche des Ordo Cartusiensis (OCart) ihr Leben ganz für Gott. Die meiste Zeit des Tages verbringen sie allein in ihrer Zelle, Besuche von Außenstehenden sind nicht möglich. Damit sind die Kartäuser der einzige Orden , der sich das Ideal eines strikt kontemplativen Lebens bewahrt hat.

Wie so häufig verbindet sich auch die Geschichte des Kartäuserordens mit einer besonderen Gründungsgestalt. Der aus Köln stammende heilige Bruno war zunächst Leiter der Domschule von Reims im Nordosten Frankreichs und hatte im Jahr 1080 sogar ernsthafte Aussichten auf den dortigen Bischofssitz. Allerdings waren ihm die kirchlichen Missstände, allen voran der Ämterkauf, derart unerträglich geworden, dass er eine Kandidatur ablehnte.

Nach und nach kam in Bruno der Wunsch auf, der Welt den Rücken zu kehren und ein Leben ausschließlich für Gott zu leben. Im Jahr 1084 gründete er dann mit sechs Gefährten in der einsamen Gebirgsgegend "Chartreuse" bei Grenoble eine Einsiedelei, die dem Orden später seinen Namen geben sollte. Es war sozusagen göttliche Fügung: Hugo, der damalige Bischof von Grenoble, hatte in einem Traum gesehen, dass sich sieben Sterne in der Chartreuse niederlassen würden. Daraufhin stellte er das Land zur Verfügung.

Der heilige Bruno ist der Ordensgründer der Kartäuser.
 KNA

Der heilige Bruno schrieb keine Ordensregel

Der heilige Bruno selbst dachte noch nicht daran, dieser neuen Gemeinschaft eine Ordensregel zu schreiben. Er ging davon aus, dass sich die Lebensweise von ganz allein auf die kommenden Generationen übertragen würde. Es dauerte deshalb mehr als vierzig Jahre, bis der fünfte Prior der Gemeinschaft, der heilige Guigo, im Jahr 1127 die "Lebensgewohnheiten der Kartäuser " verfasste. Noch heute richten sich die Mönche nach ihr. Bereits 1145 schlossen sich auch Frauen zusammen, um dieses strenge und entbehrungsreiche Leben zu verwirklichen.

Der erste Satz in den Statuten der Gemeinschaft ist zugleich das Zentrum ihrer Spiritualität: "Zum Lob der Herrlichkeit Gottes hat Christus, das Wort des Vaters, durch den Heiligen Geist von Anfang an Menschen auserwählt, um sie in die Einsamkeit zu führen und in inniger Liebe mit sich zu vereinigen".

Ununterbrochene Beschauung Gottes

Indem sie völlig abgeschieden von der Welt leben, werden die Mönche frei für das reine und ununterbrochene Gebet, durch das sie Gott in der Einsamkeit suchen. Ihre Abkehr von der Welt verstehen die Kartäuser jedoch nicht als eine Form der Weltverachtung. Im Gebet bleiben sie ihr verbunden: "Getrennt von allen, sind wir eins mit allen, damit wir stellvertretend für alle vor dem lebendigen Gott stehen", heißt es dazu in den Statuten. In diesem Geist wird das Kartäuserleben noch immer gestaltet. Die meiste Zeit des Tages verbringen die Mönche allein. Ihr Essen erhalten sie durch eine kleine Durchreiche in der Wand ihrer Zelle.

Doch es gibt Ausnahmen wie das gemeinsam Essen am Sonntag und die anschließende Erholung, die sogenannte Rekreation. Auch den ausgedehnten Spaziergang am Montag unternehmen die Kartäuser als Gruppe. Dadurch betonen die Mönche, dass sie sich als "Gemeinschaft von Einsiedlern" verstehen.

Nach dem Gebet verlassen die Mönche der Kartause Marienau die Klosterkirche. Das Kloster im oberschwäbischen Bad Wurzach ist die einzige Niederlassung der Kartäuser in Deutschland.
 Markus Gehling

Sicherung des Lebensunterhalts

Um ihren Lebensunterhalt kümmern sich die Kartäuser selbst. Jede einzelne Gemeinschaft – auch Kartause genannt – ist wirtschaftlich unabhängig. Die Arbeit steht für die Ordensmänner und -frauen nicht im Widerspruch zur Abkehr von der Welt. Sie betonen, dass ihre Arbeit "notwendig, aber auch ein Mittel zur Vervollkommnung" sei. Denn inmitten der Arbeit könne man "den Geist des Gebets und der Einsamkeit bewahren", indem man beispielsweise kurze Stoßgebete verrichte.

Dementsprechend sind bestimmte Arbeiten auch verboten, insbesondere jene, für die die Mönche das Kloster verlassen müssten. Denn das Schweigen ist ihnen auch bei der Arbeit sehr wichtig, um den Geist für die "Beschauung" zu sammeln. Um die Kartäuser nicht in ihrer Ruhe zu stören, sind die eigenen Werkstätten, in denen es lauter werden kann – zum Beispiel die Schreinerei – in einiger Entfernung zum Kloster gelegen. Weniger für ihre Holzarbeiten als für ein anderes Produkt sind die Kartäuser weltweit bekannt: ihre Chartreuse-Liköre.

Ein Ideal, zwei Lebensarten

Innerhalb der Gemeinschaft gibt es die zu Priestern geweihten Patres und die ungeweihten Brüder. Die Patres leben noch einsamer und verbringen die Zeit in ihrer Zelle, wo sie schreiben oder künstlerisch tätig sind. Die Brüder arbeiten dagegen auch außerhalb der Zelle, zum Beispiel in der Wäscherei. Beide Lebensweisen erachten die Kartäuser jedoch als das absolut gleiche Ideal. Das Schweigen gilt für die Brüder wie auch die Patres gleichermaßen.

Weltweit gibt es derzeit 24 Kartausen, davon sechs Kartäuserinnenklöster. Auch in Deutschland haben sie sich niedergelassen. Im baden-württembergischen Bad Wurzach leben etwa 30 Mönche in der Kartause "Marienau" in Stille und Gebet.

Von Theresia Lipp

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