"In vollen Zügen leben"

Sein Beruf bedeute für ihn Freiheit, sagt Pfarrer Ulrich Kotzur. In der Serie "Berufe in der Kirche" berichtet Kotzur, warum er sich trotz aller Begeisterung manchmal überlastet fühlt, und wie er als Jugendseelsorger versucht, den Nachwuchs zu erreichen.

Serie: Berufe in der Kirche | Bonn - 06.10.2015

Pfarrer Ulrich Kotzur ist Jugendseelsorger im Erzbistum Berlin. Wenn er von seinem Beruf erzählt, dann schwingt Begeisterung mit. Im Interview mit katholisch.de berichtet Kotzur, warum er seine Berufung und sein Priestersein als Freiheit versteht und trotzdem manchmal an den Rand seiner Belastungsfähigkeit kommt. Er spricht darüber, welche neuen Wege die Pastoral seiner Ansicht nach künftig gehen muss und wie er als Jugendseelsorger versucht, den urbanen Nachwuchs zu erreichen.

Frage: Herr Pfarrer Kotzur, was bedeutet Berufung für Sie?

Pfarrer Ulrich Kotzur: Berufung bedeutet für mich, dass Gott ein Ziel für mich hat. Dass Gott einen guten Gedanken für mich hat. Dass Gott mich meint und ich weiß, wofür es sinnvoll ist, zu leben.

Frage: In einem Video des Zentrums für Berufungspastoral sagen Sie, Sie hätten eine intensive Glaubenserfahrung gemacht, in der Sie Ihre Berufung gespürt haben. Welche Erfahrung war das?

Kotzur: Diese Erfahrung, die mich letztendlich dazu geführt hat, mich für den Priesterberuf zu entscheiden, war ein Besuch in Medjugorje. Dort habe ich als 19-Jähriger nach dem Abitur meine erste Erfahrung mit der konkreten Liebe Gottes so intensiv gemacht, dass ich daraufhin begonnen habe, den geistlichen Weg von Medjugorje zu leben. Und aufgrund dieses sich entwickelnden, geistlichen Lebens, habe ich mir etwa eineinhalb bis zwei Jahre später die Frage gestellt: Was will Gott mit meinem und in meinem Leben tun? Will Gott vielleicht, dass ich Priester werde?

Frage: Ist das eine rationale Entscheidung, oder etwas, das man eigentlich gar nicht so richtig erklären kann?

Kotzur: Es ist beides. Das Eine ist eine ganz persönliche Erfahrung der Gegenwart Gottes im eigenen Leben. Wenn man ein geistliches Leben beginnt, fügen sich die Dinge plötzlich zusammen. Ich kann das nur so deuten, dass da Gottes Hand im Spiel ist. Das Andere ist mir gerade während des Studiums immer wieder aufgefallen. Wenn ich glaube, was die Kirche sagt und was wir als Glaubensgut über die Jahrhunderte gehoben haben, dann wird mir nach und nach auch logisch verständlich: Dieser Glaube hat einen inneren Zusammenhang, der hat einen inneren Wert. Das alles hat eine Gesamtkomposition, eine innere Harmonie in sich.

Pfarrer Ulrich Kotzur ist Diözesanjugendseelsorger im Erzbistum Berlin.
Pfarrer Ulrich Kotzur ist Diözesanjugendseelsorger im Erzbistum Berlin.
 dpa

Frage: Sie wurden in einem Pressebericht als ein Priester vom Typ "geerdeter Glaubensdiener" bezeichnet. Wenn man diesen Satz so liest und Sie dagegen aber reden hört, drängt sich die Frage auf: Muss man als Berufener nicht eigentlich ein Stück weit abheben von der Welt?

Kotzur: Nein, man muss als Berufener voll in die Welt eindringen! Wir sollen in der Welt sein, aber nicht von der Welt. Ich glaube, es geht darum, in vollen Zügen zu leben. Das ist eigentlich genau meine Erfahrung. Denn da, wo Gott ist, so sagen wir, da ist Freiheit. Und diese Freiheit führt mich nicht weg von der Welt, sondern umso mehr in die Welt. Weil ich lerne, zu schätzen, zu wertschätzen, was mir in meinem Leben, in meiner Person und in der Natur, in der Schöpfung geschenkt ist. Oder anders gesagt: Ich will nicht erst in den Himmel aufsteigen, um Gott zu sehen und ihn zu entdecken.

Frage: Die Kirche soll offen sein für alle Menschen. Sie sind aber nun in der Erzdiözese zuständig speziell für die Jugendseelsorge. Gibt es auch eine Berufung nur für einen begrenzten Bereich der Seelsorge?

Kotzur: Ich denke, Pastoral wird immer spezifischer. Früher hat man das Gleiche für alle getan. Die Unterschiedlichkeit der Menschen, der sozialen Schichten und der Milieus führt dazu, dass Menschen anders denken, anders ticken. Darauf muss sich die Pastoral einstellen. Was dem Einen gut ist, mag dem Anderen nicht mal zu Gehör kommen. Deshalb muss man in der Pastoral ganz unterschiedliche Dinge anbieten und die Gemeinden sollten sich in Zukunft viel mehr voneinander unterscheiden.

Frage: Ist das eine Anforderung an die Seelsorger oder an die Kirche?

Kotzur: Das würde ich nicht unterscheiden. Es ist eine ganz starke Anforderung an die Mitarbeiter und an die Gläubigen, die sagen, "ich gehöre zur Kirche, ich lebe meinen Glauben nicht nur für mich, sondern auch für die Anderen." Glaube sendet einen immer zum Nächsten. Und zwar zu dem, von dem man denkt, der gehört gar nicht dazu. Der "Barmherzige Samariter" zeigt genau das: Ich bin zu dem gesandt, von dem ich dachte, ich habe nichts mit ihm zu tun.

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"Und dabei bin ich glücklich": Im Video berichtet Ulrich Kotzur über sein Dasein als Priester in Berlin.
 Zentrum für Berufungspastoral

Frage: Spüren Sie bei den Jugendlichen, mit denen Sie zu tun haben, noch Berufung?

Kotzur: Ja! Es gibt junge Erwachsene und Jugendliche, die nach ihrem Weg mit Gott fragen. Besonders dann, wenn es in der Kirche eine Offenheit dafür gibt; sowohl bei den Hauptamtlichen, als auch im Gemeindeleben. Dann fragen die Jugendlichen auch ganz konkret: Wo und wie hat Gott in meinem Leben Platz?

Frage: Und das ist dann schon Berufung?

Kotzur: Nein, das ist zunächst die Frage danach. In dieser Offenheit kann die nächste Frage wachsen: Will Gott mich in einen Orden führen? Will er, dass ich Priester werde? Wie soll meine christliche Freundschaft aussehen, wie soll sie im Glauben gestaltet sein? Wie kann daraus christliche Ehe entstehen?

Frage: Sie wollen den Jugendlichen zeigen, dass die Kirche in ihrem Leben eine Rolle spielt. In einer Stadt wie Berlin ist das bestimmt keine leichte Aufgabe. Wie machen Sie das?

Kotzur: Indem ich versuche, sowohl den Einzelnen im Blick zu haben, als auch das Ganze. Wir versuchen zum Beispiel in der Jugendkirche, sehr differenziert zu arbeiten. Von ganz klassischen Jugendgottesdiensten mit Eucharistiefeier im "Jugend-Stil" bis hin zu Wortgottesdiensten, die in bestimmten Projekten entstehen. Als das neue Gotteslob herauskam haben wir etwa unter dem Motto "Cover my Gotteslob" alte Texte mit neuen Melodien oder alte Melodien mit neuen Texten verbunden. Das war ein ganz starker Gottesdienst! Oder ein anderes Beispiel: In Berlin gibt es die Ringbahn, die genau 59 Minuten für eine Runde braucht. Da haben wir einen Ringbahn-Meditationsgottesdienst entwickelt. Und das mit dem Gedanken: Wir bringen nicht unseren Alltag vor Gott auf den Altar, sondern wir bringen Gott in unseren Alltag hinein. Wir nennen diesen Gottesdienst übrigens "Kreuzfahrt". (lacht)

Serie: Berufe in der Kirche

Ob Pfarrer oder Pastoralreferent, Küster oder Kirchenmusiker: Die Berufe in der Kirche sind vielfältig und stehen angesichts von Pfarreienzusammenlegungen vor großen Herausforderungen. Jeden Dienstag stellt katholisch.de ein Berufsbild vor. Lesen Sie in der kommenden Woche, wie Peter Höfner aus Freiburg zu diesem Beruf kam und was seiner Frau zu seiner Entscheidung sagte.

Zum Dossier

Frage: Diese verschiedenen Möglichkeiten verdanken Sie der Zeit, in der wir leben. Ist das eine gute Zeit, Priester zu werden?

Kotzur: Jede Zeit ist eine gute Zeit, Priester zu werden! Gott sendet uns immer genau in unsere Zeit. Ich möchte ja auch nicht im 15. Jahrhundert leben, oder im 25. Jahrhundert, ich möchte jetzt leben. Die Möglichkeiten und Chancen, die sich eröffnen, mit Gott in dieser Welt zu leben, sind nicht besser oder schlechter als in anderen Zeiten. Ich glaube, nur wenn man Mensch dieser Zeit ist, kann man auch Mensch des heutigen Glaubens und der heutigen Kirche sein und seinen Teil dazu beitragen, dass Kirche und Glaube sich weiter entwickeln.

Frage: Ist das Priesteramt heute für junge Männer aber überhaupt noch attraktiv?

Kotzur: Das ist eine gute Frage. Attraktivität im Sinne der weltlichen Attraktivität: Nein. Es ist kein Karrierejob, man hat auch nicht mehr das Ansehen wie früher. In dieser Hinsicht ist es nicht lukrativ, Priester zu werden. Man kann heute viele andere, gute Berufe ergreifen, um viel reicher zu werden. Aber um seinen Glauben bewusst leben zu können, in einer persönlichen Beziehung zu Christus zu leben, ist das Priesteramt genauso gewinnbringend, wie in allen Jahrhunderten.

Frage: Herr Pfarrer, was lieben Sie an Ihrem Beruf?

Kotzur: Die Fülle des Vertrauens, die Menschen mir entgegenbringen. Zu spüren, dass Gott durch mein Leben wirkt und in meinem Leben wirkt, das tut mir und den Menschen gut. Und gerade in der Jugendpastoral: Wahnsinnig engagierte, junge Menschen zu erleben, die sich für Gott und die Welt einsetzen, politische und gesellschaftliche Interessen haben und ein rundum gutes Vertrauen zu Gott.

Stichwort: Priesterausbildung

Die Priesterweihe kann grundsätzlich jeder männliche, unverheiratete Katholik empfangen. Vor Vollendung des 25. Lebensjahres darf die Weihe nicht gespendet werden, ein Höchstalter gibt es nicht. Da zur Priesterausbildung ein Theologiestudium gehört, müssen die Bewerber in der Regel die Hochschulreife erworben haben. Der siebenjährigen Ausbildung geht das sogenannte theologische Propädeutikum voraus. Dabei handelt es sich um eine Art Grundkurs im geistlichen und biblischen Wissen, der sich über einen Zeitraum von mehreren Monaten bis zu einem Jahr erstreckt. Dabei wird geprüft, ob die Kandidaten die erforderliche Reife für die Ausbildung mitbringen. Die Regelstudienzeit für das anschließende Theologiestudium beträgt 10 Semester. Nach einem abschließenden zweijährigen Pastoralkurs empfangen die Kandidaten die Diakonenweihe und im Abstand von einigen Monaten die Priesterweihe. (kim)

Frage: Und die umgekehrte Frage: Was ärgert Sie an Ihrem Beruf, worauf könnten Sie gerne verzichten?

Kotzur: Was ärgert mich? Dass die Leute sich nicht durch meine Predigt bekehren. Das schreiben Sie jetzt nicht! (lacht) Ja, was ärgert mich? (denkt lange nach) Worauf ich gerne verzichten könnte, ist mein unregelmäßiges Leben. Das ist schon gesundheitsgefährdend. Ich hätte gerne einen gemächlicheren Rhythmus. In der Stille sein zu können, ist als Priester in der Welt nicht so leicht.

Frage: Könnte Sie die Kirche da in irgendeiner Weise unterstützen?

Kotzur: Nein, das glaube ich nicht. Sein Leben in einem vernünftigen Rhythmus zu leben und auf sich selbst auch ein Stück zu achten, ist etwas, das man selber hinbekommen muss. Ich glaube, dass viele Mitarbeiter der Kirche - nicht nur Priester - heutzutage Raubbau an ihrem Körper betreiben, weil sie sich zu vielen Aufgaben zuwenden und sich dafür verantwortlich fühlen. Man muss noch stärker lernen, Prioritäten zu setzen. Das kann mir aber die Kirche nicht beibringen, das muss ich mir selber beibringen. Oder vielleicht muss ich professionelle Management-Seminare belegen? (lacht)

Frage: Haben Sie noch Ziele als Priester?

Kotzur: Als ich 1987, also noch vor der Wende, angefangen habe zu studieren, war mein Ziel, einmal eine Großstadtgemeinde in West-Berlin leiten zu dürfen. Nach meinen Kaplansjahren bin ich dann zum Pfarrer in St. Bonifatius ernannt worden, damals die drittgrößte Pfarrei im Bistum Berlin. Die durfte ich acht Jahre leiten und auf einen neuen Weg bringen. Ich habe also eigentlich mein Karriereziel schon längst erreicht! Das ist wirklich das Schönste, was mir im Leben passieren konnte. Denn dadurch bin ich frei, Dinge zu tun, wie sie gerade kommen. Wenn der Bischof sagt "Tu dit!", mach ick dit, weil ick dafür frei bin. Aber wenn ich ein Ziel formulieren müsste, wäre das, noch möglichst lange Jugendseelsorge machen zu können. Und solange ich noch selber von der Iso-Matte hochkomme, kann ich auch Jugendseelsorger bleiben.

Von Kilian Martin

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