Das Nunc dimittis

Kurz vor seinem Tod hebt ein Greis zum Lobpreis Gottes an: Der alte Simeon erkennt im neugeborenen Jesus den Retter der Welt. Mit den Worten des "Nunc dimittis" betet die Kirche jede Nacht vor dem Zubettgehen.

Unsere Gebete | Bonn - 20.12.2015

Das Loblied eines Mannes, der kurz vor seinem Tode in einem Neugeborenen die Rettung aller Menschen, erkennt – das "Nunc dimittis" ist ein ungewöhnlicher Evangelientext. Im Stundengebet, in der Komplet zu Beginn der Nacht, hat es seinen Platz in der Liturgie der Kirche. Dem Israeliten Simeon wird geweissagt, dass er nicht eher sterben werde, bis er den Messias, den Retter aller Menschen, gesehen hat. Alt geworden betritt er den Tempel und erkennt in neugeborenen Baby Jesus den Retter, den Messias. Die Witwe neben ihn stimmt in den Jubel ein. Und doch ist dieser nicht ungetrübt – den Eltern sagt Simeon auch Bitteres voraus.

Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.

Simeon nach Lk 2, 29-32

"Nunc dimittis" – "Nun lässt Du, Herr, Deinen Knecht scheiden." – "Jetzt werde ich sterben." Der Lobpreis beginnt wie ein Drama, ein Melodram oder zumindest ein Krimi: Da sieht ein Mann, dass eine Vorhersage eintritt und sein Tod jetzt kommen wird. Eigentlich müsste er erschrecken, zurückweichen, sein Leben im Zeitraffer sehen, bitter bereuen oder um Gnade bitten. Der Tod – so sehr er dazu gehört, so sehr erschreckt er jedes Mal aufs Neue. Trotzdem schauen die Christen jeden Abend mit dem alten Seher Simeon auf den Tod. Dass alle Beter danach trotzdem (hoffentlich) gut einschlafen können, verdanken sie Simeons in jeder Hinsicht besonderen Blick auf den Tod.

Tod ist Anfang des ewigen Heils

Es ist der Blick am Ende eines Weges. Simeon ist ein alter Mann und mit sich trägt er die lange Geschichte seines Volkes. Nicht 50 oder 70 Jahre hat er gewartet, nein, schon 2.000 Jahre wartet sein Volk Israel auf die Erlösung. Es wird nichts über Simeon erzählt – ob sein Leben gut war, schwierig, reich, ob er Kinder hat oder nicht. Und auch über Israels Geschichte erfahren wir nichts mehr. Kein Lebensrückblick, kein Auswerten. Simeon schaut am Schluss seines Lebens nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft. Er steht an der Schwelle des Todes und schaut auf das "dahinter": Er sieht das, was kommen wird. Und das ist gut, beruhigend. Simeon kann "in Frieden" sterben. Denn er hat sein Heil, seine Vollendung gesehen. Der Tod ist der Anfang des ewigen Heils – wer das erkennt, der kann auch jubeln. Und Simeon öffnet seinen Jubel. Lukas, der Evangelist für die Heiden, lässt ihn weiter sehen: Dieses Heil gilt allen Menschen. Die ganze Welt wird erleuchtet durch den Messias. Simeons Tod beendet für ihn "nur" das Warten seines Volkes auf den Heilsbringer.

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Pater Philipp Meyer von der Benediktinerabtei Maria Laach erklärt das Gebet "Nunc dimittis" und seine Bedeutung.
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Das klingt großartig, nach einer dramatischen Vision, nach offenen Himmeln. Aber was sieht Simeon genau? Die Eltern, die ihre religiösen Pflichten wahrnehmen wollen - noch erschöpft von der Geburt in der Notunterkunft und der langen Reise. Und er sieht ein "normales" Neugeborenes unbedeutender Eltern, getroffen an einem gewöhnlichen Tag. Wie kommt Simeon auf den Gedanken, dass ausgerechnet dieses Kind Jesus der Messias ist? Seine Erkenntnis passt so gar nicht zum Messias nach damaliger jüdischer Vorstellung. Der Messias, der königlich Gesalbte, sollte ein großer Retter sein, die Welt würde sich verändern, sich erneuern, nichts sollte mehr so sein, wie es war. Es sollte ewiges "Shalom" anbrechen.

Und trotzdem – die alte Witwe Hanna bestätigt Simeons Jubel und preist das Kind, auch sie spricht von Erlösung. Und wieder ist es dann der besondere Blick des alten Mannes, der das Neue erkennt. Er beschreibt gegenüber den Eltern die Zukunft Jesu. Viele kommen zu Fall durch ihn, andere werden aufgerichtet, das Kind wird Zeichen sein und Anlass zum Widerspruch. Dem Jubel über die Erlösung durch das Kind folgt ein nüchterner Blick auf dessen Zukunft in der Welt: Der Messias wird umstritten sein; an ihm werden "die Gedanken vieler offenbar werden".

Dossier: Stundengebet

Das Brevierbeten ist eine alte klösterliche Tradition, die die römische Kirche allen Priestern und Ordensklerikern erst im 16. Jahrhundert zur Pflicht machte. Heute wird es auch Laien empfohlen.

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Simeon weicht vom bisherigen jüdischen Bild ab und entwickelt einen neuen "christlichen Gedanken": Es kommt ein Gott, der will, dass die Menschen sich für ihn entscheiden. Nicht der König erscheint, der so eindeutig auftritt, dass kein Platz für Zweifel bleibt. Sondern ein hilfloses Baby, später ein einfacher Zimmermann wirbt darum, dass die Menschen sich freiwillig für ihn entscheiden. "The best thing, you will ever learn, is, how to love and to be loved in return. – Das Beste, was du je lernen wirst, ist zu lieben und geliebt zu werden", heißt es in einem Lied. Gott will keine Macht, Gott will das Beste: frei geschenkte Liebe. Und er gibt das Beste: Liebe – er gibt sich selbst. Dafür verzichtet er auf Macht.

Simeon rechnet nicht ab, er mahnt

Wo sich der Mensch für Gott entscheiden kann, kann er sich auch gegen ihn entscheiden. Auch das sieht Simeon und sagt Maria: Dein Sohn wird Schreckliches erleiden, dir wird ein Schwert durch die Seele dringen. Simeons Lobgesang ist positiv, aber nicht naiv. Der Messias kommt und die Menschen werden sich auch immer wieder gegen ihn entscheiden. Die Juden – die Pharisäer – werden sich gegen ihn wenden. Aber auch für alle Menschen danach, die Christen in der ganzen Geschichte der Kirche - die Beter der Komplet - gilt: An Jesus werden alle unsere Gedanken offenbar werden.

Simeon kündigt keine Abrechnung an, aber er mahnt. Deswegen blicken die Christen vor der Komplet auf den Tag zurück und beten das Sündenbekenntnis: Vergib Gott, wo ich heute gegen dich gehandelt habe. Hilf mir, mich auf Dich auszurichten. Sei mein Heil am Tag, damit ich am Ende meiner Tage in Frieden sterben kann. Am Ende wird alles gut – das sieht Simeon kurz vor seinem Tod im Jesuskind und deswegen kann er im Jubel sterben. Am Ende wird alles gut – so beenden die Beter ihren Tag und überlassen sich getrost dem Schlaf, dem kleinen Bruder des Todes.

Von Sr. Birgit Stollhoff CJ

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