Religionsunterricht wird es auch 2040 noch geben – in anderer Form
Die Lage der Kirche? "Durchaus hoffnungsfroh", findet der katholische Passauer Religionspädagoge Hans Mendl. Dabei laufen ihr doch immer mehr Mitglieder davon; zugleich ringen die Bischöfe um Konzepte für größere pastorale Räume. Und in den Schulen sitzen zunehmend Kinder, denen Glaube, Kirche und Religion fremd sind.
Doch der Professor lässt sich nicht beirren. Auch wenn er jetzt zum Ende des Sommersemesters nach 27 Jahren seinen Abschied von der Universität Passau nimmt, ist der 66-Jährige überzeugt: "Der Religionsunterricht ist unverzichtbar und wird auch 2040 noch stattfinden." Allerdings in völlig anderer Form.
Mendl gilt als einer der renommiertesten Vertreter seines Fachs im deutschsprachigen Raum. Als Grund für seine positive Sichtweise gibt er an: "Jeder Mensch braucht religiöse Bildung." Denn diese biete Orientierung. Die Menschen heute hätten fit zu sein für den Umgang mit religiöser Pluralität und sollten daher die Symbole anderer Religionen kennen.
Hilfe fürs Leben
Der Religionsunterricht der Zukunft muss aus seiner Sicht daher offen und vielfältig sein, gespeist von überkonfessionellen und interreligiösen Elementen. Nicht der Missionsgedanke dürfe im Vordergrund stehen, um Kirchenmitglieder zu gewinnen. Vielmehr gehe es darum, Kindern und jungen Leuten dabei zu helfen, ihren Alltag zu bewältigen und ihre eigene Lebensspur zu entdecken, so der verheiratete Theologe.
Existenzielle Erfahrungen im Leben mit Glück, Sinn, Tod oder Leid bewegen einen jeden Menschen und wollen hinterfragt sein. Dafür müssen die Lehrkräfte aber entsprechend ausgebildet sein. Das Fach Religion gehört für den Pädagogen ins staatliche Schulsystem – in den Nischen einer Moschee oder in der Sakristei habe es nichts zu suchen.
Schülerinnen und Schüler sollten zu einem verantwortlichen Denken und Verhalten geführt werden, ohne sie zu vereinnahmen. Lehrkräfte sind für ihn "wissende Übersetzer" und selbst "fragmentarisch Überzeugte". Von allwissenden Katechismus-Vermittlern hält Mendl nichts, vielmehr sollten die Lehrerinnen und Lehrer selbst glaubwürdig Suchende sein. Das wäre sozusagen ein selbstloser Dienst der Kirche an der Schule, einer Kirche, die Jugendliche auf ihrem Weg begleite.
"Religion erleben"
Da die meisten Kinder heute zu Hause kaum noch mit religiösen Traditionen in Berührung kommen, hat Mendl sein "Modell des Performativen Lernens" etabliert. "Religion erleben" lautet der Titel eines seiner höchst gefragten Lehrbücher. Statt trockene Theorie zu pauken, soll Religion im Klassenzimmer erfahren und ausprobiert werden; auch weit darüber hinaus in Kirchen- und Lebensräumen.
Die "Local Heroes" sind Mendls zweites großes Vorzeige-Projekt: Eine Datenbank mit Hunderten von Alltags-Heiligen, gestartet zu Beginn seiner Tätigkeit am Lehrstuhl. Im Fokus stehen ganz normale Menschen, die durch außergewöhnliches soziales Engagement, Zivilcourage oder Hilfsbereitschaft Außergewöhnliches geleistet haben und aufgefallen sind. Mit ihren Lebensgeschichten sollen sie Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen als Vorbilder dienen.
Lernen in der Begegnung
Mit seinem neuesten Werk "AnderOrte: Religion in der Welt erkunden" will Mendl zum Abschluss seiner akademischen Laufbahn noch einmal ein Ausrufezeichen setzen. Darin motiviert er dazu, draußen zu lernen: in der Stadt, in der Natur, an Orten des Glaubens und in der Begegnung; aber auch von anderen Konfessionen und anderen Religionen.
Der Religionspädagoge hält nichts davon, sich als heiliger Rest in eine katholische Wagenburg zurückzuziehen. Er ruft dazu auf, in die Welt von heute hinauszugehen. Schon Jesus habe seine Jünger ermutigt, sich hinauszuwagen auf die hohe See und die Netze weit auszuwerfen. So gesehen ist Mendl gleichfalls ein Menschenfischer, der leidenschaftlich an seine Studierenden, an seine Kirche und jeden Christen appelliert, mit Mut, Hoffnung und tiefem Glauben in die Zukunft zu gehen.