Hieronymustag ehrt Übersetzer und Dolmetscher

Von der Bibel bis Harry Potter: Die Kunst des Übersetzens

Von der Bibel bis Harry Potter: Die Kunst des Übersetzens
Bild: KNA/Harald Oppitz

Die Bibel und das "Guinness-Buch der Rekorde", "Das Geisterhaus" von Isabel Allende und die sieben Harry-Potter-Bände. Wer weder Hebräisch noch Latein, kein Spanisch oder Englisch spricht, dem blieben ohne sie all diese Werke verborgen: Übersetzerinnen und Übersetzer. Sie beherrschen eine Fremdsprache auf höchstem Niveau, sind akribisch und brauchen Freude an der Arbeit mit Sprache. Bekannt sind sie aber häufig nicht.

Wer Krimis aus Nordeuropa mag und nicht nur jene der weltbekannten schwedischen Autoren Henning Mankell, Arne Dahl oder des Duos Hjorth und Rosenfeldt lesen möchte, kommt an der finnischen Autorin Leena Lehtolainen nicht vorbei. Die Fälle ihrer Kommissarin Maria Kallio übersetzt Gabriele Schrey-Vasara ins Deutsche; sie erscheinen im Rowohlt Verlag. Seit Jahrzehnten lebt Schrey-Vasara in Helsinki und arbeitet als Übersetzerin. Durch ihre Arbeit kann auch eine deutsche Leserschaft am Alltag in dem fiktiven Polizeipräsidium teilhaben. Gleichzeitig geben die Romane Einblicke in die finnische Gesellschaft – und ihren Wandel seit dem Anfang der Serie in den frühen 2000er Jahren bis heute.

Weltübersetzertag am 30. September

Ein klares Berufsziel sei das Übersetzen zunächst nicht gewesen, sagt Schrey-Vasara. Als 16-Jährige schnappte sie bei einem vierwöchigen Schüleraustausch in Finnland erste Wörter auf, studierte später Geschichte, Romanistik und Finno-Ugristik und somit eine Sprache, von der es damals hieß, sie sei unmöglich zu erlernen. Als sie mit einem Stipendium nach Finnland ging, entschied sie sich, im Land zu bleiben – und unter anderem als Übersetzerin zu arbeiten. "Ich selbst könnte solche Romane nicht erschaffen. Aber durch die Übersetzungen schaffe ich stellvertretend etwas", sagt Schrey-Vasara. Das wüssten auch die Verlage. "Das Verhältnis ist gut. Die Arbeit wird respektiert." Ob die Öffentlichkeit die Arbeit aber immer wahrnehme, wisse sie nicht. Dabei werden gerade Literaturübersetzer zunehmend erwähnt. So ging beispielsweise der James-Krüss-Preis 2026 explizit an die niederländische Autorin Anna Woltz und ihre Übersetzerin Andrea Kluitmann. Auf dem Cover des Romans "Bellende Katzen" des indonesischen Schriftstellers Eka Kurniawan steht auch der Name der Übersetzerin: Sabine Müller.

Mehr Aufmerksamkeit für die Arbeit soll der Weltübersetzertag schaffen, der stets am 30. September begangen wird. Im Mai 2017 hatte ihn die UN-Vollversammlung ausgerufen. Das Datum ist kein Zufall: Es ist der Todestag des Heiligen Hieronymus (382–420). Er bearbeitete die altlateinische Bibel, übersetzte das Alte Testament neu aus dem Hebräischen ins Lateinische und revidierte den altlateinischen Text des Neuen Testaments. So entstand die später sogenannte Vulgata.

Bild: © asafeliason/Fotolia.com (Archivbild)

Der Weltübersetzertag wird am 30. September begangen. Das Datum ist kein Zufall: Es ist der Todestag des Heiligen Hieronymus. Er bearbeitete die altlateinische Bibel, übersetzte das Alte Testament neu aus dem Hebräischen ins Lateinische und revidierte den altlateinischen Text des Neuen Testaments.

Die erste Bibelübersetzung war es aber nicht: Bereits 250 v.Chr. wurde die hebräisch-aramäische Bibel in die altgriechische Alltagssprache übersetzt. Nach Angaben der Deutschen Bibelgesellschaft ist die Bibel heute in 795 Sprachen übersetzt, nur das Neue Testament in sogar 1.815 Sprachen. Kein anderes Buch der Welt kann da mithalten. Und es geht weiter, etwa informell in der Elfenbeinküste in Westafrika: In den 1970er und 1980er Jahren entstand in der Wirtschaftsmetropole Abidjan die Kreolsprache Nouchi, eine Mischung aus Französisch und verschiedenen im westafrikanischen Land gesprochenen Sprachen. Damals trieb die Suche nach Arbeit immer mehr Menschen in die Stadt. Seit 2019 übersetzt nun auch eine Gruppe Interessierter Teile der Bibel in diese Sprache, die sich so schnell ändert, dass das eine oder andere Wort bereits nach Monaten schon wieder als altmodisch gilt.

Für die Bibel wie für Gebrauchsanweisungen, aber auch für Literatur gilt: Übersetzungen schaffen Informationen, fördern Wissensaneignung, unterhalten und bieten Einblicke in eine mitunter sehr unbekannte Welt. Allerdings gibt es ein großes Ungleichgewicht, woher die Originale stammen. Die Übersetzungstradition in außereuropäische Sprachen ist nach Einschätzung von Lea Artmeyer, Programmleiterin des Unionsverlags, sehr divers. Aus dem Japanischen gebe es eine ganze Reihe renommierter Übersetzer und Übersetzerinnen, aus dem Koreanischen sei die Community sehr klein, aus dem Thai übersetze kaum jemand.

Künstliche Intelligenz als Konkurrenz?

Besondere Ereignisse wie Buchmessen können das punktuell ändern. 2025 waren die Philippinen Gastland, und im Vorfeld erschienen eine Reihe Romane und Sachbücher auf Deutsch. Übersetzen alleine reicht jedoch nicht aus. Es braucht auch kulturelle Kenntnisse.

Genau diese kann Künstliche Intelligenz nicht liefern. Dennoch gibt es häufig die Annahme, dass KI den Übersetzerberuf in Zukunft möglicherweise sogar überflüssig macht. Denn übersetzen, so scheint es, kann heute jeder mit Apps wie Google Translate oder Deepl. Sie helfen beim Verfassen beruflicher Mails, aber auch Migranten und Geflüchteten ohne ausreichende Deutschkenntnisse im Supermarkt, im Bus oder beim Arzt.

Eine Frau steht vor Bücherregalen einer katholischen Buchhandlung.
Bild: © KNA/Julia Steinbrecht (Archivbild)

Künstliche Intelligenz hin oder her: Übersetzen bleibt ein Handwerk.

Luisa Callejón ist Vizepräsidentin des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ). Sie sagt: "Die Vorstellung, dass KI das Übersetzen als Beruf verdrängt, ist in der öffentlichen Wahrnehmung weit verbreitet und wird von vollmundigen Marketingversprechen der KI-Entwickler befördert." Übersetzen sei aber keine bloße Wahrscheinlichkeitsrechnung, auf der KI-Modelle wie LLMs (Large Language Models) letztlich basierten. Auch würden Fachfremde die Fehler und Unzulänglichkeiten nicht erkennen.

Auch ein laienhaftes Korrekturlesen der KI-Ergebnisse reiche nicht aus, wenn "unternehmerischer Erfolg, körperliche Unversehrtheit, das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren oder die Erfüllung eines Bildungsauftrags auf dem Spiel stehen", so Callejón weiter. Die Nachbearbeitung nehme oft mindestens genauso viel Zeit in Anspruch und erfordere eine hohe Konzentration und Qualifikation; all das sei entsprechend zu vergüten. "Natürlich nutzen viele professionelle Übersetzer:innen auch KI als Werkzeug", sagt die BDÜ-Vizepräsidentin. Sie integrierten KI-Tools in ihre tägliche Arbeit, etwa für fachliche Recherchen und zum schnelleren Finden von Quellen.

Übersetzen bleibt ein Handwerk

Nach Ansicht von Lea Artmeyer vom Unionsverlag können sich KI- und menschengemachte Übersetzungen auch ergänzen. "Manche Agenturen bieten eine sehr komfortable Prüfmöglichkeit an: eine professionelle, menschengemachte Übersetzungsprobe, ergänzt mit einer vollständigen KI-Übersetzung, erzeugt in einem geschlossenen System in Absprache mit den Autor:innen." Das erlaube den Verlagen, den Ton, die Finessen der Sprache zu beurteilen, die nur die Übersetzerinnen und Übersetzer transportieren können. Bei Interesse lasse sich der Text in einer Art Holzschnittfassung lesen.

Im Alltag von Gabriele Schrey-Vasara spielt KI keine Rolle. "Es steht in meinen Verträgen, dass ich keine KI-Übersetzungen liefere." So verfahren bis heute viele Verlage. Künstliche Intelligenz hin oder her: Übersetzen bleibt ein Handwerk.

Katrin Gänsler (KNA)

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