Aufgewachsen ist Rebecca Sattler in einer atheistischen Familie. Als sie 15 Jahre alt war, wollte sie wissen, warum Menschen heute noch an Gott glauben. Doch Religionsunterricht gab es in ihrem Gymnasium in Fürstenwalde nicht. Sie wandte sich an die katholische Pfarrei. Mit einer Freundin nahm sie am Firmkurs teil. Einem Kurs, der normalerweise dazu dient, dass Jugendliche, die von ihrer Kindheit an in der Kirche aufgewachsen sind, ein eigenes Bekenntnis zum Glauben finden.
"Wir waren da irgendwie fremd", erinnert sich Sattler, 37 Jahre alt. "Wir hatten ja überhaupt keinen Bezug zur Gemeinde." Gemeinsam fuhr man zum Weltjugendtag der katholischen Kirche, der 2005 mit einem Besuch des damaligen Papstes Benedikt XVI. (2005–2013) in Köln stattfand. Hunderttausende katholische Jugendliche übernachteten damals unter freiem Himmel nach einer feierlichen Vigil, einem Abendgottesdienst, auf dem Marienfeld.
"Gott ist da, und ich kann mich an ihn wenden"
"Da habe ich plötzlich gespürt: Gott ist da, und ich kann mich an ihn wenden", sagt Sattler. Zurück in Fürstenwalde lässt sie sich taufen und firmen, engagiert sich in der Gemeinde. Doch als dann ihr Vater starb, fängt sie wieder an zu zweifeln. Einige Zeit lang hat sie nur wenig Kontakt zur Kirche.
An der Humboldt-Universität studiert sie Mathematik und Informatik. In den Semesterferien will sie als Freiwillige nach Südamerika gehen, ihr Spanisch verbessern. Sie hört von der Möglichkeit eines Praktikums bei einem Projekt der "Missionare Identes", die damals die Gemeinde in Fürstenwalde betreuen.
"Als ich im Flugzeug saß, war mir irgendwie klar: Du kommst jetzt anders zurück, als Du losgeflogen bist", sagt Sattler. "In Ecuador habe ich dann jeden Abend an den Gebeten der Gemeinschaft teilgenommen und das Ordensleben kennen und schätzen gelernt." Es sei eine "sehr starke Sicherheit" gewesen, die sie plötzlich im Glauben der Kirche, in der Eucharistie und der Anbetung der Hostie spürte.
Schwestern in einer Wohnung in Schöneberg
In Berlin, wo eine kleine Gruppe der Schwestern der "Missionare Identes" heute in einer Wohnung in Schöneberg lebt, und sich in der Kirchengemeinde Sankt Norbert engagiert, tritt Rebecca Sattler 2013 in den Orden ein. Parallel führt sie ihr Studium fort, promoviert schließlich in Informatik.
Wie das mit dem Leben in einem katholischen Orden zusammenpasst? "Ich sehe da keinen Widerspruch", sagt Sattler. "Ich glaube, auch in der Entstehung des Universums das Wirken Gottes zu erkennen: Natürlich kann man auch sagen, dass das Zufall war, aber ich komme halt immer wieder zu dem Punkt, das alles irgendwie logisch ist, und es Gott war, der es sozusagen losgestoßen hat." Doch der Fürstenwalderin ist klar: "Was für mich offensichtlich und nachvollziehbar ist, ist für Menschen, die nicht glauben, natürlich nicht so klar."
Im multireligiösen, bunten Berlin ist der Lebensweg von Rebecca Sattler für viele Gesprächspartner nur eine Facette unter vielen möglichen Lebensentwürfen.
Dass die wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem katholischen Orden lebt, erfahren viele Menschen an ihrem Institut erst nach einiger Zeit. Doch im multireligiösen, bunten Berlin ist das für viele Gesprächspartner dann auch nur eine Facette unter vielen möglichen Lebensentwürfen.
Sorge macht der Ordensschwester das Aufkommen der künstlichen Intelligenz. In der Pfarrei, in der sie sich in der Jugendarbeit engagiert, beobachtet die Informatikerin, wie Jugendliche das Lernen verlernen. "Künstliche Intelligenz macht das Leben sehr bequem", sagt Sattler. "Man hört auf, Dinge zu hinterfragen."
Ob KI den Glauben irgendwann ersetzen wird?
Sie nimmt wahr, dass sich Jugendliche nicht mehr so stark wie früher auf die Suche machten. "Das Lernen ist ja eigentlich ein Prozess, bei dem man nicht alles auf einem Teller serviert bekommt, sondern sich auch anstrengen und arbeiten muss", sagt Sattler. "Das passiert heute nicht mehr."
Ob KI den Glauben irgendwann ersetzen wird? "Jede künstliche Intelligenz ist von Menschen gemacht", sagt Sattler. "Es ist natürlich verführerisch, wenn sie uns Dinge so präsentiert, wie sie uns gefallen – aber den Dialog mit Gott, und das Gebet, kann KI nicht ersetzen."
Ein Ordensgewand, also ein schwarzes Kleid mit Schleier, wie es Benediktinerinnen oder Franziskanerinnen tragen, trägt Rebecca Sattler nicht. "Wir sind als Orden erst 1959 von Fernando Rielo in Spanien gegründet worden", sagt Sattler. Statt sich hinter Klostermauern zurückzuziehen, versuchen die Schwestern, ein normales Alltagsleben zu leben, und mit Menschen auch außerhalb der Kirche in Kontakt zu kommen.
Den Glauben im Alltag leben
"Unsere Aufgabe ist es, unseren Glauben im Alltag zu leben und mit Menschen darüber im Gespräch zu sein." Tagsüber gehen alle ihren Berufen nach. Abends trifft man sich zum gemeinsamen Essen und dem Gebet in der Hauskapelle. Nach den Sonntagsmessen gibt es ein gemeinsames Mittagessen mit jungen Menschen aus der Pfarrei. "Wir haben den Auftrag, die frohe Botschaft von Jesus Christus in die Welt zu tragen", sagt Sattler.
Für die Brandenburgerin heißt das, in diesem Jahr noch einmal einige Monate in Rom zu leben, wo sich der Hauptsitz der "Missionare Identes" befindet. Dort wird sie sich an der Digitalisierung einer wissenschaftlichen Bibliothek beteiligen. Ob sie dann nach Berlin zurückkehrt, sei noch offen. "Ich gehe dahin, wo der Orden mich braucht", sagt Sattler. Sie hat in der Gemeinschaft der "Missionare Identes" ihre persönliche Berufung gefunden.