Vor genau einer Woche ist Papst Leo XIV. von seinem viel beachteten Frankreich-Besuch zurückgekommen. Dort hat er sich auch mit Opfern sexuellen Missbrauchs getroffen und lange mit ihnen gesprochen. Die Betroffenen lobten anschließend sein aufmerksames, ehrliches Zuhören. Umso irritierender war dann, was er auf der "fliegenden Pressekonferenz" auf dem Rückweg nach Rom sagte. Der Papst wies die Vorstellung, dass Missbrauch ein systemisches Problem der Kirche sei, zurück. Es gebe zwar einige Organisationen innerhalb der Kirche, die als System missbräuchlich gehandelt hätten: "Aber ich halte es für wichtig, hier zu unterscheiden: Sexueller Missbrauch ist in erster Linie ein menschliches Problem."
Damit verkennt der Papst ein zentrales Element des Missbrauchs im Raum der katholischen Kirche. Natürlich sind in erster Linie einzelne Menschen die Täter. Aber ohne das sie umgebende und das sie schützende System hätten die Täter häufig nicht so lange unbehelligt agieren können. Wie viele Täter sind wirklich vor Gericht gelandet?
Die Bischöfe, Generalvikare, Personalverantwortlichen, alle die wegsahen, Akten versteckten, Täter versetzten und vor Strafverfolgung schützten – was waren sie, wenn nicht Teil eines Systems? Die Kirche, die Priestern einredete, durch ihre Weihe seien sie bessere Menschen? Die Männerbünde, die den Mitbrüdern mehr glaubten als den Opfern? Das Kirchenrecht, das Betroffene von Missbrauch viele Jahre überhaupt nicht kannte, sondern als Hauptproblem den Zölibatsbruch sah?
Erst vor kurzem haben die fünf Frauen, die dem Mosaik-Künstler Marko Rupnik Übergriffe vorwerfen, einen Brief an Papst Leo XIV. geschrieben und beklagen darin, dass sie nur aus den Medien von dem vatikanischen Prozess gegen den Ex-Pater erfahren hätten. Auch diese Verschwiegenheit und Intransparenz ist ein Problem. Studien und Geschichten von Betroffenen, in denen man all dies nachlesen könnte, gibt es mittlerweile wirklich genug.
Die Autorin
Annette Zoch ist Politikredakteurin der "Süddeutschen Zeitung" und schreibt dort über Religion und Kirche.
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