Altkatholiken: Wir fahren gut ohne Papst

Sakramente für Wiederverheiratete, Segen für homosexuelle Paare, Frauenordination: Was bei den Katholiken heiß diskutiert wird, ist bei den Altkatholiken Realität. Kann Ökumene dennoch gelingen, fragten wir den altkatholischen Bischof Matthias Ring.

Ökumene | Bonn - 19.07.2017

Frage: Herr Bischof, das Jurisdiktionsprimat des Papstes und das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit waren 1870 der Trennungsgrund von den Katholiken. Wie sind Sie seitdem ohne ein Kirchenoberhaupt wie den Papst gefahren?

Ring: Ich glaube, wir sind gut gefahren, denn wir sind ja keine strukturlose Kirche. Es hat sich sehr schnell eine bischöflich-synodale Struktur entwickelt: Es gibt Bischöfe, aber diese sind keine Minipäpste mit unumschränkten Rechten, sondern sie arbeiten mit der Synode zusammen. Dieses Miteinander hat unserer Kirche eine erhebliche Dynamik beschert. Die großen Reformen wurden alle von Synoden angeregt und dort teils heftig diskutiert: die Einführung der deutschen Sprache in die Liturgie 1885 genauso wie 1878 die Aufhebung des verpflichtenden Zölibats. Auch die Diskussion um die Frauenordination lief über die Synode.

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Was bedeutet Unfehlbarkeit? Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger".
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Frage: Sie sind Bischof des einzigen altkatholischen Bistums in Deutschland. Wie funktioniert das Gemeindeleben, wenn das Bistum auf ganz Deutschland verteilt ist?

Ring: Das ist sehr unterschiedlich. In Südbaden gibt es richtige Dorfgemeinden: Da sind in einem Ort von 120 Einwohnern 90 altkatholisch. Auf der anderen Seite ist beispielsweise der Pfarrer in Berlin auch gleichzeitig noch für die Bundesländer Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zuständig. Das ist die Bandbreite und davon hängt auch das konkrete Gemeindeleben ab. Hier in Bonn haben wir 600 Mitglieder. Die Gemeinde hat einen Kindergarten, eine Pfarrsekretärin, einen Gemeindesaal und ein breites Angebot unter der Woche – eigentlich wie in einer römisch-katholischen Gemeinde. In der Diaspora ist aber oft der Gottesdienst der einzige Anlass, zu dem sich die gesamte Gemeinde versammelt. Deswegen ist es ganz wichtig, dass es hinterher noch das Kirchencafé gibt und man zusammenkommt.

Frage: Sie lassen Wiederverheiratete zu den Sakramenten zu, segnen gleichgeschlechtliche Paare, weihen Frauen. Wie wirkt aus Ihrer Sicht das Ringen der katholischen Kirche zu diesen Themen? 

Ring: Die römisch-katholische Kirche ist eine weltweite und damit eine kulturübergreifende Kirche. Genau das ist ihr Problem, denn all diese Themen haben nicht nur eine theologische, sondern auch eine kulturelle Seite. Wir sind eine europäische Kirche, das macht es einfacher. Aber in Polen und Tschechien gibt es auch bei den Altkatholiken keine Frauenordination, keine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare – das ist dort aber auch gesellschaftlich kein Thema. Für uns sind diese Unterschiede aber kein Problem. Die römisch-katholische Kirche hat dagegen den Anspruch, dass – salopp gesprochen – die Marke 'katholisch' weltweit mit genau denselben Inhalten verbunden ist. Ich glaube, es ist nahezu unmöglich, solche Fragen, die die Menschen im Innersten berühren, offen zu diskutieren, ohne daran zu zerbrechen. Übrigens: Ich glaube nicht, dass eine Mehrheit für die Frauenordination wäre, wenn die römisch katholische-Kirche weltweit offen über das Thema reden würde. Das schätzt man hier oft falsch ein.

Matthias Ring im Porträt
Matthias Ring ist Bischof des altkatholischen Bistums in Deutschland. Bischofssitz ist Bonn.
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Frage: Ein zentrales Problem der katholischen Kirche sind Priestermangel und immer weniger Nachwuchs bei Gläubigen – haben die Altkatholiken auch damit zu kämpfen?

Ring: Nein. Wir haben sehr viele Geistliche gemessen an unserer Mitgliederzahl. Auf 16.000 Altkatholiken in Deutschland kommen 130 Kleriker. Unsere Gemeinden sind sehr klein und haben den Anspruch, dass der Seelsorger direkten Kontakt mit den Gläubigen haben kann. Eine der 'Hauptquellen' für unseren geistlichen Nachwuchs war früher die römisch-katholische Kirche. Noch vor 30 Jahren haben sich rund 120 römisch-katholische Priester pro Jahr beworben. Jetzt sind es nur noch 2 oder 3, aber das liegt vor allem daran, dass es weniger römisch-katholische Priester gibt. Auch Diplomtheologen und Pastoralreferenten treten über und werden geweiht. Was die Gläubigen angeht, haben wir in den vergangenen Jahren ein leichtes Wachstum. Wir sind eine Beitrittskirche: Auf eine Taufe kommen drei Beitritte – übrigens überwiegend Akademiker.

Frage: Wie kommt es, dass nicht noch viel mehr Menschen zu den Altkatholiken konvertieren? Viele Themen, die liberale Menschen in der römisch-katholischen Kirche stören könnten, sind bei Ihnen ja längst abgeräumt….

Ring: Ja, aber es gibt eine riesige Hemmschwelle, einer kleinen Gemeinschaft beizutreten. Zwar ergeben sich daraus heute keine gesellschaftlichen Nachteile, aber es steckt ganz tief im Menschen drin, Teil einer großen Gemeinschaft sein zu wollen. Außerdem sind wir nicht überall vertreten. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen begeistert sind, dass ihnen die Ausrichtung der Altkatholiken gut gefällt. Aber es fehlt die Gemeinde um die Ecke.

Frage: Wir haben über die sensiblen Themen in der katholischen Kirche gesprochen. Was sind denn die heißen Eisen der Altkatholiken?

Ring: Zum Teil überschneidet sich das schon. Sie haben ja die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften genannt. Wir diskutieren im Moment, wie wir diese Segnungen theologisch bewerten. Wir haben vor vier Jahren einen Ritus herausgegeben, der sich aber explizit einer theologischen Bewertung enthält. Ist die Segnung ein Sakrament oder nicht? Ist sie ein Sakrament wie die Ehe oder ist sie das Ehesakrament?  Da bildet sich natürlich auch bei uns eine Vielfalt der Meinungen ab.

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Frage: Wie steht es um die Ökumene zur katholischen Kirche?

Ring: Jahrzehntelang gab es gar keine Kontakte – außer in Form von Konflikten. Das hat sich in den vergangenen 20 Jahren geändert. Vor drei Jahren hat Franziskus den altkatholischen Bischöfen eine Audienz gegeben. Das wäre unter seinem Vorgänger nicht möglich gewesen. Außerdem gab es zwei internationale Dialogphasen, die zweite ist gerade vergangene Woche in Paderborn beendet worden. Wir arbeiten auf einigen Gebieten zusammen, zum Beispiel bei der Sternsinger-Aktion, die ein Projekt unserer philippinischen Partnerkirche unterstützt. Das wäre vor 15 Jahren aber auch von den Altkatholiken noch nicht akzeptiert worden. Laut einer religionssoziologischen Untersuchung ist das Image der römisch-katholischen Kirche unter den Altkatholiken immer noch relativ schlecht. Das hängt oft mit der eigenen Biografie zusammen, mit persönlichen Verletzungen. Aber das müssen wir überwinden.

Frage: Steht der Ökumene nicht vor allem das unterschiedliche Eucharistieverständnis im Weg? 

Ring: Das sehe ich nicht so. Wir Altkatholiken glauben an die bleibende Realpräsenz, also daran, dass Jesus in der Eucharistie wirklich gegenwärtig ist. Die sogenannte Transsubstantiationslehre lehnen wir als verbindliches, spezielles Erklärungsmodell dafür  ab, persönlich neige ich ihr aber zu. Ansonsten ist unser Amts- und Eucharistieverständnis – mit Ausnahme der Frauenordination – identisch mit dem römisch-katholischen.

Von Gabriele Höfling

Stichwort: Altkatholiken

Die altkatholische Kirche hat sich aus Protest gegen Beschlüsse des Ersten Vatikanischen Konzils (1869/70) von der katholischen Kirche abgespalten. Vor allem die päpstliche Unfehlbarkeit und die oberste Leitungsgewalt des Papstes wurden kritisiert. Zusammengeschlossen sind die altkatholischen Kirchen in der 1889 gegründeten Utrechter Union. Aktuell gehören diesem Bündnis sieben Kirchen aus West- und Mitteleuropa mit insgesamt 65.000 Mitgliedern an. In Deutschland gibt es rund 16.000 Altkatholiken, verteilt auf rund 100 Gemeinden. Für sie zuständig ist das "Katholische Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland" mit Sitz in Bonn. Bischof ist seit 2010 Matthias Ring. Mit den Anglikanern stehen die Altkatholiken seit 1931 in "voller kirchlicher Gemeinschaft". Das Bistum ist Gründungsmitglied des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK). Seit 1985 gibt es zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und dem Bistum der Altkatholiken eine Vereinbarung zur gegenseitigen Einladung zum Abendmahl beziehungsweise zur Eucharistie. (gho/KNA)

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