• © Bild: re:publica/Gregor Fischer

Das "Gott-Thema" und die Netzpolitik

Eine "christliche Stunde" auf der Digitalkonferenz Re:publica in Berlin: Es ging um den Beitrag der katholischen Kirche zur Netzpolitik, zehn Gebote für die digitale Welt - und das "Gott-Thema".

Medien | Berlin - 08.05.2017

"WTF – katholische Kirche will Netzpolitik mitgestalten?" – die Verwunderung darüber, dass bei der hippen Digitalkonferenz Re:publica im säkularen Berlin unter den hunderten Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden auch eine mit katholischem Thema dabei ist, haben die Veranstalter gleich in den Titel aufgenommen. Der Moderator, sonst bei einem Radiosender, fragte auch gleich kritisch nach: WTF, "What the fuck", dürfen Katholiken das überhaupt sagen? Er selbst wunderte sich wohl auch darüber, dass auf seiner Veranstaltungsbühne Nr. 8 zwischen Podcasts, Internetrecht und Virtual Reality eine "christliche Stunde" im offiziellen Veranstaltungskalender eingeplant war: Erst die evangelische Theologieprofessorin Johanna Haberer, die den Medienwandel mit reformatorischen Blick deutete, danach der Leiter der katholischen Clearingstelle Medienkompetenz, Andreas Büsch, der netzpolitische Thesen der Bischofskonferenz vorstellte.

Das ist noch keine Selbstverständlichkeit auf der Re:publica, die zum elften Mal in Berlin stattfindet und mittlerweile Tausende von Besuchern anzieht, die über neue Digitaltrends, den gesellschaftlichen Wandel durch das Netz und neue Technologien diskutieren wollen. Die Re:publica ist mittlerweile weniger eine Blogger- oder Netz-Konferenz als vielmehr eine Gesellschaftskonferenz, sagen auch ihre Veranstalter, vier Blogger und Unternehmer aus Berlin. Längst debattieren hier nicht mehr nur Digital Natives unter sich über ihre eigene Subkultur. Auf den Podien sitzen mittlerweile Wissenschaftler, Bundesminister und Wirtschaftsleute neben Bloggern, Hackern und Nerds. Es geht um Klimawandel, Hass und Populismus, den Wandel der Arbeitswelt, Mode und Politik, Gesellschaft und Soziales – alles unter dem Vorzeichen des digitalen Wandels.

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Auf der Grundlage der katholischen Soziallehre die Herausforderungen der Digitalisierung meistern: Das ist das Ziel einer Arbeitshilfe der deutschen Bischöfe. Doch das Papier kann nur ein Anfang sein.

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Nur die Kirche war bisher kaum im offiziellen Programm präsent. Seit Jahren ist die Re:publica auch Pflichttermin in den Kalendern kirchlicher Onliner, von den Pressestellen der Diözesen und Werke bis hin zu ehrenamtlich engagierten Verbandlern. 2016 gab es die Premiere mit dem Hilfswerk Missio, das eine Kampagne für vom Regime verfolgte kirchliche Blogger in Vietnam vorstellte. 2017 nun standen die ersten beiden Veranstaltungen auf der Agenda, die den gesellschaftlichen Wandel explizit christlich begleiten – und das Interesse war groß: Gut 100 Sitzplätze hat die Bühne acht, die bei weitem nicht ausreichten. Viele bekannte Gesichter aus der christlichen Online-Szene, aber die Mehrheit ganz "normale" Teilnehmer, die sich für den Beitrag der Kirche zum Netz interessieren.

Google ist wie die katholische Kirche im Mittelalter

Der sorgt dann gelegentlich auch für Irritationen: Johanna Haberer, Professorin für christliche Publizistik in Erlangen-Nürnberg und Autorin des Buches "Digitale Theologie", deutete mit einem Psalm das Internet, verglich Google und Facebook mit der katholischen Kirche des Mittelalters, die – die antikatholische Spitze musste sein – totalitär alle Lebensbereiche kenne und verwalte. Bei der Fragerunde im Publikum war das einem Zuhörer noch zu nebulös, ihm seien es zu viele theologische Sprachspiele, zu wenig Praxis. Wie Haberer selbst denn Kommunikation im Netz betreibe? "Ich bin nicht auf Facebook und auf Twitter. Ich verweigere das." Das klare Bekenntnis, durchaus im Sinne der von ihr in ihrem Buch aufgestellten "10 Gebote für die digitale Welt" (1. Gebot: "Du brauchst dich nicht vereinnahmen zu lassen!") kam weniger gut an beim Publikum, das auf der Re:publica fast durchweg aus Viel- und Gernnutzern des Netzes und Digitaloptimisten besteht. Der Fragesteller verließ auch, ähnlich konsequent, daraufhin den Saal.

Andere ihrer Beobachtungen wurden mit mehr Wohlwollen aufgenommen: Dass man aus den medialen Umstürzen der Reformationszeit auch heute noch lernen könne. Die Reformation habe sich nur durchsetzen können aufgrund der Demokratisierung der Medien durch die Druckerpresse und Luthers Forderung, dass jeder einzelne das Recht habe, über die Grundlagen des Heils Bescheid zu wissen. Folge sei eine kreative Revolution gewesen, Debatten und Diskurs bis weit ins einfache Volk hinein. Ähnlich seien auch die heutigen digitalen Umbrüche, die plötzlich unzähligen Menschen ermöglichen, sich weltweit Gehör zu verschaffen. Auf die Reformation folgte eine Kakophonie der Meinungen bis hin zu den Konfessionskriegen – eine Ethik für das kommunikative Durcheinander musste her, referierte Haberer, auch heute wieder: "Wir müssen damit zurechtkommen, dass wir eine Weltgemeinschaft haben, die sich artikulieren kann."

Auf die reformatorische Diagnose folgten katholische Lösungsansätze: Andreas Büsch, Professor an der Katholischen Hochschule in Mainz, stellt Thesen der Bischofskonferenz zur Netzpolitik vor. Aufbauend auf den Prinzipien der katholischen Soziallehre – Personalität, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl – hatte die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Forderungen für die gerechte Gestaltung der Digitalisierung formuliert.

"Medienbildung und Teilhabegerechtigkeit" ist das Papier überschrieben. Ziel sei es weder gewesen, eine Pauschalverurteilung des Netzes zu schreiben, noch eine unkritische Würdigung. Stattdessen gelte es, so Büsch, die Spannungen, die es auch zwischen den katholischen Sozialprinzipien gebe, im Digitalen durchzudiskutieren: Digitale Prozesse ermöglichen Beteiligung für die, die entsprechende Techniken zu nutzen wissen, erzeuge aber gleichzeitig auch neue Ausschlüsse von Menschen, die (noch) nicht mit der modernen Technik umzugehen verstehen oder aufgrund einer Behinderung nicht teilhaben können.

Auch wenn Büschs Ansatz konkreter war als der Haberers – in den Publikumsfragen wurde auch hier eine Präzision verlangt: Stellt die Kirche nur Grundsätze auf, oder ist sie auch bereit, etwas in ihrem eigenen Handeln zu ändern? Der Mainzer Professor entgegnete mit einer Forderung des Papiers, die durchaus auch für Aufregung in der Kirche gesorgt habe ob der komplizierten und potentiell teuren Umsetzung: Die Forderung einer Selbstverpflichtung, kirchliche Online-Angebote unter dem Gesichtspunkt der Barrierefreiheit zu gestalten, beispielsweise durch eine Gestaltung von Webseiten für Blinde oder die Untertitelung von Videos für Gehörlose

Andreas Büsch auf der re:publica
Andreas Büsch, Professor an der Katholischen Hochschule in Mainz, stellt Thesen der Bischofskonferenz zur Netzpolitik vor.
 Neumann/katholisch.de

Als Kritikerin hatte sich Büsch die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken aufs Podium geholt. Die Stuttgarter SPD-Politikerin ist für ihre Fraktion Mitglied im Ausschuss "Digitale Agenda". Dissens war keiner zu spüren: Esken würdigte es, dass die Kirche ihre sozialethische Kompetenz auch auf diesem Feld einbringe, und in den Zielen bestehe ohnehin große Einmütigkeit: Bei Bildung und Teilhabe sind sich Sozialdemokratie und Kirche anscheinend einig. Ein wenig Dissens versuchte Büsch dann selbst noch zu sähen: Auch wenn man die Ziele teile, sagte er, könne man sich ja immerhin bei der Letztbegründung noch streiten, ob man "im Humanum bleiben will oder doch dieses Gott-Thema einbeziehen muss."

Die "christliche Stunde" endete so mit einem fast schon besinnlichen Impuls. Noch bis Mittwoch diskutieren gut 8000 Teilnehmer der Re:publica über die digitale Zukunft in Berlin – darunter auch einige, die sich in den Kirchen engagieren: Bei einem "Netzgemeindefest" kamen nach den beiden theologischen Vorträgen mehrere Dutzende Katholiken und Protestanten zusammen, um weiter über digitale Kirche und die Kirche in der digitalen Gesellschaft zu diskutieren. Man wird das Gott-Thema einbeziehen müssen.

Von Felix Neumann

Offenlegung: Der Autor war Mitglied der Redaktionsgruppe des netzpolitischen Papiers der Bischofskonferenz

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