"Die Kirche ist nicht im Mittelalter verharrt"

Kardinal Gerhard Ludwig Müller ist einer der wichtigsten Männer im Vatikan. Im Interview mit katholisch.de spricht er über das zu Ende gehende Heilige Jahr, das Reformationsgedenken und die Piusbrüder.

Heiliges Jahr | Vatikanstadt - 18.11.2016

Frage: Herr Kardinal, an diesem Sonntag geht das Heilige Jahr zu Ende. Welche bleibende Bedeutung hat seine Botschaft, die der Barmherzigkeit?

Müller: Der Glaube an die Barmherzigkeit Gottes, der sich jedem Menschen zuwendet, gehört zur klassischen Gotteslehre. Es war sehr gut, dieses Thema im Heiligen Jahr theologisch zu akzentuieren und neu in die Pastoral und in die Verkündigung einzubringen. Denn viel Gleichgültigkeit und Unverständnis gegenüber Gott gründet in der falschen Behauptung, Gott sei nur Macht, deshalb könne sich der Mensch in seiner Freiheit lediglich gegen ihn verwirklichen. Das christliche Gottesbild ist ganz anders: Gott hat sich dem Menschen zuliebe bis zum Kreuzestod erniedrigt, damit wir zur Erlösung, zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes kommen.

Frage: Es geht also um eine Neuausrichtung des Gottesbildes?

Müller: Wer Gott unter dem Aspekt der Barmherzigkeit neu kennenlernt, der spürt, dass im christlichen Gottesverständnis die Liebe das Zentrum der Begegnung von Gott und Mensch ist. Die Symbolik der offenen Heiligen Pforte hier in Rom und in vielen Kirchen in aller Welt hat hoffentlich das Bewusstsein gestärkt, dass wir wie durch eine weit geöffnete Tür zu Gott kommen können. Zahlreiche Menschen haben den Weg zu Gott gefunden durch die Vergebung in der Beichte, die einen neuen Anfang ermöglicht. Ich glaube, viele konnten im Heiligen Jahr eine vertiefte Gotteserfahrung machen.

Frage: Wie haben Sie das Heilige Jahr in Rom erlebt? Einige Medien sprachen zuletzt aufgrund niedriger Besucherzahlen von einem "Flop".

Müller: Das Heilige Jahr ist ein geistliches Ereignis und lässt sich nicht quantitativ messen. Angesichts des breiten Zuspruchs in aller Welt ist mir eine solche Kritik unbegreiflich. Es geht ja nicht um laute Feiern, sondern um den Weg zu Christus. Ich fand es beeindruckend, wie viele Menschen zu den Papstaudienzen, dem Sonntags-Gebet und den Sonderveranstaltungen kamen. Das heißt, dass die Menschen die Botschaft des Papstes hören wollen; dass er es versteht, mit seiner Sprache die Herzen der Menschen zu berühren; dass er ihnen Perspektiven auftut, um das eigene Leben im Licht der Gnade Gottes besser zu verstehen und zu meistern.

Frage: Während das Heilige Jahr zu Ende geht, haben die Veranstaltungen zum Reformationsjahr gerade erst richtig begonnen. Der Papst ist zum Auftakt zu einem ökumenischen Gebet mit dem Lutherischen Weltbund nach Lund gereist. Was erwarten Sie vom bevorstehenden Gedenkjahr?

Müller: Als ich in Deutschland Vorsitzender der Ökumenekommission der Bischofskonferenz war, hatten wir im Gespräch mit der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands gemeinsam überlegt, ob 2017 eine Fortsetzung der Jubelveranstaltungen früherer Jahrhunderte sein sollte. Oder ob wir nicht vielmehr im Zeitalter der Ökumene dieses Datum nutzen sollten, um gemeinsame Akzente zu setzen. Was uns verbindet, ist das gemeinsame Zeugnis für Jesus Christus, für den dreifaltigen Gott, die Menschwerdung, die Erlösung durch Kreuz und Auferstehung. Was uns unterscheidet, sind Fragen nach der Kirche und den Sakramenten, vor allem nach der Eucharistie und der Apostolischen Nachfolge der Bischöfe. Hier gibt es nach wie vor dogmatische Unterschiede, die wir Katholiken nicht beiseiteschieben können.

Frage: Was erwarten Sie vor diesem Hintergrund von dem Gedenkjahr?

Müller: Ich würde mir erwarten, dass man das religiöse Anliegen der Reformatoren stärker hervorhebt. Die Bedeutung Luthers kann man nicht dadurch steigern, dass man ihn zum Schrittmacher einer modernen Kultur hochstilisiert. Es ist nicht richtig, wenn man die katholische Kirche als den Teil der Christenheit bezeichnet, der im Mittelalter verharrt ist, und die protestantischen Christen als diejenigen sieht, die in der Neuzeit angekommen sind. Der Beitrag der katholischen Kirche und Theologie für die Neuzeit ist beträchtlich. Ich denke etwa an den Beitrag der Päpste zur Soziallehre, zu einer positiven Gesellschaftsgestaltung, zur Ökologie.

Frage: Seit Johannes Paul II. haben alle Päpste die Ökumene-Partner aufgerufen, gemeinsam über die Rolle des Petrusamtes nachzudenken. In Gang gekommen ist ein solcher Dialog bislang nicht. Welche Anregungen haben Sie?

Müller: Die Kritik am Petrusamt ging zunächst nicht von dogmatischen Differenzen aus, sondern bezog sich auf konkrete Deformationen, etwa durch die babylonische Gefangenschaft der Päpste in Avignon, durch moralische Missstände, durch die Ökonomisierung von Heilsmitteln wie dem Ablass. Solche Übel waren der Anlass, der dann zu dogmatischen Kontroversen führte. Zur Thematik des Papsttums kommt im Februar ein 600-seitiges Buch von mir heraus, ausgehend von der Frage der ökumenischen Gestalt und Ausübung des Petrusamtes.

Frage: Was empfehlen Sie?

Müller: Es ist wichtig, dass der Papst als Nachfolger des Apostels Petrus in seiner Verkündigung und in seinem Hirtendienst wahrgenommen wird. Hier konnten bereits manche Ressentiments überwunden werden, womit wir uns ungestörter den dogmatischen Fragen zuwenden können: Was bedeutet das Papsttum für die Kirche, so wie Christus sie gewollt hat? Von katholischer Seite aus können wir das Papsttum nicht einfach soziologisch begründen, so als bräuchte es eben einen Sprecher für die Weltchristenheit. Das hat mit dem Papsttum, wie wir es verstehen, nicht viel zu tun. Vielmehr ist der Papst als Bischof von Rom und Nachfolger Petri das immerwährende Prinzip und Fundament der Einheit der Ortskirchen in der Wahrheit des Evangeliums. Wichtig ist auch, wie und in welcher Hermeneutik man 500 Jahre später die historischen Texte liest. Man muss versuchen, die belastenden Vorgänge der Kirchengeschichte mit ökumenischen Augen zu sehen, nicht konfessionalistisch und parteiisch. Und man muss beiden Seiten historisch wie moralisch Gerechtigkeit zuteilwerden lassen. Ziel ist nicht ein Anfeuern gegenseitiger Ressentiments, sondern eine Reinigung des Gedächtnisses.

"Das Maß ist der katholische Glaube, wie er in den Konzilien von Bischöfen und Päpsten gelehrt wird", so Kardinal Müller über die verhandlungen mit den traditionalistischen Piusbrüdern.
 KNA

Frage: Papst Franziskus und der emeritierte Papst Benedikt XVI. sind unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichen Biographien. Sie haben vor kurzem ein Buch über die beiden veröffentlicht. Was trennt sie, was haben sie gemeinsam?

Müller: Für mich ist entscheidend, dass jeder Papst zunächst Nachfolger Petri ist, und dass jeder Papst auch von seiner eigenen Geschichte geprägt ist. Joseph Ratzinger ist vor allem in der akademischen Welt zu Hause, nimmt dort eine exzellente Rolle ein. Papst Franziskus ist als menschennaher Hirte nicht zu verstehen ohne den Hintergrund Lateinamerikas, ohne die Hoffnungen, Chancen und Herausforderungen des Kontinents.

Frage: Akademiker hier, pastoraler Hirte dort. Was unterscheidet die beiden Päpste sonst noch?

Müller: Franziskus versucht, an die existentiellen Peripherien zu gehen. Auch Benedikt XVI. war es ein großes Anliegen, von allen verstanden zu werden. Er war ein Meister des einfühlsamen Wortes, einer vom Herzen geprägten Intellektualität. Er hat Vernunft und Glaube immer zusammen gesehen. Umgekehrt kann man Papst Franziskus nicht unterstellen, er würde bei all seiner Herzlichkeit die intellektuellen Herausforderungen der Welt übergehen. Man kann das Verhältnis beider nicht auf die Alternative Theorie-Praxis reduzieren. Die Dokumente von Papst Franziskus bieten praktische Orientierung und beinhalten zugleich tiefgehende Analysen der Zeitsituation.

Frage: Zu einer möglichen Annäherung oder Aussöhnung mit den traditionalistischen Piusbrüdern gibt es unterschiedliche Signale. An welchem Punkt sind die Gespräche?

Müller: Der Papst und in seinem Auftrag unsere Kongregation samt der Kommission "Ecclesia Dei" bemühen sich, eine Versöhnung herbeizuführen und die volle Gemeinschaft wiederherzustellen. In den Gesprächen haben wir immer wieder versucht, die Bedenken auszuräumen. Was das Zweite Vatikanische Konzil betrifft, haben wir darauf hingewiesen, dass sich die Kritik im Wesentlichen nicht auf das Konzil bezieht, sondern auf eine nachkonziliare Entwicklung - wo es manches Kritikwürdiges, auch Wildwuchs und Verflachung gibt - etwa in der Liturgie. Aber diese Auswüchse kann man nicht mit der Liturgiekonstitution des Konzils begründen. Auch zur Religionsfreiheit gibt es inhaltlich keinen diametralen Gegensatz zum Kirchenerbe des 19. Jahrhunderts. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen der Piusbruderschaft den Schritt wagen, sich wieder ganz in die katholische Kirche einzugliedern.

Frage: Aber im Moment tut sich nichts?

Müller: Wir versuchen, uns menschlich und geistlich näher zu kommen, und auch Schwierigkeiten und Bedenken zu überwinden. Rom will nicht mit der Brechstange vorgehen, wir wollen überzeugen und das braucht Zeit. Aber das heißt nicht, dass wir uns irgendwo in der Mitte treffen könnten; es geht nicht um einen Kompromiss. Das Maß ist der katholische Glaube, wie er in den Konzilien von Bischöfen und Päpsten gelehrt wird. Der entscheidende Durchbruch ist noch nicht da.

Zur Person

Kardinal Gerhard Ludwig Kardinal (*1947) ist seit 2012 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre. Zuvor war er von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg.

Von Johannes Schidelko

Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017