Im Vatikan herrscht die Furcht vor einem Flächenbrand

Deutsche Bischöfe und römische Kurie stehen bei Reformen unter Druck

Aktualisiert am 19.11.2022  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Die mit Spannung erwarteten Debatten zwischen Kurienkardinälen und deutschen Bischöfen haben gezeigt: Beide Seiten stehen unter Druck. Nun ringen sie um die Deutungshoheit. Im Zentrum steht die Zukunft der Kirche.

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Die Protokolle der Debatte von deutschen Bischöfen und Kurienkardinälen im "Institutum Augustinianum" am Petersplatz vom 18. November 2022 könnten einst in die Kirchengeschichte eingehen. Zum ersten Mal hatten dort deutsche Bischöfe in Rom ein Forum, den Entscheidern in der Zentrale der katholischen Weltkirche zentrale Forderungen der deutschen Reformdebatte des Synodalen Wegs vorzutragen. Und zum ersten Mal mussten diese ihre Bedenken und Einwände den Bischöfen ins Gesicht sagen, ohne sich hinter anonymen vatikanischen Texten verstecken zu können. 

Beide Seiten bescheinigten einander, dass die Debatte offen und brüderlich geführt wurde. Und beiden Seiten scheint daran gelegen, dass ihre Argumente öffentlich zur Kenntnis genommen werden. Dabei geht es auch darum, die Deutungshoheit für eine anspruchsvolle Disputation zu gewinnen, die in Rom unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand.

Der deutsche Bischofskonferenz-Vorsitzende Georg Bätzing hat mit der Veröffentlichung seines langen Einführungsstatements den ersten Schritt getan. Nun sind als nächste die Kurienkardinäle Luis Ladaria (zuständig für die Glaubenslehre) und Marc Ouellet (zuständig für die Bischöfe in etwa 3.000 Bistümern weltweit) an der Reihe, ihre Grundsatzreden öffentlich machen. Darüber hinaus soll es ein von allen Beteiligten unterzeichnetes Protokoll der Debatte geben.

Ein Quantensprung – für vatikanische Verhältnisse

Für vatikanische Verhältnisse bedeutet das einen Quantensprung an Transparenz und Diskussionskultur – und bietet die Grundlage für den Fortgang der Debatte. Künftig können auch Reformbefürworter aus anderen Ländern darauf zurückgreifen, was die Deutschen in Rom den Kurienkardinälen eröffneten. Diese Texte haben damit einen ganz anderen Nimbus als das, was eine 200-köpfige Synodalversammlung in einer Messehalle in Frankfurt am Main beschlossen hat.

Bild: ©KNA/Cristian Gennari/Romano Siciliani

Der kanadische Kurienkardinal Marc Ouellet ist Leiter der vatikanischen Bischofskongregation - und sieht den Synodalen Weg kritisch.

Gleichzeitig können von nun an in Deutschland die konservativen Kritiker des Synodalen Wegs für sich in Anspruch nehmen, dass sie aus der Kurie viel Rückendeckung erhielten. Die Kritik von Kurienkardinälen wie Ladaria, Ouellet, You oder Koch vereint sich nun mit der von Bischöfen wie Voderholzer, Oster oder Hanke in Deutschland. Allerdings sind die Mehrheitsverhältnisse spiegelverkehrt: Während aus der Deutschen Bischofskonferenz rund zwei Drittel für weitreichende Änderungen in Kirchenrecht und Morallehre gestimmt haben, ist im Vatikan die Zahl derer, die für eine Frauenweihe oder die Segnung von homosexuellen Paaren stimmen würden, ziemlich überschaubar.

Doch die Mehrheiten in beiden Lagern stehen offenbar unter Druck. Bätzing sprach in Rom mit Sorgenfalten auf der Stirn von der "Ungeduld des Gottesvolkes" in Deutschland. Er umschrieb damit die Beobachtung, dass in katholischen Gemeinden und Verbänden sowie an theologischen Fakultäten immer weniger Menschen Verständnis für die Positionen des römischen Lehramts in der Frauenfrage oder in der Sexualmoral zeigen.

Türen öffnen oder schließen

Eine neue Sicht der Dinge dominiert seit langem die Debatten und Papiere des Synodalen Wegs. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Reformkräfte sich damit zufriedengeben werden, wenn die Bischöfe nach ihren Gesprächen in Rom berichten, es sei ihnen immerhin gelungen, die Türen für eine Fortsetzung des Synodalen Wegs offenzuhalten.

Diese Türen wenigstens vorübergehend zu schließen, um wieder mehr Ruhe ins gemeinsame Haus zu bringen, war das Ansinnen des ebenfalls von Sorgen geplagten Kardinals Ouellet. Er schlug ein "Moratorium" für den Synodalen Weg vor, also eine zeitlich begrenzte Aussetzung der Reformdebatte in Deutschland. Bätzing deutete dies als einen Versuch des Vatikans, einen befürchteten "Flächenbrand" einzuhegen, der von den deutschen Reformforderungen ausgehend weite Teile der katholischen Weltkirche erfassen könnte. 

Womöglich hätte der vom Papst begonnene weltweite synodale Prozess durch ein Moratorium einen kleinen Vorsprung bekommen, und die ungestüm drängenden deutschen Reformer hätten sich vielleicht wieder mehr in die Disziplin der Weltkirche einbinden lassen müssen.

Doch da die meisten deutschen Bischöfe dies entschieden ablehnten, verständigte man sich auf die Formel, dass die Bedenken der römischen Kurie nun in die Beratungen des Synodalen Wegs einfließen sollten. Dass damit Inhalt, Richtung oder Tempo der deutschen Reformdebatte spürbar beeinflusst werden könnten, ist angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Synodalen Weg jedoch eher unwahrscheinlich.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)