Vatikanische Stellungnahme zum Thema Gender wird erarbeitet

Papst Franziskus fordert von Theologen "kreative Treue zur Tradition"

Aktualisiert am 24.11.2022  –  Lesedauer: 

Vatikanstadt ‐ Die Tradition werde als Quelle des Glaubens "entweder wachsen oder erlöschen", betonte Papst Franziskus gegenüber der vatikanischen Theologenkommission. Eine große Gefahr sieht er jedoch darin, rückwärtsgewandt agieren zu wollen.

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Bei der erwarteten vatikanischen Stellungnahme zum Thema Gender wünscht sich Papst Franziskus von den damit befassten Theologen eine "kreative Treue zur Tradition". In einer Audienz für die Mitglieder der vatikanischen Internationalen Theologenkommission sagte er am Donnerstag, das Gremium solle dieses und andere Themen im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) angehen. Die Kirche befinde sich in einem "historischen Moment", der zwar mühsam sei, aber aus der Sicht des Glaubens auch vielversprechend und voller Hoffnung. Die Lehren des jüngsten Konzils seien für den Weg der Kirche ein "sicherer Kompass".

An die Mitglieder der vatikanischen Theologenkommission appellierte der Papst, bei ihrer Arbeit auf das Wort Gottes, den Glaubenssinn des Gottesvolkes, das Lehramt und auf die Gaben des Geistes zu hören. Dies solle geschehen "in der Unterscheidung der Zeichen der Zeit für die Fortentwicklung der Apostolischen Tradition und mit Hilfe des Heiligen Geistes". Die Tradition werde als Quelle des Glaubens "entweder wachsen oder erlöschen", betonte Franziskus. Eine große Gefahr bestehe darin, rückwärtsgewandt agieren zu wollen. Der Satz "Das haben wir immer schon so gemacht!" vermittle das Gefühl, auf der sicheren Seite zu sein, und nicht mit der Tradition nach vorne zu gehen.

Rückwärtsgewandtes Denken nach Erstem Vatikanum

Ein rückwärtsgewandtes Denken habe etwa nach dem Ersten Vatikanischen Konzil (1869-1870) manche Gruppen in der Kirche dazu gebracht, in der Vergangenheit zu verharren, um der Tradition treu zu bleiben. Heute weihten sie Frauen zu Priestern und machten andere Dinge, mit denen sie die vertikale Entwicklungslinie der Kirche verlassen hätten. Aus der Rede des Papstes geht hervor, dass sich die Internationale Theologenkommission derzeit mit drei Themen befasst. Das eine ist die Frage, was es bedeutet, wenn die Kirche an Jesus Christus als Sohn Gottes glaubt. Anlass ist das 1.700-jährige Jubiläum des Konzils von Nicäa im Jahr 2025, das bis heute von fast allen christlichen Kirchen und Gemeinschaften anerkannt wird.

Das zweite Thema, bei dem es unter anderem um die Gender-Theorien und um die Veränderung des Menschen durch medizinische und andere Eingriffe geht, umschrieb der Papst mit den Worten: "Die Prüfung einiger anthropologischer Fragen, die derzeit zu Tage treten und die von entscheidender Bedeutung für den Weg der Menschheitsfamilie sind." Als drittes Thema behandelt die Kommission theologische Aspekte der Ökologie und der Schöpfungslehre. Die Internationale Theologenkommission ist das offizielle Beratungsorgan des Dikasteriums für die Glaubenslehre und des Papstes. Unter Leitung von Kurienkardinal Luis Ladaria arbeiten in ihr rund 30 Theologen aus allen Kontinenten. (KNA)