Himmelklar – Der katholische Podcast

Journalist Friebe: Der Synodale Weg ist auch in Katar ein Thema

Aktualisiert am 07.12.2022  –  Lesedauer: 

Köln ‐ Haben Religion und Glaube während der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar eine Chance? Der Sportjournalist und Theologe Matthias Friebe berichtet derzeit für den Deutschlandfunk aus Katar und gibt einen Einblick "hinter die Kulissen" .

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Haben Religion und Glaube in Katar während der Fußball-Weltmeisterschaft eine Chance? Der Sportjournalist und Theologe Matthias Friebe berichtet für den Deutschlandfunk von der WM und gibt einen Einblick "hinter die Kulissen" und in die katholische Kirche in Dohas "Church City". Außerdem erklärt er, welche Rolle der Synodale Weg in Katar spielt und warum die Palästina-Frage zu einem politischen Thema der WM wird.

Frage: Wie war dein Gefühl vor der WM? Was waren für dich persönlich die größten Bedenken, nach Katar zu reisen?

Friebe: So richtig große Bedenken hatte ich eigentlich nicht. Es ist aber ja eine völlig andere Welt, als wir das in Europa kennen. Ich war neugierig auf das, was mich hier erwartet. Es ist nicht meine erste WM, nicht mein erstes Turnier, was ich begleite. Ich wusste, es wird sehr viel Arbeit werden, die Tage werden sehr lang. Ich war in Gedanken mehr damit beschäftigt, die ganzen Themen zu sortieren, die hier wahrscheinlich anstehen werden. Ich habe mir ein bisschen Sorgen gemacht, weil es Berichte gab über Probleme mit der Pressefreiheit, wenn man sich hier bewegt, ob das alles problemlos möglich ist, ob man alle Menschen treffen kann, die man möchte. Das ist relativ gut abgelaufen, muss ich sagen. Es gab zwei, drei Situationen, wo es ein bisschen knifflig war. Insbesondere waren wir im Fokus, als ich ein paar Fans getroffen habe, die mit T-Shirts gegen das Regime im Iran protestiert haben. Da wurden wir sofort gefilmt. Aber die größten Bedenken waren eigentlich, wie sehr ich mich hier bewegen kann und wie sehr frei oder eingeschränkt alles ist. Ich würde sagen, das meiste davon ist relativ problemlos möglich.

Frage: Da sind wir schon bei "hinter den Kulissen", wo du gerade gut hingucken kannst. Wie erlebst du das? Von den Reporterinnen und Reportern hast du gerade schon gesprochen. Wie wird mit den Fans umgegangen?

Friebe: Sofern sie sich an die Regeln halten – gar kein Problem. Was die Regeln sind? Das ist so ein bisschen Auslegungssache. Also wir hatten das Thema mit dem Regenbogen im Stadion – kommt nicht so gut an, obwohl es offiziell erlaubt ist. Es gibt immer wieder Fälle, dass Fans richtig Probleme bekommen. Iranische Fans, die "Woman Live Freedom" tragen, haben häufiger Probleme bekommen, ins Stadion zu kommen, sind auch zum Teil festgenommen worden, sind auch angegriffen worden. Wer aber eine Palästina-Fahne trägt und "Free Palestine" ruft, der wird hier mit offenen Armen empfangen und darf die in jeglicher Größe mit rein nehmen. Ich versuchte auch die ganze Zeit, Kontakt zu den Organisatoren aufzunehmen und mal nachzufragen, was da los ist. Die FIFA verweist auf die lokalen Organisatoren. Die antworten nicht. Das ist tatsächlich ein bisschen mit zweierlei Maß gemessen, weil diese Palästinafrage gerade irgendwie zu einem der politischen Themen dieser WM wird. Viele aus den arabischen Ländern sehen das jetzt als Bühne und rufen "Free Palestine". Finde ich eine ganz bemerkenswerte Geschichte. Ich hatte im Vorfeld nicht damit gerechnet, dass das noch ein Thema werden könnte.

„Der Pastor kam aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus und hat gemeint, ob das, was da in Deutschland abgeht, eine zweite Reformation werden soll. Es ist aus seiner Perspektive überhaupt nicht nachvollziehbar, was in Deutschland passiert.“

—  Zitat: Matthias Friebe

Frage: Du hast die katholische Kirche besucht und mit dem leitenden Pfarrer gesprochen. Steht er für die christlichen Werte und kritisiert die WM auch, konntest du das raushören?

Friebe: Nein, er kritisiert die WM überhaupt nicht. Man muss vielleicht zur Einordnung sagen: Es gibt hier die "Church City", so nennt sie sich. Es gibt hier die "Education City", wo ganz viele Universitäten sind, es gibt die "Hospital City", da sind nur Krankenhäuser, und es gibt auch die "Church City". Die ist so 20, 30 Kilometer vor den Toren der Stadt, relativ weit draußen in der Industriezone, wo auch viele Gastarbeiter leben. Man sagt unter den Einheimischen: Alles, was nicht haram ist, also alles, was nicht mit der islamischen Regelung übereinstimmt, kommt hierhin. So ist auch ein großer Alkohol-Laden direkt in der Nähe. Es wurde alles vor die Tore der Stadt geschoben auf ein sehr großes Gelände mit 8.000 Parkplätzen. Alles ist mit Mauern und Zäunen abgeschirmt und man muss durch eine Sicherheitskontrolle gehen wie am Flughafen. Die Polizei geht da Streife, weil sie auch keine Muslime auf dem Gebiet dulden. Es sei denn, die haben eine Sondergenehmigung, wenn sie beispielsweise zu einer Hochzeit eingeladen sind. Und dann ist es eine eigene Stadt für sich. Da ist die katholische Kirche, das ist die größte. Es gibt die orthodoxen Kirchen, die koptischen Kirchen, die anglikanischen Kirchen und alles ist zusammen auf einem Fleck. Das ist eigentlich ganz schön, weil man die Konfession ja niemandem ansieht und alle gemeinsam da hingehen, da gemeinsam sind und sich da mischen und dann aufteilen. Das ist sehr international. Ich war auch in der anglikanischen Kirche, da sind 26 verschiedene Versammlungsräume, die zum Teil gleichzeitig belegt sind. Da sind Menschen aus 51 Ländern: Das ist laut, das ist dynamisch, das ist hektisch. Aber da ist wirklich was los. Die Katholiken sind mit Abstand die größte Minderheit, weil auch viele aus dem südindischen Bereich kommen. Es sind zwischen 50.000 und 100.000 Menschen, die katholisch sind in einem islamischen Land mit 3 Millionen Einwohnern. Die Kirche "Our Lady of the Rosary" hat 2.700 Sitzplätze, ist also gigantisch groß. Sie haben ganz viele Gottesdienste für verschiedene Sprachgruppen. Der Pastor hat mir gesagt, in der Zeit vor Covid – das ist jetzt ein bisschen weniger geworden – wären an jedem Wochenende 5.000 Menschen gleichzeitig zum Gottesdienst gekommen, insbesondere bei der philippinischen Minderheit, die sehr viele sind. Dabei sitzen 2.700, der Rest steht. Die Kirche ist also komplett voll und zum Teil gibt es draußen eine Fernsehübertragung. Das ist also wirklich eine sehr lebendige und sehr große Gemeinde.

Frage: Über was konntest du mit dem Pfarrer in der katholischen Kirche in "Church City" noch sprechen?

Friebe: Wir haben uns über alles Mögliche unterhalten: Darüber, wie das Leben so funktioniert, wie man überhaupt Weihnachten feiert, ob es irgendwelche Besonderheiten gibt. Und er sagt, es ist eigentlich alles ganz normal. Er selbst kommt von den Philippinen, ist jetzt seit zehn Jahren da. Ich glaube, er hat ein bisschen Heimweh, er möchte irgendwann auch wieder zurück, wenngleich er sich auch wohlfühlt. Aber er hat gemeint, sein Vertrag sei jetzt schon mehrfach ausgelaufen und er wird ständig verlängert. Er hat das Wort "fulfillment" benutzt, also er ist total erfüllt mit seiner Aufgabe. Wir sind auf den Synodalen Weg zu sprechen gekommen, weil das tatsächlich auch in Katar ein Thema ist. Man ist da sehr mit dem weltweiten Synodalen Weg verbunden. An der Kirche hängen ganz viele Fahnen, es gibt ganz viel Material dazu, auch in der Kirche. Und am Ende des Gottesdienstes trat eine Lektorin ans Ambo und sagte: So, jetzt knien wir uns alle hin, und beten gemeinsam das Gebet um den Synodalen Weg. Eine Besonderheit in der Kirche sind die zwei großen Video-Displays rechts und links, wo auch die Liedtexte eingeblendet werden. Da war der Text dieses Gebets in Englisch drauf und alle haben mitgebetet. Es war ein ganz intensiver Moment, als sich alle hingekniet und dieses Gebet gebetet haben für die Zukunft der Kirche und dass man die richtigen Antworten findet. Darüber habe ich mit dem Pastor auch gesprochen. Er wollte von mir wissen, was in Deutschland los ist, weil er in den Medien immer davon lesen würde. Er kam aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr raus und hat gemeint, ob das, was da in Deutschland abgeht, eine zweite Reformation werden soll. Es ist aus seiner Perspektive überhaupt nicht nachvollziehbar, was in Deutschland passiert. Und er kann auch nicht verstehen, dass die Bischofskonferenz so zerstritten ist. Man sollte sich doch wieder auf das besinnen, worauf es ankommt und nach Rom gucken. Er war da ganz eindeutig in seiner Meinung. Er wollte von mir mal einen Eindruck von vor Ort wissen, was eigentlich los ist in Deutschland.

Bild: ©domradio.de/Nicolas Ottersbach (Archivbild)

Matthias Friebe ist Sportjournalist und Theologe und arbeitet unter anderem für den Deutschlandfunk.

Frage: Auch bei der WM selbst gab es die Diskussion darüber, wie mit den unterschiedlichen Religionen umgegangen wird. Es gibt das Verbot von koscherem Essen und jüdischen Gebeten in Katar. Das führt ja quasi dazu, dass die Zehntausenden gläubigen Juden in den WM-Wochen nicht in das Land reisen könnten, die eigentlich kommen wollten. Ist es möglich, seinen Glauben offen zu praktizieren?

Friebe: Du wirst hier nicht blöd angeguckt. Ich glaube, du kannst auch beispielsweise ein Kreuz an einer Kette oder so etwas tragen und das zeigen. Ich habe jetzt noch keine Zwischenfälle der Art mitbekommen. Es ist aber tatsächlich so, dass alles, was irgendwie öffentliche Ausübung ist, was Gottesdienste sind, auf diesem Gelände stattfindet. Vielleicht ein anderes Beispiel, was das ganz schön verdeutlicht: Da das ja auch ein islamisches Land ist, ist der Sonntag sozusagen hier der Freitag, weil das der höchste Tag für die muslimische Bevölkerung ist. Es gibt eine Ausnahmegenehmigung des Vatikans für die katholische Gemeinde. Sie dürfen an dem Freitag die Sonntagsmesse feiern, weil hier die ganzen Menschen freitags frei haben und zum Gottesdienst gehen können. Es gibt Sonntagsgottesdienste, da kommen aber nur ganz wenige, weil die alle arbeiten müssen. Deswegen findet der Sonntagsgottesdienste schon am Freitag statt und ich war freitags da – es brannte tatsächlich schon die nächste Kerze auf dem Adventskranz und man hat schon die Sonntagsmesse gefeiert. Das zeigt, dass man sich hier anpasst und versucht, das Beste aus der Situation zu machen, und dass man sich mit den Gegebenheiten arrangiert, die einfach da sind. Man versucht, das Leben so gut es geht zu gestalten. Weihnachten gilt es übrigens nicht und Ostern auch nicht, also Karfreitag bleibt Karfreitag und Ostersonntag bleibt Ostersonntag, hat er mir erklärt. Aber an einem normalen Sonntag ist das der Freitag.

Frage: Präses Thorsten Latzel, der Beauftragte vom Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands, hat letztens in einem Interview gesagt, dass er wichtig fände, dass wir uns für einen Sport einsetzen, in dem der Mensch im Zentrum steht. Vor dem Hintergrund deiner geschilderten Eindrücke – kannst du bestätigen, dass das jetzt schon der Fall wäre oder dass man das in den nächsten Jahren – einer der Austragungsorte wird 2026 Mexiko sein – erkennen kann?

Friebe: Dass der Mensch im Vordergrund steht, kann ich bei Großereignissen eigentlich nicht erkennen. Es geht hier um vieles. Es geht um Geld, es geht um Märkte, es geht um Fernsehübertragungen, es geht um Sponsoren. Ich habe nicht das Gefühl, dass es wirklich um den Menschen geht. Natürlich versucht man, es den Spielern so angenehm wie möglich zu machen. Aber es ist nicht das, was in erster Linie im Mittelpunkt steht. Wir haben Stadien, die klimatisiert werden, weil sie sonst zu warm wären. Viele sagen, dass es bei den aktuellen Temperaturen gar nicht nötig ist. Es passiert trotzdem. Wir haben Spieler, die dann sogar gesagt haben, dass es irgendwie unangenehm ist mit der Klimaanlage. Man kommt nicht so schnell wieder zu Luft, wenn man gesprintet ist. Ich weiß nicht, ob das wirklich im Sinne des Menschen ist. Ich glaube, da müsste in der ganzen Sportwelt grundlegend was anderes passieren. Aber ich sehe nicht, dass sich das in den nächsten Jahren ändert.

Frage: Was bringt dir Hoffnung, Matthias?

Friebe: Mir bringt Hoffnung, dass trotz allem, was schlimm läuft, trotz allem, was nicht gut ist in dieser Welt, dass es trotzdem wieder Weihnachten wird und dass das Licht kommt. Darauf freue ich mich sehr und das macht mir viel Hoffnung.

Von Katharina Geiger