Bundesverfassungsgerichts-Urteil zu Aussagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Streit Priester-Bild: Karlsruhe stärkt Rechte von Missbrauchsopfern

Veröffentlicht am 24.11.2023 um 12:41 Uhr – Lesedauer: 

Karlsruhe/Köln ‐ Der Streit zwischen der Bild-Zeitung und einem Priester des Erzbistums Köln über Berichte zu Missbrauchsvorwürfen hat jetzt zu einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts geführt. Es geht darum, wie viel über die Betroffenen öffentlich werden soll.

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Betroffene von sexuellem Missbrauch haben vor Gericht einen Anspruch auf Aussagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das hat das Bundesverfassungsgericht in einem am Freitag veröffentlichten Beschluss festgestellt. Das Recht der Opfer auf Wahrung ihrer Intimsphäre und das Ziel einer ungestörten Wahrheitsfindung seien hier höher zu bewerten als das Interesse der Öffentlichkeit und die Pressefreiheit, so der Tenor. Der Beschluss wurde bereits am 10. November von der 1. Kammer des Ersten Senats getroffen.

Mit dem Beschluss wies das höchste deutsche Gericht eine Verfassungsbeschwerde der "Bild"-Zeitung ab. Diese hatte unter Hinweis auf das öffentliche Interesse und die Pressefreiheit eine Beschwerde gegen das Oberlandesgericht Köln eingelegt. Das Gericht hatte für die Dauer der Vernehmung eines Missbrauchsbetroffenen die Öffentlichkeit aus dem Gerichtssaal ausgeschlossen und die anwesenden Medienvertreter zur Geheimhaltung verpflichtet.

In der Sache ging es um intime Details eines Missbrauchsfalls im Erzbistum Köln, der unter anderem wegen einer späteren Beförderung des mutmaßlichen Täters durch Kardinal Rainer Maria Woelki in die Schlagzeilen kam. Der Priester wehrt sich vor Gericht gegen Berichte der Zeitung. In anderen noch laufenden Verfahren streiten sich auch Woelki und "Bild" vor Gericht, weil sich der Kardinal durch Berichte der Zeitung über seinen Umgang mit Missbrauchsfällen falsch dargestellt fühlt.

Kardinal Rainer Maria Woelki im Garten seines Erzbischöflichen Hauses
Bild: ©picture alliance/dpa | Oliver Berg (Archivbild)

Kardinal Woelki und die "Bild"-Zeitung streiten derzeit in mehreren anderen noch laufenden Verfahren vor Gericht.

Zur Begründung ihrer Entscheidung führten die Verfassungsrichter aus, das Schutzinteresse des Zeugen an der Wahrung seiner Anonymität und seines persönlichen Lebensbereichs sei wichtiger als das von der Bild-Zeitung beanspruchte Recht auf Berichterstattung in den Medien.

Im Einzelnen argumentierten die Richter, die Aufarbeitung sexueller Übergriffe auf Kinder und Jugendliche durch Mitarbeiter der katholischen Kirche stelle zwar ein Thema dar, "das von einem herausragenden öffentlichen Informationsinteresse begleitet wird". Dennoch fänden Gerichtsprozesse "zwar in der, aber nicht für die Öffentlichkeit statt". Einer unbegrenzten Öffentlichkeit der Verhandlungen vor Gericht stünden "gewichtige Interessen" gegenüber.

"Vermeidung von Einschüchterungseffekten"

Der Ausschluss der Öffentlichkeit ziele "auf die Vermeidung von Einschüchterungseffekten ab". Da das Beweisthema "Hintergrund, Hergang und Folgen sexueller Handlungen umfasst, die dem Zeugen widerfahren sein sollen, berührt es (...) dessen Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung und Wahrung seiner Intimsphäre."

Diesem Recht auch in Prozessen Rechnung zu tragen, sei Aufgabe der Gerichte. Das öffentliche Informationsinteresse sei zudem nicht in gleicher Weise schützenswert wie "das öffentliche Interesse an einer ungestörten Wahrheits- und Rechtsfindung." (KNA)

24.11., 14:15 Uhr: Ursprüngliche Meldung der KNA korrigiert. Es geht nicht um den Rechtsstreit zwischen Kardinal Woelki und "Bild", sondern um den Streit mit dem von Woelki beförderten Priester.