Nach Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens

Kanadischer Kardinal Ouellet gewinnt Verleumdungsprozess

Kardinal Marc Ouellet
Bild: picture alliance / abaca | Vandeville Eric/ABACA

Der emeritierte Kurienkardinal Marc Ouellet hat einen von ihm angestrengten Prozess wegen Verleumdung gewonnen. Ein Richter des Obersten Gerichts der kanadischen Provinz Québec verurteilte am Montag eine Frau, die Ouellet sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen hatte, dazu, dem Kardinal 100.000 kanadische Dollar Schadensersatz zu zahlen, wie mehrere Medien berichteten. Ouellet hatte die Klage eingereicht, weil die Frau seiner Ansicht nach seine Ehre und Würde geschädigt hatte. Sie hatte Ouellets Namen 2022 in einer Sammelklage genannt, in der Mitgliedern des Erzbistums Québec sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen wurde.

Die Frau hatte erklärt, sie habe den Kardinal zwischen 2008 und 2010 mehrfach getroffen, als sie eine Ausbildung zur pastoralen Mitarbeiterin der katholischen Kirche absolviert und später als solche gearbeitet habe. Dabei habe Ouellet sich ihr gegenüber in verschiedener Weise unangemessen verhalten, unter anderem durch unerwünschte Berührungen. Die Frau hatte ihre Vorwürfe erstmals 2008 anonym einem kirchlichen Beratungsgremium gemeldet. 2021 wandte sie sich dann mit einer Beschwerde an Papst Franziskus (2012–2025). Diese wurde 2022 zurückgewiesen – im selben Jahr schloss sie sich der Sammelklage an.

Richter: Darstellung der Ereignisse nicht glaubwürdig

Der Richter im jetzt abgeschlossenen Verleumdungsprozess wies die Anschuldigungen der Frau zurück und befand, ihre Darstellung der Ereignisse sei nicht glaubwürdig. In seiner am Montag veröffentlichten 52-seitigen Entscheidung schrieb er, die Frau habe gegenüber dem Kardinal "leichtfertig oder sogar böswillig" gehandelt und sich nicht so verhalten, wie es eine "vernünftige Person" getan hätte. Die Frau habe sich, so der Richter, mit dem Umgang mit ihrer Beschwerde an Papst Franziskus nicht zufriedengegeben und daraufhin ihre Darstellung der Ereignisse verändert, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen.

Die Beweise hätten zweifelsfrei gezeigt, dass die Vorwürfe unbegründet gewesen seien, so der Richter weiter. Die Frau habe bei ihrer Anschuldigung gegen Ouellet 2022 keine Rücksicht auf dessen Rechte genommen. Der Schaden für Ouellets Ruf sei dadurch noch verstärkt worden, dass sich die Sammelklage gegen das Erzbistum Québec überwiegend gegen Geistliche oder Laien gerichtet habe, denen Pädophilie vorgeworfen worden sei.

"Freuen uns, dass das Gericht das Unrecht anerkannt hat"

Ein Vertreter der Kanzlei, die Ouellet in dem Prozess vertrat, erklärte am Montag: "Wir freuen uns, dass das Gericht das Unrecht anerkannt hat, das Kardinal Ouellet widerfahren ist, und dass die gegen ihn begangene Verfehlung nun einen Anspruch auf Wiedergutmachung begründet." Ouellet hat den Berichten zufolge zugesagt, sämtliche aus dem Verfahren erhaltenen Gelder für den Kampf gegen Missbrauch indigener Menschen zu spenden.

Der 82-jährige Ouellet war von 2002 bis 2010 Erzbischof von Québec und von 2010 bis 2023 Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Bischöfe. Sein Nachfolger in diesem Amt war Kardinal Robert Francis Prevost, der heutige Papst Leo XIV. (stz)