Es geht um weißen Stein und roten Stuckmarmor, um rund 150.000 Euro – und inzwischen um weit mehr als die Frage, wie ein Altar aussehen soll. Seit Monaten sorgt die geplante Neugestaltung des Altarraums der Basilika St. Martin in Weingarten in Württemberg für heftige Debatten. Es geht um Tradition und Veränderung, aber auch um Mitbestimmung und die Frage, wer eigentlich entscheidet, wenn sich eine Kirchengemeinde über ihre eigene Kirche uneinig ist.
Im Zentrum des Streits steht ein neobarocker Altar. Die einen wollen ihn erhalten, die anderen den Altarraum im Zuge der Generalsanierung der Basilika neu gestalten. Zu den Befürwortern einer Neugestaltung gehören Pfarrer Ekkehard Schmid und der Kirchengemeinderat. Auf der anderen Seite stehen jene, die den historischen Altar bewahren wollen – und sie kämpfen mit einer Petition für seinen Erhalt. Inzwischen haben sie 5.000 Menschen unterzeichnet. Die Initiatoren fordern die Diözese Rottenburg-Stuttgart und die Kirchengemeinde St. Martin Weingarten auf, den historischen Heilig-Blut-Altar dauerhaft zu erhalten und auf seine geplante Entfernung im Zuge der Neugestaltung zu verzichten. Für sie ist er weit mehr als ein liturgischer Ort. In ihrem Petitionstext bezeichnen sie ihn als "bedeutendes Zeugnis der Liturgiegeschichte, der sakralen Kunst und der Wallfahrtstradition in Weingarten".
Reliquie im Altar
Der Altar entstand bereits in den 1930er-Jahren im Geist der Liturgischen Bewegung, die später auch die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) beeinflusste. Verkleidet ist er mit rotem Stuckmarmor. Doch seine besondere Bedeutung für Weingarten hat noch einen anderen Grund: Im Altar befindet sich nämlich die Heilig-Blut-Reliquie, die für Pilgerinnen und Pilger Ziel der Verehrung ist und im Mittelpunkt der traditionsreichen Heilig-Blut-Wallfahrt steht. Hinter einer Plexiglasscheibe wird die Reliquie aufbewahrt. "Der Erhalt des historischen Heilig-Blut-Altars ist kein Festhalten an der Vergangenheit", schreiben die Initiatoren der Petition. Vielmehr sei er ein "Zeichen des Respekts vor der Geschichte dieses bedeutenden Wallfahrtsortes" und Ausdruck der Verantwortung gegenüber kommenden Generationen.
Doch warum soll der Altarraum überhaupt verändert werden? 2021 lässt das Land Baden-Württemberg die Basilika für 14,4 Millionen Euro generalsanieren. Die Überlegungen zu einem neuen Altar kamen allerdings erst drei Jahre später auf – 2024, im Jahr des 300-jährigen Kirchenjubiläums. Pfarrer Schmid sagte gegenüber der "Zeit", bei einer derart umfangreichen Sanierung müsse auch darüber gesprochen werden, ob der liturgische Raum in seiner bisherigen Form noch passe. Doch zuvor habe man bei Sanierungsarbeiten festgestellt, dass der Sockel des bisherigen Altars marode sei. Schließlich entstand die Idee eines Wettbewerbs zur Neugestaltung des Altarraums. Die Federführung lag bei der Kunstkommission der Diözese. In der Jury saß unter anderem auch der Oberbürgermeister von Weingarten. Die Wahl fiel auf einen Entwurf des Künstlers Albrecht Zauner, der einen schlichten Altar aus weißem Stein entwarf. Die Kosten werden mit rund 150.000 Euro angegeben. Optisch wäre das ein deutlicher Kontrast zum roten Stuckmarmor des bestehenden Altars. Die finale Ausarbeitung soll im Herbst vorgestellt werden. Unterdessen sind Abbruch und Umbau des Altarraums im kommenden Jahr geplant.
Seit Monaten sorgt die geplante Neugestaltung des Altarraums der Basilika St. Martin in Weingarten in Württemberg für heftige Debatten. Es geht um Tradition und Veränderung, aber auch um Mitbestimmung und die Frage, wer eigentlich entscheidet, wenn sich eine Kirchengemeinde über ihre eigene Kirche uneinig ist.
Zauner kennt die Auseinandersetzungen, die Veränderungen in Kirchen auslösen können. "Die Angst vor Veränderung ist ein Gefühl, für das ich auch (begrenzt) Verständnis habe", sagt er in einer Stellungnahme. In vielen Kirchengemeinden habe er erlebt, "dass sich zwischen Bewahrern und denen, die offen für Neues waren, eine Kluft aufgetan hat". Sein Ansatz sei deshalb, einem Kirchenraum mit großem Respekt zu begegnen. Neue liturgische Gegenstände und Orte sollten als neue Mitte erkennbar sein und sich zugleich harmonisch in den bestehenden Kirchenraum einfügen. Bei früheren Projekten sah es laut Zauner so aus: "Am Ende war die Kluft meist wieder verschlossen, da die Verbesserungen anerkannt und verstanden wurden."
Mitsprache und Transparenz
In Weingarten ist es bislang anders gekommen, denn die Debatte dreht sich längst nicht mehr allein um architektonische Fragen. Sie hat eine zweite Ebene bekommen, nämlich die Frage nach Mitsprache und Transparenz. Für zusätzliche Kritik sorgte, dass der Kirchengemeinderat in einer nichtöffentlichen Sitzung für eine neue Altarraumkonzeption votierte. Annemarie Mayer vom Lehrstuhl Dogmatik und Dogmengeschichte an der Theologischen Fakultät Trier, die die Petition unterstützt, sieht darin ein grundsätzliches Problem. "In Zeiten, in denen die katholische Kirche oft negative Schlagzeilen macht, ist so viel Engagement in einer kirchlichen Frage an sich schon bemerkenswert", sagt sie im Gespräch mit katholisch.de. Angesichts der Diskussionen um Synodalität in der katholischen Kirche in Deutschland hätte die Amtskirche hier die Gelegenheit gehabt zu zeigen, "dass sie es ernst meint mit dem Hören auf das Volk Gottes".
Wenn sich die Kirche zu "synodalen Wegen" verpflichte, müsse auch die Frage erlaubt sein, warum dies in einem solchen Konflikt nicht stärker zum Tragen komme, argumentiert Mayer. Stichwort: Sensus fidelium. Auch wenn von den 5.000 Unterschriften nur circa 1.300, also knapp ein Viertel, aus Weingarten kommen. Pfarrer Schmid sieht das anders. Man habe die Situation in Ruhe besprechen und diskutieren wollen – ohne die öffentliche Aufregung. Zudem verweist er auf die gewählten Strukturen der Gemeinde: Wer im Kirchengemeinderat mitreden wolle, habe die Möglichkeit gehabt, sich zur Wahl zu stellen. Doch gerade die nichtöffentliche Beratung wurde zum Gegenstand weiterer Kritik. Schließlich sah sich auch die Diözese Rottenburg-Stuttgart veranlasst, zur Rechtmäßigkeit des Vorgehens Stellung zu nehmen.
Grundsätzlich seien zwar öffentliche Sitzungen des Kirchengemeinderats vorgesehen, erklärte die Diözese in einem öffentlich gemachten Brief vom 19. Juni. Nichtöffentliche Beratungen seien nach der Kirchengemeindeordnung jedoch ausdrücklich möglich. Der Gemeinderat könne für einzelne Sitzungen oder Tagesordnungspunkte die Öffentlichkeit ausschließen; ebenso könne nichtöffentlich verhandelt werden, wenn das Wohl der Kirchengemeinde oder berechtigte Interessen Einzelner dies erforderten. Nach Angaben der Diözese gebe es auf Grundlage der ihr vorliegenden Erkenntnisse keine belastbaren Anhaltspunkte dafür, dass die Nichtöffentlichkeit gewählt worden sei, um kritische Stimmen gezielt von der Beratung auszuschließen. Damit ist die formale Frage aus Sicht der Diözese beantwortet. Der Streit über die Art der Entscheidungsfindung ist es nicht.
Hunderte Kommentare – und viel Unmut
Wie tief der Konflikt inzwischen reicht, zeigt ein Blick auf die Petition. Über 900 Kommentare wurden dort abgegeben. Viele richten sich gegen die geplante Neugestaltung – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Ein Unterzeichner schreibt: "Ich kann nachvollziehen, dass die Basilika als Pfarrkirche viele Anforderungen erfüllen soll, aber zuerst ist sie doch Wallfahrtskirche und gebauter Glaube. Dieser Altar wurde in wirtschaftlich und politisch schwieriger Zeit unter großen Opfern der Gläubigen gebaut. Für kleinere oder intimere Feierformen gäbe es sicher Möglichkeiten im Chorraum."
In Zeiten, in denen die katholische Kirche oft negative Schlagzeilen macht, ist so viel Engagement in einer kirchlichen Frage an sich schon bemerkenswert
— Dogmatikerin Annemarie Mayer
Ein anderer verweist auf die liturgiegeschichtliche Bedeutung: "Der Heilig-Blut-Altar beherbergt nicht nur die Heilig-Blut-Reliquie, sondern ist ein wertvolles Zeugnis der Liturgischen Bewegung aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts. Als 'Volksaltar' 1931 errichtet, war er seiner Zeit weit voraus. Er fügt sich wunderbar in das Gesamtensemble der Basilika ein." Andere wiederum kritisieren vor allem die Kosten: "Es ist so sinnlos, soviel Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Es gibt viele soziale Projekte, die davon unterstützt werden könnten", heißt es in einem Kommentar. Durch das Projekt sei "eine tiefe Spaltung in der Kirchengemeinde entstanden". Ein weiterer Unterzeichner schlägt vor, das Geld stattdessen für soziale und karitative Zwecke oder für zerstörte Altäre in Kriegs- und Erdbebengebieten einzusetzen. Die geplante Neugestaltung sowie das Vorgehen der Verantwortlichen seien für ihn "in keinster Weise nachvollziehbar". Ebenso finden sich persönliche Verbindungen, Erinnerungen: "Dieser Altar hat sich tief ins kollektive Bewusstsein der Gläubigen eingeprägt und gehört für viele zu ihrer Glaubensgeschichte, der man mit Respekt begegnen soll. Er gehört auch zu meiner eigenen Berufungsgeschichte als Priester."
Planungen lösten Debatte aus
Die Auseinandersetzung ist inzwischen offenbar auch persönlich geworden. Der Kirchengemeinderat reagierte deshalb mit einer eigenen Stellungnahme. Die Planungen hätten eine intensive Debatte ausgelöst, und es gebe verschiedene Möglichkeiten, sich dazu zu äußern, heißt es darin. "Ehrliche und konstruktive Rückmeldungen und Anregungen sowie sachliche Kritik sind in dem komplexen und langwierigen Entscheidungsprozess durchaus willkommen und haben auch schon Berücksichtigung gefunden." Zugleich zieht das Gremium eine Grenze: "Äußerungen jedoch, die einzelne Personen persönlich diffamieren, bloßstellen oder verletzen, wollen und können wir nicht akzeptieren." Der Kirchengemeinderat stelle sich deshalb "unmissverständlich hinter Pfarrer Ekkehard Schmid".
So ist aus der Frage nach einem neuen Altar längst eine Auseinandersetzung darüber geworden, wie viel Veränderung ein historischer Kirchenraum verträgt – und wie eine Kirche Entscheidungen trifft, wenn Tradition, liturgische Vorstellungen und der Wunsch nach Mitbestimmung aufeinanderprallen. Der weiße Stein und der rote Stuckmarmor sind dabei nur noch die sichtbarsten Zeichen eines Konflikts, der tiefer reicht.