Görlitzer Bischof schreibt den Vorstandsvorsitzenden

Wegen Siemens: Offener Brief von Bischof Ipolt

Aktualisiert am 27.11.2017  –  Lesedauer: 
Bistum Görlitz

Görlitz ‐ Siemens will sein Turbinenwerk in Görlitz schließen. Eine "wirtschaftliche Katastrophe", urteilt Bischof Wolfgang Ipolt. Nun bittet er den Aufsichtsrat persönlich: Suchen Sie nach anderen Lösungen!

  • Teilen:

Der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt wendet sich mit einem Offenen Brief gegen die Schließung des Siemens-Werkes in Görlitz. Auch wenn er kein Manager sei, appelliere er an die Verantwortlichen, nach Wegen zu suchen, "um das Görlitzer Siemens-Werk als industriellen Kern zu erhalten", schreibt Ipolt in dem am Montag veröffentlichten Text. Die beabsichtigte Werkschließung sei eine "wirtschaftliche Katastrophe". Der Bischof wendet sich mit seinem Brief direkt an den Aufsichtsrat von Siemens.

Der Technologie-Konzern Siemens hatte in der vergangenen Woche angekündigt, seine Standorte in Leipzig und Görlitz aufzugeben. Mehr als 1.000 Arbeitsplätze im Turbinengeschäft sollen wegfallen. Bereits in einer ersten Reaktion hatte der Görlitzer Bischof die Entscheidung kritisiert und sich dem Protest gegen die geplante Schließung angeschlossen. "Ich hoffe mit den Arbeitnehmern, dass Siemens auch bereit ist, nach anderen Lösungen Ausschau zu halten", sagte Ipolt damals. (bod)

Bild: ©KNA

Der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt wendet sich in einem Offenen Brief an die Siemens-Verantwortlichen.

Der Offene Brief des Bischofs im Wortlaut

Sehr geehrte Damen und Herren des Siemens Aufsichtsrates,

nach einem Schreiben an den Siemens Vorstandsvorsitzenden Herrn Kaeser, wende ich mich in Sorge um die Menschen in meiner Bischofsstadt Görlitz und der Region und des Bistums Görlitz nun auch an Sie.

Angeregt zu diesem Schreiben hat mich der Beitrag im Handelsblatt online von Frank Specht vom 23. November 2017.

In dem Artikel heißt es: „Aufsichtsrat Jürgen Kerner hält die Standortschließungen bei Siemens nicht für alternativlos. Vorstandschef Joe Kaeser verweigere jedoch ergebnisoffene Gespräche, klagt der IG-Metall-Funktionär im Interview.“ Dialogbereitschaft von allen Seiten erwarten die Beschäftigten, auf deren Rücken diese offenbaren Kommunikationsprobleme ausgetragen werden. Immerhin geht es für die Menschen um ihre Existenz. Betroffene sind nicht „nur“ die Mitarbeiter, sondern über sie und ihre Familien hinaus viele weitere Beschäftige bei Zulieferern, Hochschule, Theater, Kliniken, bis hin zum Bäcker an der Ecke.

In dem erwähnten Beitrag wird Siemens-Aufsichtsrat Jürgen Kerner mit dem Satz zitiert: „Joe Kaeser muss auch dahin gehen, wo es wehtut“. Auf die Menschen zugehen, die von solchen Umwälzungen betroffen waren und sind, das war in den Jahren seit der politischen Wende 1989 hier im Osten vielfach Mangelware. Nötig wäre das aber gewesen, um ein besseres Zusammenwachsen zwischen den beiden Teilen Deutschlands voranzubringen. Wie Sie wissen, gehört unsere Region weiterhin zu den strukturschwachen Gegenden in Deutschland.

Seit einem Vierteljahrhundert sind wir von Deindustrialisierung und Abwanderung in sehr großem Maße betroffen. Allein die Stadt Görlitz hat in diesem Zeitraum ein Viertel ihrer Einwohner verloren. Tausende junge Menschen haben ihre Heimat verlassen, um anderswo Arbeit zu finden. Zurückgeblieben sind meist die Älteren, die wegen des Wegzugs ihrer Angehörigen oft einsam sind.

Nach Jahrzehnten härtesten Strukturwandels ist es den gemeinsamen Anstrengungen unserer Unternehmer und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu verdanken, dass die Arbeitslosenquote in Görlitz auf immer noch sehr hohe 13 Prozent gesunken ist. Seit einiger Zeit verspüren wir einen leichten Aufschwung. Junge Familien mit ihren Kindern kehren aus Heimweh und Verantwortung für Ihre Eltern und Großeltern zurück. Die Freude darüber ist in ihren Familien groß.

Die beabsichtigte Schließung der Siemens AG Power Generation Industrieturbinen in Görlitz bedeutet eine wirtschaftliche Katastrophe für uns. Neben dem Verlust von etwa 720 gutbezahlten Stellen im Werk, werden tausende Arbeitsplätze (z. B. Zulieferbetriebe) in unserer Region mittelbar in Ihrer Existenz bedroht.

Wenn Siemens in Görlitz geschlossen wird, werden wir um Jahre zurückgeworfen. Verbunden mit dem bevorstehenden Ausstieg aus der Braunkohle und mit den Unwägbarkeiten beim kanadischen Schienenfahrzeugbauer Bombardier droht den Menschen in meinem Bistum eine wirtschaftliche, soziale und gesellschaftspolitische Abwärtsspirale.

Ich bin kein Industriemanager und kann nicht einschätzen, in welchen Entscheidungszwängen Sie stehen. Aber ich bitte Sie und appelliere an Sie: Suchen Sie gemeinsam mit Ihrer Belegschaft und den politisch Verantwortlichen nach Wegen, um das Görlitzer Siemens-Werk als industriellen Kern zu erhalten. Die Görlitzer Turbinen sind zukunftssicher auf die Energiewende ausgerichtet und die Görlitzer Simensianer sind hoch loyal. Unter diesen Bedingungen kann für einen so großen deutschen Technologiekonzern eine Werksschließung nicht die einzige Option sein und es gilt, nach anderen Lösungen zu suchen!

Ich schließe die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Görlitzer Siemens-Werkes und die Menschen in meinem Bistum, deren Leben direkt oder indirekt von Ihrer Entscheidung beeinflusst wird, ganz besonders aber Sie, die Sie für solche weitreichenden Entscheidungen Verantwortung tragen, in meine Gebete ein und ersuche Sie meine Überlegungen ernsthaft zu bedenken.

Mit freundlichen Grüßen

gezeichnet:
Wolfgang Ipolt
Bischof