Der Mann im Hintergrund – Kardinal Rauber ist tot
Auch als Karl-Josef Rauber im hohen Alter unerwartet von Papst Franziskus mit dem Kardinalstitel geehrt wurde, änderte das im Leben des früheren Vatikan-Botschafters nichts. Der jahrzehntelang im diplomatischen Dienst stehende Priester blieb der überaus freundliche, zurückhaltende, humorvolle und bescheidene Mann, der er auch vorher war. Am Sonntagabend ist Rauber im Alter von 88 in Rottenburg gestorben.
"Alles soll bleiben, wie es ist", sagte Rauber, als ihn Franziskus 2015 überraschend zum Kardinal erhoben hatte. Und keinesfalls wollte er sich regelmäßig zu politischen oder kirchenpolitischen Fragen zu Wort melden. Er fühlte sich "zu alt, um die Kirche mitzuregieren". Und er sah sich "weder als Wegweiser noch als drohenden Zeigefinger der Gesellschaft". Seinen Vorsätzen blieb Rauber konsequent treu.
"Dinge mit Humor und Gelassenheit" nehmen
Sie passten zu einem Mann, der sich und anderen riet, "die Dinge mit Humor und Gelassenheit" zu nehmen. Er wohnte öffentlich fast unbeachtet in einem Vorort der württembergischen Bischofsstadt Rottenburg in einem Haus mit rund 100 Schönstattschwestern. Mit ihnen feierte er Gottesdienst und hörte Beichte. Rauber lebte bescheiden in zwei Räumen, eine Fünf-Zimmer-Wohnung hatte er abgelehnt. In den ersten Jahren nach der Kardinalserhebung half er in Württemberg noch in der Seelsorge aus und spendete jungen Menschen das Sakrament der Firmung. Doch in den vergangenen Jahren ließen seine Kräfte stark nach; eine Corona-Infektion im Vorjahr verschlechterte seinen Gesamtzustand weiter.
In der Kirche der Schönstattschwestern soll Rauber nun zunächst aufgebahrt werden, damit die Ordensfrauen von ihm Abschied nehmen können. Der Leichnam soll dann nach Rom überführt werden, damit der verstorbene Kardinal auf dem dortigen Friedhof Campo Santo Teutonico bestattet werden kann. Dort ist auch das Grab seiner Eltern.
Sollte Rauber die späte Kardinalserhebung als Wiedergutmachung verstanden haben – öffentlich anmerken ließ er sich das nie. Nicht immer hatte Rauber alles so erledigt, wie es sich Vorgesetzte wünschten. Daraus machte Rom wenig Hehl, und der Diplomat machte aus seinem Herzen auch keine Mördergrube, als er öffentlich erklärte, wer ihn wo anschwärzte. So wurde viel darüber spekuliert, ob Franziskus bewusst einen Mann ehren wollte, der es mit dem römischen System nicht immer leicht hatte.
Pikant war vor allem Raubers erste Stelle als Botschafter in der Schweiz, wo es wegen des damaligen Churer Bischofs Wolfgang Haas regelrecht zu Verwerfungen zwischen Staat und Kirche kam. Die katholische Kirche in den Kantonen drehten Haas den Geldhahn zu und sabotierten seine Personalentscheidungen. Das Außenministerium in Bern schaltete sich wiederholt beim Vatikan ein und sah eine Störung des Religionsfriedens.
"Beinahe ausweglose" Situation
Auch die Schweizer Bischöfe sahen eine "beinahe ausweglose" Situation. Rauber sollte vermitteln, und er tat es. Der Vatikan aber versetzte ihn anschließend nach Ungarn, weil er wohl zu viel Verständnis für die rebellischen Schweizer aufgebracht hatte. Trotzdem wird Rauber der Plan für die heute noch geltende Lösung zugeschrieben, Haas zum Erzbischof von Liechtenstein hoch zu loben und ihn so aus der Schweizer Schusslinie zu bringen.
Rauber stammte aus Nürnberg, hatte in Mainz Theologie studiert und wurde dort 1959 zum Priester geweiht – weshalb er Mainz stets als seine geistige Heimat sah. Nach einer ersten Seelsorgetätigkeit in Nidda ging es für Rauber zum Studium nach Rom, wo er zeitgleich eine Diplomatenausbildung begann und im Staatssekretariat arbeitete. 1983 ernannte ihn Johannes Paul II. zum Bischof, er kam nach Uganda. Drei Jahre leitete Rauber die Päpstliche Diplomaten-Akademie, bevor es dann in die Schweiz ging.
Sehr erfreut zeigte sich Rauber über "die Öffnung der Kirche zu den Menschen" unter Franziskus. Auch dessen Leitungsstil sagte ihm zu. Früher seien Briefe aus Rom an den "hochwürdigsten Herrn Erzbischof" geschrieben worden, das Schreiben des Papstes zur Kardinalserhebung habe dem "lieben Mitbruder" gegolten. Eine Zugewandtheit, die Rauber schätzte – und die er selbst praktizierte.