Mehr als nur Kunigunde und Heinrich

Heilige Ehepaare: Vorbilder in der Liebe, Vorbilder im Glauben

Veröffentlicht am 14.02.2026 um 12:00 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Köln ‐ Heilige kennt jeder Katholik – doch heilige Ehepaare? Warum es so wenige heilige Eheleute gibt, und warum sich das ändern soll, erklärt der Kölner Heiligenexperte Helmut Moll im Interview.

  • Teilen:

Schon früh verehrten die ersten Christen Vorbilder im Glauben – zunächst vor allem Märtyrer, die in der römischen Christenverfolgung für ihren Glauben in den Tod gingen. Schon damals gab es heilige Ehepaare. Im Laufe der Kirchengeschichte wurden zwar vor allem Priester und Ordensleute zur Ehre der Altäre erhoben – aber eben auch immer wieder Paare. Kaiser Heinrich und Kunigunde, die Patrone des Erzbistums Bamberg, sind die wohl bekanntesten. Doch es gibt noch viel mehr. Wie viele, hat der Kölner Prälat und Heiligenforscher Helmut Moll in jahrelanger Archiv- und Recherchearbeit herausgefunden. Im Interview mit katholisch.de erläutert er, was Ehepaare heilig macht – und warum es in Deutschland viel zu wenige neue Heilige gibt.

Frage: Prälat Moll, es gibt viel weniger heilige Eheleute als heilige Priester und Ordensleute. Ist es schwerer als verheirateter Weltchrist heilig zu werden?

Moll: Das könnte so sein. Aber alle sind zur Heiligkeit berufen, sagt das Zweite Vatikanische Konzil. Alle Priester, Ordensleute und Laien, alle getauften Christen sind zur Heiligkeit berufen. Also können auch alle prinzipiell heiliggesprochen werden.

Frage: Wie viele heilige Ehepaare haben Sie gefunden?

Moll: Ich habe das Martyrologium Romanum fast zehn Jahre lang durchgearbeitet und habe von Januar bis Dezember alle Personen herauszufinden versucht, die als Eheleute selig- oder heiliggesprochen worden sind. Und in der Tat gibt es eine ganze Reihe von Menschen, die in der Ehe selig- und heiliggesprochen worden sind. In meiner Broschüre "Selige und heilige Ehepaare" habe ich in der vierten Auflage 80 heilige Ehepaare vorgestellt. Seit der Vorauflage habe ich zehn neue Ehepaare gefunden, die entweder auf dem Wege zur Seligsprechung sind oder, wie das Ehepaar Ulma in Polen, gerade selig- oder heiliggesprochen wurden. Es gibt also eine ganze Reihe von Ehepaaren, die aber weithin unbekannt sind. Wenn ich über die heiligen Ehepaare einen Vortrag halte, sagen die Leute, sie kennen nur Heinrich und Kunigunde aus Bamberg. Die anderen kennen sie nicht. Auch im katholischen Milieu sind die 80 heiligen Ehepaare kaum bekannt.

Bild: ©picture alliance/dpa/Miriam Schmidt (Archivbild)

Der Kölner Prälat Helmut Moll war im Erzbistum Köln für Heilig- und Seligsprechungen zuständig und ist Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für das Deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts. Jahrelang war er an der römischen Kurie tätig, unter anderem als Konsultor der Heiligsprechungskongregation. Seine Broschüre "Selige und heilige Ehepaare" ist mittlerweile in der vierten Auflage erschienen.

Frage: In der ersten Auflage Ihrer Broschüre hatten sie nur 60 Ehepaare gefunden. Es scheint also viele neue heilige Ehepaare zu geben.

Moll: Ja, das stimmt. Papst Johannes Paul II. wollte in seinem Pontifikat ein Ehepaar seligsprechen, und das ist ihm auch gelungen: 2001 wurde das italienische Ehepaar Beltrame Quattrocchi als erstes Ehepaar gemeinsam seliggesprochen. Alle Päpste nach Johannes Paul II. haben gesagt: Was er kann, kann ich auch tun. Benedikt XVI. wie Franziskus haben weitere Eheleute zur Ehre der Altäre erhoben, und bestimmt wird auch Papst Leo XIV. bald ein Ehepaar kanonisieren.

Frage: Damit es dazu kommt, ist die Kirche darauf angewiesen, Ehepaare zu finden, die im Ruch der Heiligkeit stehen – es kommt also auf die Ortskirchen an. Haben wir das in Deutschland genug im Blick?

Moll: Eher nicht. Die deutschen Bischöfe sind, was Selig- und Heiligsprechungen angeht, eher zurückhaltend, vielleicht mit Ausnahme des Erzbischofs von München und Freising, bei dem aktuell fünf Verfahren anhängig sind. Es gibt aber auch deutsche Bistümer, die seit über 30 Jahren kein einziges Selig- und Heiligsprechungsverfahren angestoßen haben! Manche mögen daran kein Interesse haben, bei anderen scheitert es daran, dass sie niemanden im Generalvikariat haben, der ein solches Verfahren begleiten kann. Ich kann mich noch gut an das Verfahren für Max Josef Metzger erinnern, der 2024 seliggesprochen wurde. Da haben die Leute aus Freiburg regelmäßig bei mir angerufen und gefragt, wie es nun weitergeht. Den ostdeutschen Bistümern werfe ich nicht vor, dass sie nicht die Ressourcen haben, einen Prozess anzufangen und zu begleiten, aber in den westdeutschen Bistümern sollte das doch möglich sein.

Frage: Wie viele Ressourcen braucht man, um einen Kanonisationsprozess als Diözese ordnungsgemäß zu führen?

Moll: Das Bistum Regensburg, das Bistum Trier und bisher auch das Erzbistum Köln in meiner Wenigkeit hatten ein eigenes Referat für Selig- und Heiligsprechungen. Regensburg und Trier haben es noch immer, München und Freising hat einen vielbeschäftigten Postulator. Es braucht eine gewisse Anzahl von Personen, die sich einem Verfahren widmen können: neben dem Postulator, der das Verfahren leitet, einen Vize-Postulator, einen Promotor fidei – also den Kirchenanwalt, der herausfindet, was einer Kanonisation entgegensteht – und weitere Fachleute, die das Verfahren begleiten.

Darstellung der Familie der heiligen Thérèse von Lisieux in der französischen Basilika Notre Dame in Alencon.
Bild: ©picture alliance/Godong/Julian Kumar

Darstellung der Familie der heiligen Thérèse von Lisieux in der französischen Basilika Notre Dame in Alencon.

Frage: Zurück zu den heiligen Ehepaaren. Sind in Deutschland mögliche neue selige und heilige Paare in Sicht?

Moll: Papst Johannes Paul II. hat den deutschen Bischöfen einmal gesagt: "Nun bringt mir doch nicht immer nur Priester und Ordensleute. Bringt mir doch Laien!" Die Bischöfe sind aufgerufen, in ihrem Bistum geeignete Personen herauszufinden, auch Ehepaare. Wir wissen, dass diese Ehepaare oft im Verborgenen wirken. Sie sind vielleicht bei Kolping gewesen, vielleicht bei der KAB, aber sie sind in der Öffentlichkeit viel zu wenig bekannt – und werden manchmal auch schlicht nicht mitgedacht: Als das Bistum Essen das Verfahren für den von den Nationalsozialisten ermordeten Märtyrer Nikolaus Groß eröffnet hat, hätte man doch auch an seine Frau Elisabeth denken können, dann wäre ein neues Ehepaar seliggesprochen worden. Das hat man damals leider verpasst. In der Diözese Eisenstadt im Burgenland wurde der Arzt Ladislaus Batthyány-Strattmann 2003 seliggesprochen. Jetzt bemüht sich das Bistum darum, auch seine Frau Maria Theresia seligzusprechen.

Frage: Wie läuft ein Kanonisationsverfahren für Eheleute ab? Ist es ein verbundenes Verfahren oder sind es zwei Verfahren, die nebeneinander laufen?

Moll: Früher waren es zwei nebeneinander laufende Verfahren, für das Ehepaar Beltrame Quattrocchi noch gab es für beide Partner ein eigenes Verfahren. Heute verbindet man solche Verfahren, sie werden unter einer Protokollnummer geführt und sie werden seliggesprochen aufgrund ihrer gemeinsamen Verehrung und Heiligkeit.

Frage: Sie unterscheiden Märtyrer-Ehepaare und Bekenner-Ehepaare, also Paare, die zum einen für den Glauben gestorben sind, zum anderen sich durch ein vorbildliches Leben auszeichneten. Märtyrer-Paare gab es durch die Christenverfolgung schon früh. Ab wann kamen die Bekenner-Ehepaare in den Blick?

Moll: Das ist wie bei allen Heiligen: Die Heiligsprechung der Bekenner und damit auch der Bekenner-Ehepaare beginnt in der Zeit nach Kaiser Konstantin, also im vierten Jahrhundert. Nach Konstantin war die Zeit der Christenverfolgung im römischen Reich vorbei. Damit hatte eine neue Epoche begonnen, in der Personen zur Ehre der Altäre erhoben werden konnten, die keine Märtyrer sind. Am Anfang sehen wir bei den Paaren vor allem Adlige: heilige Königspaare, heilige Grafen und Gräfinnen. Danach, in der Scholastik, also im Hochmittelalter, gibt es ebenso eine Zeit mit weniger Märtyrern, mit Ausnahme der Kreuzzüge. Daher sind viele der heiligen Ehepaare aus dem Mittelalter bis zur Reformation Bekenner, die sich durch ein tugendhaftes Leben ausgezeichnet haben.

Frage: Was waren das für Paare, die selig- und heiliggesprochen wurden?

Moll: Die Kirche spricht Personen selig, wenn sie ein tugendhaftes Leben geführt haben, wenn sie Glaube, Hoffnung und Liebe, die göttlichen Tugenden, die vier Kardinaltugenden, also Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß ebenso gelebt haben wie die vom Evangelium kommenden drei Tugenden der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams. Dann sagt die Kirche: Diese Personen wollen wir als Vorbilder für die heutige Zeit nehme

Der Grabstein zeigt die Familie Ulma mit sechs Kindern und der schwangeren Mutter
Bild: ©picture alliance / NurPhoto | Artur Widak

Der Grabstein zeigt die Familie Ulma mit sechs Kindern und der schwangeren Mutter. Die polnische Familie hatte zwei jüdische Familien vor den Nationalsozialisten versteckt und wurde deshalb von der deutschen Polizei ermordet. Heute ehrt man sie nicht nur als "Gerechte unter den Völkern": 2023 wurde die gesamte Familie seliggesprochen.

Frage: Was können denn heutige Eheleute von diesen heiligen Ehepaaren lernen?

Moll: Sie können lernen, was es bedeutet, in guten und bösen Tagen zueinander zu stehen. Jeder, der verheiratet ist, weiß, dass es nicht nur Sonnentage in der Ehe gibt, sondern auch schwierige, zähe Tage, an denen man sich nicht versteht, an denen man aneinander vorbeiredet, an denen man Schwierigkeiten durch Streit löst. Aber diese heiligen Ehepaare haben in guten und bösen Tagen ihre Träume miteinander gelebt und sind einen gemeinsamen Weg gegangen. Die Ehe ist ein Sakrament und lässt sich nicht einfach trennen. Für uns Katholiken heißt es: Du und du für immer. Oft hatten sie auch viele Kinder – die Eheleute Batthyány-Strattmann hatten dreizehn Kinder, Karl I. und seine Frau Zita hatte neun Kinder. Und deshalb sind diese heiligen Eheleute auch heute noch ein lebendiges Beispiel und authentisches Vorbild für die Eheleute von heute.

Frage: Papst Benedikt XVI. hat noch einen anderen Aspekt angesprochen. Er hat konfessionsverbindende Ehen als "Werkstätten der Einheit" gewürdigt. Gibt es schon Beispiele von konfessionsverbindenden Ehen, in denen der katholische Teil kanonisiert wurde?

Moll: Bisher leider noch nicht. Unter den 80 heiligen Ehepaaren, die ich für mein Büchlein gefunden habe, gab es manche, die früher einmal evangelisch oder orthodox oder etwas anderes waren, aber die nichtkatholischen Partner sind dann am Ende doch immer katholisch geworden.

Frage: Sie haben so intensiv wie wohl kein anderer zu heiligen Ehepaaren geforscht. Welches Ehepaar ist für Sie persönlich ein besonderes Vorbild?

Moll: Ein besonderes Vorbild ist für mich das Ehepaar Zélie und Louis Martin. Ich habe es lange studiert. Der Mann war Juwelier, sie hat Stickereien angefertigt, und sie hatten neun Kinder. Vier davon sind im Kindesalter gestorben. Die verbliebenen fünf sind alle in einen Orden eingetreten. In dieser Familie muss ein Geist geherrscht haben, der besonders vom Evangelium geprägt war. Eines der Kinder, Marie-Françoise-Thérèse, kennen wir heute als heilige Thérèse von Lisieux. Sie ist sogar zur Kirchenlehrerin erhoben worden! Diese Familie ist für mich ein großartiges Beispiel. Die beiden Eheleute wollten ursprünglich gar nicht heiraten, und als sie geheiratet hatten, wollten sie zunächst keine Kinder haben. Aber dann hat die Mutter gesagt: "Wir sind doch verheiratet, dann müssen wir auch Kinder haben!" "Gut", sagte ihr Mann, "dann wollen wir auch Kinder ins Leben rufen." Und von dort aus ist dann das Ehepaar Martin ein lebendiges Beispiel für eine treue und gute Ehe geworden, ein Vorbild bis heute.

Von Felix Neumann