Gegen den "braunen Daumen": Hilfe aus dem Kloster für meinen Balkon

Jedes Frühjahr nehme ich mir aufs Neue vor, dass es diesmal anders wird. Dass der Balkon unserer Berliner Wohnung nicht wieder nach wenigen Wochen aussehen wird wie ein Mahnmal gescheiterter botanischer Vorsätze. Deshalb kaufe ich zum Frühlingsanfang Geranien, Lavendel und Stiefmütterchen, fülle gemeinsam mit meinen Töchtern motiviert die Blumenkästen und arrangiere die Töpfe mit einem Anflug von gestalterischem Ehrgeiz.
In den ersten Wochen danach sieht es auf unserem Balkon jedes Mal sehr schön aus, farbenfroh leuchten die Blumen bis ins Wohnzimmer. Doch während meine Familie und ich die florale Pracht genießen, weiß ich schon, wie es bald danach weitergehen wird: Spätestens im Juni hängen die meisten Blätter schlaff herab, die letzten Blüten verabschieden sich still, und mein "brauner Daumen" meldet sich zuverlässig zurück. Irgendwann sieht es auf unserem Balkon dann nur noch traurig aus, und ich nehme mir vor, es im kommenden Jahr besser zu machen – dann aber wirklich.
Ein Klostergarten, in dem es blüht, wächst und gedeiht
Um in diesem Jahr nicht erneut zu scheitern, beschloss ich vor ein paar Wochen, Menschen um Rat zu fragen, die wirklich Ahnung von Blumen und Pflanzen haben. Deshalb bin ich nach Alexanderdorf südlich von Berlin gefahren, genauer zu den Benediktinerinnen der Abtei St. Gertrud. Die sind in der Region neben ihrer Hostienbäckerei und ihrer Ikonenwerkstatt nämlich auch für ihren Klostergarten bekannt. Während auf unserem heimischen Balkon regelmäßig die Hoffnung eingeht, blüht, wächst und gedeiht es im Garten der Benediktinerinnen seit Jahrzehnten. Die Schwestern, so dachte ich, müssten mir helfen können.
Schwester Beata hilft gerne bei der Arbeit im Klostergarten mit und greift dafür zu Eimer und Gartenhacke.
An der Pforte zum Garten begrüßt mich an diesem sonnigen, aber kühlen Maimorgen Schwester Beata. Die 58-Jährige lebt seit 1991 in der Abtei St. Gertrud und hat dort gleich mehrere Aufgaben: unter anderem ist sie Priorin, Novizenmeisterin und für die Buchhaltung der Schwesterngemeinschaft zuständig. Die Gartenarbeit gehört dagegen nicht zu ihren offiziellen Aufgaben, im klösterlichen Grün hält sich die gebürtige Berlinerin trotzdem gerne auf und hilft dort auch gelegentlich mit. "Ich genieße den Garten sehr. Ich finde es faszinierend zu sehen, wie die Blumen und Pflanzen wachsen und wie unterschiedlich sich der Garten in den verschiedenen Jahreszeiten präsentiert", sagt sie, während sie mich mit ruhigen Schritten über eine Wiese zu den ersten bepflanzten Beeten führt.
Bei einem Rundgang durch den Garten erzählt sie mir dann von der Geschichte ihres Klosters. Das wurde 1934 von Benediktinerinnen gegründet, die zuvor in Berliner Krankenhäusern gearbeitet hatten. Als die Krankenhäuser aufgegeben wurden, zogen die Ordensschwestern raus aus der Stadt. Als Mittel zur Selbstversorgung spielte der Garten dabei von Anfang an eine wichtige Rolle. "Die Schwestern haben das Land hier urbar gemacht und in kleiner Form Landwirtschaft betrieben, Obst und Gemüse angebaut und in den ersten Jahren auch Hühner und Schweine gehalten", sagt Schwester Beata.
Frische Beeren oder Kräuter für die Klosterküche
Tiere gibt es im Kloster Alexanderdorf schon lange nicht mehr, und auch die für den Anbau von Obst und Gemüse genutzte Fläche in dem 5.000 Quadratmeter großen Garten ist mit der Zeit geschrumpft. Schließlich spielt die Selbstversorgung in Zeiten moderner Supermärkte heute keine Rolle mehr, "höchstens noch als kleine Ergänzung", so Schwester Beata. Über frische Kräuter oder Salat aus dem eigenen Garten freue sich die Klosterküche immer noch. Hinzu kommt, dass die Zahl der Schwestern in den vergangenen Jahren auch in Alexanderdorf geschrumpft ist. "Derzeit sind wir 18 Schwestern – die jüngste ist 42, die beiden Ältesten sind 88", erläutert Schwester Beata. Früher hätten fast immer mehrere Schwestern im Garten mitgearbeitet, doch das sei heute nicht mehr möglich.
„Ich genieße den Garten sehr. Ich finde es faszinierend zu sehen, wie die Blumen und Pflanzen wachsen.“
Während wir weiter durch den Garten gehen, zieht Schwester Beata Vergleiche zwischen der Gartenarbeit und dem klösterlichen Leben. Schon in der Benediktusregel, der vom heiligen Benedikt von Nursia (um 480–547) verfassten Anleitung für das klösterliche Leben, spielten die Anlage eines Klostergartens und die Feldarbeit eine Rolle. "Und man kann in der Benediktsregel auch ganz praktische Analogien zur Gartenarbeit finden. Wenn ich hier im Garten Unkraut jäte, dann fällt mir gelegentlich ein, was Benedikt zum Ausrotten von Fehlern und Sünden mit der Wurzel geschrieben hat", sagt die Benediktinerin mit einem Lächeln.
Als wir unseren Rundgang durch den Klostergarten beenden, "übergibt" mich die Ordensfrau an Claudia Schmidt. Die gelernte Landschaftsgärtnerin und Ökopädagogin kümmert sich seit 20 Jahren hauptamtlich um den Garten der Abtei. "Frau Schmidt kann Ihnen alle fachlichen Fragen zu ihren Balkonpflanzen beantworten", sagt Schwester Beata, ehe sie sich einen Eimer und eine kleine Gartenhacke nimmt und sich in einem der Gemüsebeete zu schaffen macht.
Verantwortung für die Schöpfung
Für Claudia Schmidt, das wird im Gespräch schnell klar, ist der Alexanderdorfer Klostergarten weit mehr als nur ein Arbeitsplatz. "Es ist schon ein spiritueller Ort", sagt sie. Besonders wichtig sei ihr die Stille des Klosters. Viele Menschen kämen hierher, um zur Ruhe zu kommen, sich "zu erden", im Garten mitzuarbeiten und wieder Kontakt zur Schöpfung aufzunehmen. Auch für sie selbst sei der Garten ein Ort, an dem Verantwortung für die Schöpfung konkret werde.
Gärtnerin Claudia Schmidt bei der Arbeit im Klostergarten.
Diese Verantwortung prägt auch ihre Arbeit. Denn der Garten der Alexanderdorfer Benediktinerinnen soll nicht nur gepflegt aussehen, sondern zugleich naturnah und ökologisch vielfältig bleiben. "Diesen Spagat zu schaffen zwischen naturnah und gepflegt, das ist mein Steckenpferd", sagt Claudia Schmidt. Zugleich sei das in Zeiten des Klimawandels alles andere als eine leichte Aufgabe. Die vergangenen sehr trockenen Jahre hätten den Garten verändert. "Wir mussten mehrere Bäume fällen, weil sie die Hitze nicht überstanden haben." Nun würden neue Bäume gepflanzt, um wieder Schatten und ein besseres Kleinklima zu schaffen.
Wie viel Sonne ? Wie viel Wind? Wo staut sich Hitze?
In den Beeten des Klostergartens, die mir die Gärtnerin bei meinem Besuch zeigt, wächst vieles – nur scheinbar zufällig – nebeneinander: Erdbeeren neben Schnittlauch, Ringelblumen neben Gemüse, Kräuter zwischen Blumen. "Wir versuchen einfach, eine möglichst hohe Vielfalt anzubauen", sagt Schmidt. Das sei auch ein kleiner Beitrag gegen das Artensterben. "Jeder Garten, jeder Balkon ist ein Trittstein für die Artenvielfalt."
Spätestens an dieser Stelle muss ich an meinen Berliner Balkon denken – und an meine regelmäßig scheiternden Versuche, ihn dauerhaft zum Blühen zu bringen. Ich schildere Claudia Schmidt meinen "braunen Daumen". Sie reagiert erstaunlich gelassen. "Als Erstes muss man nach dem Standort gucken", sagt sie. Balkon und Garten hätten viel mit Beobachten zu tun: Wie viel Sonne gibt es? Wie windig ist es? Wo staut sich Hitze?
„Einmal richtig nass machen, bis das Wasser unten ankommt, und dann ruhig auch mal ein paar Tage nicht gießen.“
Viele Menschen kauften Pflanzen, ohne auf diese Bedingungen zu achten. Dabei entscheide genau das oft darüber, ob etwas gedeihe oder nicht. Zudem sei auch die Auswahl der Blumenerde wichtig. Claudia Schmidt empfiehlt ausdrücklich torffreie Erde. "Auf dem Balkon kann man sich ruhig die etwas teurere Erde leisten", sagt sie. Torferde sei zwar meist günstiger, ihr Abbau zerstöre aber die Lebensräume vieler Pflanzen und Tiere und sei schlecht für das Klima. Und dann natürlich das Thema Wasser. Ob Pflanzen vertrocknen oder zu viel gegossen werden – daran scheitern viele Hobbygärtner, auch ich. Einen allgemeingültigen Trick gebe es allerdings nicht, sagt Schmidt. "Auch das Wässern hat viel mit Beobachten zu tun.“ Trotzdem formuliert sie eine Art Faustregel: lieber selten und kräftig gießen als ständig nur ein bisschen. "Einmal richtig nass machen, bis das Wasser unten ankommt, und dann ruhig auch mal ein paar Tage nicht gießen."
"Keinerlei Dogmatismus" bei den Pflanzen
Für Balkonkästen empfiehlt die Expertin Modelle mit Wasserreservoir oder doppeltem Boden, damit keine Staunässe entsteht. Sollte ich nicht so viel Zeit oder Lust zum Gießen haben, seien mediterrane Kräuter eine gute Idee. Die bräuchten meist weniger Wasser und kämen mit trockeneren Bedingungen besser zurecht als andere Pflanzen. Überhaupt rät Claudia Schmidt mir überraschend oft zu Kräutern. Schnittlauch gehe fast immer, sagt sie. Auch Thymian eigne sich gut für sonnige Balkone. "Und man kann die Kräuter dann auch selbst in der Küche nutzen." Zudem sei etwa blühender Schnittlauch schön anzusehen und er ziehe Schmetterlinge an.
Klassische Balkonpflanzen lehnt sie keineswegs ab. "Keinerlei Dogmatismus", sagt sie lachend. Wer etwa Geranien oder Lobelien möge, solle sie selbstverständlich pflanzen. Sie selbst würde dann allerdings heimische Pflanzen ergänzen: Wildblumen oder Stauden etwa. Ringelblumen empfiehlt sie ausdrücklich. "Die blühen den ganzen Sommer und sind total einfach." Gerade mit Kindern könne man sie problemlos aussäen. Auch Sonnenblumen seien eine gute Idee.
Der Klostergarten der Benediktinierinnen von Alexanderdorf.
Während wir durch den Garten gehen, spricht Claudia Schmidt immer wieder über Geduld und Grenzen. Gartenarbeit lehre einen, dass nicht alles in der eigenen Hand liege. "Wenn es monatelang nicht regnet, dann merkt man einfach, wie abhängig wir Menschen von der Natur sind." Trotzdem dürfe man die Hoffnung nicht verlieren. Für sie seien es oft die kleinen Dinge, die zählen: seltene Vögel wie der Pirol oder der Wiedehopf, die sie immer wieder im Klostergarten entdecke, Insekten zwischen den Blumen oder das Wissen, im Kleinen etwas für das Klima und die Artenvielfalt beitragen zu können.
Ob es in diesem Sommer dauerhaft blüht?
Zum Abschied frage ich sie, ob sie mir trotz meines "braunen Daumens" Mut machen würde, wieder zu versuchen, meinen Balkon zum Blühen zu bringen. "Ja, auf jeden Fall", sagt sie sofort. Mit kleinen Kindern sei es immer empfehlenswert, mit einfachen Pflanzen anzufangen: Sonnenblumen aussäen, Kräuter pflanzen, Ringelblumen wachsen sehen. "Sie werden sehen: Das klappt auch auf Ihrem Balkon", sagt sie mit einem Lachen.
Ein paar Tage später stehen tatsächlich ein paar neue Pflanzen und Kräuter auf unserem Balkon. Neben den üblichen Blumen wachsen nun auch Schnittlauch und Thymian in den Kästen. Meine Töchter drücken Sonnenblumenkerne in die Erde und diskutieren darüber, wer wann gießen darf. Ob unser Balkon in diesem Sommer dauerhaft blühen wird, weiß ich zwar noch nicht. Aber diesmal denke ich beim Pflanzen weniger daran, alles perfekt machen zu müssen. Sondern eher an das, was Claudia Schmidt über das Gärtnern gesagt hat: dass es vor allem mit Beobachten, Geduld und dem Wissen um die eigenen Grenzen zu tun hat.